Joanne K. Rowling: Harry Potter und der Orden des Phönix

Harry Potter und der Orden des Phönix

Verlag: Carlsen Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Fantasy
ISBN-13 978-3-551-55555-7

Preis: 28,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 03. Dezember 2016]
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Glückwunsch an die Autorin. Ich finde, dass "Harry Potter und der Orden des Phoenix" ausgesprochen spannend geschrieben und fesselnd zu lesen ist. Einige, in den bisherigen Bänden unklare Dinge klären sich auf (so wird Snapes Hass auf Harry nachvollziehbarer, mehr soll hier nicht verraten werden).
Während Band 4 meines Erachtens durch seine außergewöhnliche Grausamkeit am Ende etwas aus der bisherigen Reihe fiel, knüpft Band 5 wieder stärker - so meine Beobachtung - an die Erfolgsfaktoren der ersten drei Bände an (überschaubarer Schauplatz, begrenztes Figurenarsenal, witzige und skurrile Situationen, Wechsel zwischen heiteren und tragischen Elementen). Er ist weniger grausam wie der Vorgänger (obwohl eine Figur auch hier sterben muss), die horrormäßigen Elemente wurden reduziert. Für mich ein eindeutiges Plus. Die Handlung ist logisch aufgebaut, die Charakterzeichnung nach wie vor differenziert und vielschichtig, der Roman selber vielschichtig (Fantasy-Roman, Internatsgeschichte, Freundschaftsgeschichte etc.) Sicherlich liegt in dieser Vielfalt und dem Ideenreichtum der Autorin auch der Grund für den anhaltenden Erfolg der Serie.

Mir hat das Buch ausnehmend gut gefallen, besonders auch die Tatsache, dass sich Harry Potter entwickelt: die Autorin schafft es glaubwürdig, die Gefühle eines 15-jährigen unter seinen Freunden plastisch darzustellen. Harry Potter hat sich in diesem Buch sehr stark verändert: er ist reizbarer, unruhiger, stimmungsabhängiger: die Pubertät hat zugeschlagen. Er und seine Freunde wirken daher absolut glaubwürdig in ihren Handlungen und Reaktionen. Darin und in der Erschaffung einer eigenen "phantastischen" Welt mit ihren vielen liebevoll gezeichneten Details liegt Rowlings Stärke.

Was hebt nun aber den vorliegenden Band über die Vorgängerbände hinaus? Mir ist aufgefallen, dass das Gefühl der Bedrohung subtiler als in den Vorgängerbänden dargestellt wird, jedoch nachhaltiger "wirkt". Band 1 war sehr märchenhaft geschrieben und Zielgruppe waren eindeutig Kinder. Dies gilt auch für Band 2. Vom dritten Band an ist die Zielgruppe eindeutig älter: er richtet sich an Jugendliche und Erwachsene. Ab Band 3 wird die Atmosphäre düsterer, allerdings auch die Wahl der Mittel (Zeitumkehr) spektakulärer und unrealistischer. Band 4 ist sicherlich der ereignisreichste, allerdings auch bedrückendste bisher erschienene Band der Reihe, da hier zahlreiche neue Figuren und Schauplätze eingeführt werden; die "Dimension" der Auseinandersetzung wird "globaler" und "internationaler".

Hogwarts ist im 4. Teil lediglich ein - wenngleich wichtiger - Schauplatz der Ereignisse. Nur durch Zusammengehen aller - so die "Botschaft" des vierten Bandes, der leider nicht mehr den Humor der Vorgängerbände besitzt, ist Voldemort und das Böse zu schlagen.

Der vorliegende fünfte Band kehrt nun zur traditionellen Szenerie der Bände 1-3 zurück, Schauplatz sind die Dursleys und Hogwarts, welches wieder der "Mittelpunkt" der Zaubererwelt ist - und nicht mehr nur ein Ort und vielen in der vielgestaltigen Zauberwelt. Aber - und dies ist das herausragende Neue am vorliegenden fünften Harry-Potter-Buch: die Konflikte zwischen den Parteien gehen tiefer: aus einem Zweikampf der Parteien (hier Dumbledore (in der ersten Buchhälfte überraschend passiv gezeichnet, Harry, Hermine, Ron und die "guten" Zauberer gegen Voldemort und dessen Anhänger) wird ein Dreikampf, indem als dritte Partei das Zaubereiministerium mit Fudge und der großartig gezeichneten bösartigen Hauptfigur dieses Teils, der Lehrerin und Großinquisitorin Dolores Umbridge, erfolgt. Anspielungen auf totalitäre Systeme des 20. Jahrhunderts (Nationalsozialismus, Faschismus, Kommunismus) sind wohl nicht zufällig gewählt. Jedes selbstständige Denken, jeder Individualismus, soll zerstört werden. Dies zu zeigen, gelingt J. K. Rowling ausgesprochen gut.

Das - zugegebermaßen - etwas plötzliche Ende mit der Vertreibung der Großinquisitorin und dem Sieg des Guten wird teuer erkauft: mit einem sich lange dahinziehenden Endkampf, der zum Tod einer wichtigen Hauptfigur der guten Seite führt. Doch es zeigt auch: der Sieg über das Böse ist nie zum "Nulltarif" zu haben - er ist meist mit Opfern verbunden.

Es gibt Kritiker, die dem Band "Ereignisarmut" vorgeworfen haben. Er ist sicherlich nicht so reich an spektakulären Szenen wie die Vorgngerbände, aber meines Erachtens ist die Spannung subtiler aufgebaut; die Konfrontation der Parteien wirkt bedrohlicher und ging mi daher "mehr unter die Haut" als die Ereignisse in den bisherigen vier Bänden: das Erschrecken über das Böse ist tiefgründiger, da psychologisch noch genauer gezeichnet.

Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 11. November 2003

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