Dieter E. Zimmer: Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung

Ist Intelligenz erblich? Eine Klarstellung

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-498-07667-2

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Für den Wissenschaftsjournalisten Dieter E. Zimmer war das Thema Erblichkeit von Intelligenz längst abgeschlossen, als Thilo Sarrazin (Deutschland schafft sich ab: Wie wir unser Land aufs Spiel setzen) es für seine populistische Streitschrift zur mangelhaften Integration von Migranten in Deutschland wieder ausgrub. Zimmer hatte sich mit der Erblichkeit messbarer Intelligenz seit 1974 beschäftigt und erlebte den Aufruhr, den das Thema verursachte, anhand der Leserreaktionen auf seine Artikel in der ZEIT. Mit seiner Klarstellung fängt der Wissenschaftsjournalist also noch einmal bei Null an, indem er erläutert, wie Wissenschaftler in zahlreichen Untersuchungen an Zwilingspaaren und adoptierten Kindern ermittelten, dass der IQ durch unsere Gene stärker als durch unsere Umwelt beeinflusst wird. Voraussetzung zum Verständnis des Themas ist die Kenntnis der Begriffe Korrelation, Normalverteilung und Standardabweichung, die Zimmer im Anhang erklärt.

Diskussionen um genetisch bedingte Unterschiede des IQ werden mit großem Missionierungseifer geführt, weil es dabei auch um die Verteilung öffentlicher Gelder zur frühkindlichen Förderung geht und darum ob die Förderung der kognitiven Leistung von Kindern langfristig überhaupt Wirkung zeigt. Die Veröffentlichung von Arthur Jensen von 1969, die die Kleinkind-Förderung für wirkungslos erklärte, sorgte in den USA für einen gewaltigen Eklat, weil sie den Glauben an die unbegrenzte Formbarkeit des Menschen in der Tradition des Behaviorismus und den damit verbundenen Mythos des "Jeder-kann-es-schaffen-der-sich-genug-anstrengt" als Wunschdenken entlarvte. Jensen erboste die Nation mit seinen Erkenntnissen zum Intelligenzquotienten einzelner Bevölkerungsgruppen, als er Schwarzen einen um 15 Punkte niedrigeren IQ im Vergleich zum Durchschnitt attestierte. Die Verhaltensgenetik war durch Jensen in Verruf gebracht, IQ-Tests fortan verbannt, weil Afroamerikaner schlechter darin abschnitten als Weiße und Asiaten. In Deutschland führt die Empfindlichkeit gegenüber dem Thema Intelligenzunterschiede ethnischer Gruppen bei vielen zur Selbstzensur. Zimmer konstatiert sie auch bei sich und zitiert deshalb in Kapitel 12 ausschließlich Argumente anderer Autoren zum Thema. Intelligenzunterschiede haben schon immer zur Stabilisierung bestehender Hierarchien zwischen Schwarz und Weiß oder Mann und Frau geführt.

1996 brachte eine kritische Bestandsaufnahme der bis dahin vorliegenden Untersuchungen, dass die Erblichkeit von Intelligenz in der Kindheit 45% beträgt und im Alter auf 75% ansteigt. Adoptierte Kinder hatten in ihrem IQ wider Erwarten geringe Ähnlichkeit mit ihren Adoptiveltern und -geschwistern; sie wurden als Jugendliche ihren leiblichen Eltern sogar immer ähnlicher. Eine Neuanalyse bereits vorliegender Studien mit getrennt aufwachsenden eineiigen Zwillingspaaren erbrachte eine Erblichkeit kognitiver Grundfähigkeiten von 75%, einen Einfluss der Umwelt von (nur) bis zu 19%. 1904 bereits entdeckte der Statistiker Spearman, dass gute Schüler häufig in mehreren Fächern gute Leistungen brachten, und schlechte Schüler in mehreren Fächern schlecht waren. Er nannte seinen gemeinsamen Faktor "g", general intelligence. Obwohl ein schlichtes Rechenergebnis, wurde auch der g-Faktor zum Hassobjekt der Öffentlichkeit. Ob der g-Faktor oder der IQ untersucht wurde, die Erblichkeit rangierte auch bei kritischer Betrachtung zwischen 83 und 86%.

Daten über den IQ stammen zum großen Teil aus Einstellungstests für Rekruten. Armeen hatten schon immer Interesse, mit zuverlässigen Testverfahren für die kostspielige Ausbildung möglichst leistungsfähige Rekruten auszusieben. Ein Testkandidat, der im Vergleich zum durchschnittlichen IQ von 100 nur einen Wert von 80 erreicht, wird weder beim Militär noch in einem Betrieb eingestellt werden. Zimmer stellt in diesem Zusammenhang die entscheidende Frage, welche Jobs wir für die Bevölkerungsgruppe bereithalten, deren Fähigkeiten kein Schulsystem verbessern wird. Im Folgenden beleuchtet der Autor kritisch, ob IQ-Testverfahren genau und zuverlässig sind, ob sie kulturneutral sind oder Zuwanderer mit schlechten Sprachkenntnissen evtl. benachteiligen. Er überlegt, ob die Lebens- und Ernährungsbedingungen die Entwicklung von Intelligenz beeinträchtigen oder fördern könnten. Auch dass Testpersonen überdurchschnittlich oft aus der Mittelschicht rekrutiert werden und Mittelschicht-Familien evtl. häufiger Kinder adoptieren, bedenkt Zimmer.

Schließlich stellt er eine Studie aus Schottland vor, an der die bisher bekannten methodischen Fehler nicht zu kritisieren sind, weil sie einen kompletten Jahrgang untersucht, aus dem sich sogar Zwillingspaare ausfiltern ließen. Exkurse drehen sich um die Messung fluider oder kristalliner Intelligenz, den Flynn-Effekt, der eine konstante Steigerung des IQ um einen Punkt pro Jahr feststellte (die Werte stammen aus Musterungsuntersuchungen) und schließlich das Altern von Intelligenz. Ergebnisse der PISA-Studie dienen Zimmer dazu, den Unterschied zwischen Korrelation und Kausalität zu verdeutlichen. Wenn Phänomene gemeinsam auftreten (wie im PISA-Test IQ und PISA-Werte), ist häufig erst noch zu beweisen, ob und wie Ursache und Wirkung einander bedingen.

Mit einer Untersuchung der mathematischen Fähikgeiten von Schülern durch niederländische Soziologen widerlegt Zimmer schließlich Sarrazins Minderbegabungsthese (türkische muslimische Schüler in deutschen Schulen seien Muslimen anderer Herkunft in ihrer Intelligenz unterlegen). Ausschließlich Mathematikleistungen wurden gemessen, um eine Benachteiligung durch mangelnde Sprachkenntnisse auszuschließen. Wenn deutsche Schüler einen Mathematik-Quotienten von 100 erreichten, betrug er bei Immigranten generell 91, bei türkischstämmigen Schülern in Deutschland 87 und bei türkischstämmigen Schülern in den Niederlanden 97. Die Untersuchung widerlegt Sarrazin - und wirft die Frage auf, warum Deutschlands Schulen das Begabungspotential von Migranten soviel schlechter entwickeln als Schulen in den Niederlanden. Türkische Schüler in deutschen Schulen leisteten in diesem Test ebenso viel wie ihre Altersgenossen in türkischen Schulen (BQ von 88 und 86), die Mathematikleistungen in anderen Ländern rund um das Mittelmeer könnten im Gegenteil eher eine mediterrane Matheschwäche vermuten lassen.
Fazit
Auch wenn die Begriffe Kausalität und Korrelation bisher nicht zu meinem Alltagswortschatz gehörten, hat mir Dieter E. Zimmer die Problematik der Sarrazin-Diskussion verdeutlicht: das Jonglieren mit Daten allein ohne Statistikkenntnisse und die Fähigkeit zur Beweisführung ist sinnfrei. Zimmer gibt mit seinem angenehm zu lesenden Buch ein Beispiel für seriösen Wissenschaftsjournalismus, indem er seine Quellen so zitiert, dass sie problemlos für den Leser nachvollziehbar und zeitlich einzuordnen sind.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 27. Januar 2012

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