Marlene Streeruwitz: Die Schmerzmacherin

Die Schmerzmacherin

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-10-074437-1

Preis: 19,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Auflösung

Da ist dieser Mann. Dieser Gefangene, gefesselte Mann, draußen im Schnee in der Kälte. Nah beim Gebäude, dem Ausbildungsgebäude für "Allsecure", eine moderne, international operierende, erfolgreiche, auch vom Militär diverser Staaten eingesetzte Sicherheitsfirma. Eine, die dabei ist, den Krieg zu privatisieren und sich dafür gut bezahlen lässt. Die dem lukrativen Geschäft der Zukunft sich verschrieben hat. Und Amy ist dabei, Sicherheitsagentin dieser Firma zu werden. Wenn es nach Gregory geht, einer Art Protege (und nach ihrer Tante, die ihr diese Ausbildung vermittelt hat) scheinbar aber nicht, wenn es nach Cindy oder den anderen Anwesenden, in Teilen surreal anmutenden, Personen am Ort geht. Aber schon hier sei gesagt, dass die Personen im Buch nicht immer nach erstem Anschein beurteilt werden können. Gregory wird ein anders Gesicht noch zeigen im Lauf der Geschichte.

Und nun kam ein Hubschrauber, flog wieder weg, ohne dass Amy ihn gesehen hatte, nur gehört, und da liegt nun dieser Mann eng zusammengeschnürt im Schnee. Der erste, fassbare Hinweis, dass Allsecure, dass diese neue Welt für Amy, ihre dunklen Ecken und Kanten hat. Was mit dem Mann passiert? Training oder Ernst? Ein rascher Schnitt im Buch und unaufgelöst bleibt diese Szene im Raum stehen. Unaufgelöst wie so manches, was durch die Seiten des Buches hinaus dringt.

Keine Abbrüche, die den eigentlichen Faden des Buches zerstören, denn der hat nur am Rande etwas mit konkreten Ereignissen zu tun. Vielmehr lässt Streeruwitz den Leser konsequent an der mäanderten Auflösung der Figur Amy teilhaben, sicherlich gefördert durch Ereignisse des Buches, auslösende Momente in einer Welt, die ebenfalls an den Rändern zu verschwimmen scheint und damit genau in den Focus rückt, was heutzutage geschieht. Allsecure arbeitet unter anderem in Afghanistan und setzt dort eben private, Firmenmaßstäbe an, nicht die Genfer Menschenrechtskonvention. Und die Firma tut dies mit Billigung der Auftraggeber, auch des Militärs. Amy selbst erlebt Formen von Zugriffen. Ist schwanger, nachdem sie ihr alkoholgeschwängertes Bewusstsein verloren hatte, ist einige Zeit später nicht mehr schwanger und weiß zunächst nicht, warum und wie das sein kann.

Konsequent ereignet sich die Geschichte durch Amys Augen, durch ihre assoziativen Gedankensprünge, durch ihre innere Zerrissenheit, eigentlich doch am liebsten wieder in Wien, bei den Resten ihrer Familie, in ruhiger Geborgenheit zu sein. Andererseits kommt sie zunächst nicht los von dieser großen Chance, der neuen Aufgabe, tief verunsichert ob ihrer Fähigkeiten, überhaupt, dort zu bestehen, tief verunsichert über das, was ihr von den anderen entgegen gebracht wird.

Ein Zerfließen, ein "Hineingesogen werden", welches Streeruwitz unnachahmlich im Sprachstil mit angelegt hat. Staccatoartige Sätze, manchmal nur Wortfetzen, kaum gesagt, schon wieder anders gedreht. Gino, ihr Freund, plötzlich durch einen Unfall schwer mitgenommen. Keine genaue Erinnerung daran bei Amy. Cindy, die überall auftaucht, plötzlich hilfreich wirkt. Aber was ist Realität, was nur überhitzte Fantasie? Ebenso, wie es für Amy schwer und schwerer wird, durch das eng gespannte Netz der Firma, der Ereignisse einen klaren Blick zu erlangen, ebenso wird der Leser mit hineingezogen in dieses Gespinst grenzwertigen Handelns. Ereignisse, die um sich greifen, denen das Buch ein Abbild der Realität gibt, indem es die Personen dahinter in den Blick rückt.

Das Buch bietet einen intuitiven Blick auf die Auflösung fester Ränder und Strukturen im Menschen und in der Gesellschaft und führt anhand der Figur der Amy jene Auflösung und die daraus resultierenden Verwirrungen in einem stetigen Fluss des Erlebens und Reagierens teils verstörend vor Augen. Ebenso verstörend, wie, bei näherem Hinsehen, die großen Veränderungen auf gesellschaftlicher Ebene ebenso langsam ja real erkennbar werden. In einer Welt, in der Menschen zunehmend von außen, aber auch von innen her gefährdet sind. Eine Welt, die mehr und mehr völlige Unsicherheit erzeugt, ebenso außen, wie innen.
Fazit
Ein Buch wie eine leibhaftige Verunsicherung, in dem kaum etwas so ist, wie es am Anfang scheint und die Hauptfigur eher einem reaktiven Spielball der Ereignisse als der handelnden Person gleicht. Ein Buch, welches die zunehmende Verwirrung, Unsicherheit und innere Gefährdung des Lebens in Form und Inhalt spürbar in den Raum zu setzen vermag und das deswegen zu Recht auf der Shortlist des deutschen Buchpreises steht.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 06. Oktober 2011

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