Theodor Eschenburg: Die Republik von Weimar: Beiträge zur Geschichte einer improvisierten Demokratie

Die Republik von Weimar: Beiträge zur Geschichte einer improvisierten Demokratie

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-492-00656-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Es existieren zahlreiche Werke über die Weimarer Republik und zum Aufstieg des Nationalsozialismus. Jedoch stehen wir immer mehr vor dem Problem, dass die Zeitzeugen ausgestorben sind, die den Untergang der ersten deutschen Demokratie miterlebt haben und so authentisch erklären können, wie der Aufstieg Hitlers möglich wurde.
Theodor Eschenburg hat mit dieser erstmals 1963 vorgelegten Aufsatzsammlung einen wichtigen Beitrag dazu geliefert. In der hier vorliegenden Neuausgabe des Piper-Verlages von 1984 wurden einige Aufsätze zu dem Themenkomplex hinzugefügt, so dass jetzt ein umfassenderes Bild über den Untergang der Republik existiert, zumal der Autor 1918 14 Jahre alt war und einige der beschriebenen Persönlichkeiten, so den langjährigen Außenminister Gustav Stresemann, den Reichskanzleichef Planck und zahlreiche weitere Persönlichkeiten selber gekannt hatte bzw. durch sie eine Vorstellung weiterer Persönlichkeiten, wie Hindenburg oder Brüning gewinnen konnte.

Darin liegt auch der Wert dieser außergewöhnlichen Aufsatzsammlung. Zwar ergibt sich gegenüber der neuesten Forschung nichts unbedingt "Neues", aber gerade Eschenburg hat die Rolle der Persönlichkeit in der Weimarer Republik wie meines Erachtens kein anderer Forscher, die Beziehungen zwischen Hindenburg, Brüning, Groener, Schleicher und Papen in seinem bis heute unübertroffenen Aufsatz: "Die Rolle der Persönlichkeit in der Krise der Weimarer Republik" aufzeigen können. Später ist ihm Horst Möller in seiner Darstellung: "Weimar: die unvollendete Demokratie" darin gefolgt, dass er an seinen Anfang Portraits der Reichspräsidenten Ebert und von Hindenburg vorangestellt hat. Eschenburg fokussiert auch deutlicher als Forscher nach ihm das Problem der Unregierbarkeit der Weimarer Republik: das Parlament, welches aufgrund des Verhältniswahlrechtes und der mangelnden Kompromissfähigkeit der nur für ihre Interessengruppen wirkenden Klientelparteien, niemals stabile Mehrheiten kannte, war nach den zahlreichen Krisen in Weimar, die Eschenburg detailliert nachzeichnet, zu Kompromissen nicht mehr fähig. So wurde die Verantwortung nach und nach in die Hand des sich als "Ersatzkaiser" begreifenden Reichspräsidenten von Hindenburg gelegt, der im Zusammenhang mit dem Notstandsartikel 48 und dem Artikel 25 der Weimarer Reichsverfassung (Parlamentsauflösungsrecht durch das Staatsoberhaupt) das Parlament lahmlegen konnte. "Die weitreichenden Befugnisse des Staatsoberhauptes waren für Ebert nützlich, ja unentbehrlich, bei Hindenburg wurden sie zu einer Gefahr. Diesem fehlte schon bei seiner Wahl zum Reichspräsidenten, allein wegen seines hohen Alters, die Regierungsbefähigung....Was man Hindenburg, Papen und Schliecher, mit Abstand aber auch Brüning vorwerfen kann, ist, daß sie Artikel 48 nicht genügend gegen die radikalen verfassungsfeindlichen Parteien, in erster Linie gegen die Nationalsozialisten, eingesetzt haben." Dies ist meines Erachtens völlig korrekt. Die entscheidende Weichenstellung für den Untergang der "improvisierten Demokratie" erblickt Eschenburg - meines Erachtens zu recht - nicht so sehr im 30. Januar 1933, der Ernennung Hitlers, sondern in der Entlassung Brünings exakt 8 Monate zuvor. Erst danach sei die Republik ernsthaft in Gefahr geraten (S. 157). Erst unter Papen wurde der Reichstag am 31.07.1933 regierungsunfähig, die NSDAP mit 37,3% zur stärksten politischen Kraft in Deutschland. Eine demokratische Mehrheit war nicht mehr möglich. Da es Hindenburg und Papen an ihrer Regierungsbefähigung fehlte - im Gegensatz zu Ebert und Stresemann, traten sie die Regierungskompetenzen an wegen ihrer zur Haltung zur Verfassung Regierungsuntaugliche ab. Auch diese Feststellung Eschenburgs scheint mir korrekt. Allerdings wird die Verantwortung des Wählers für diese Entwicklung übersehen; denn es war der Wähler, der ab der Juli-Wahl 1932 unregierbare Verhältnisse schuf, die auch mit der erneuten Reichstagswahl am 06. November 1932 nicht behoben werden konnte.

Eschenburg betont stark die Rolle der Persönlichkeit in der Geschichte der Weimarer Republik, ohne strukturelle Faktoren (die bahnbrechende Arbeit Karl-Dietrich Brachers: "Die Auflösung der Weimarer Republik" von 1955 erkennt er ausdrücklich an), da in der Tat die Rolle der Hauptakteure, ihrer individuellen Eigenheiten und ihrer persönlichen Beziehungen zueinander in der neueren Forschung zugunsten struktureller Faktoren weniger stark betont wurde.
Fazit
Auf diesen Aspekt hingewiesen zu haben, darin liegt bis heute das bleibende Verdienst des verdienten Tübinger Staatsrechtlers. Daher ist das vorliegende Werk bis heute ein unverzichtbares Standardwerk geblieben.
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 21. August 2003

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