Matthias Becher: Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt

Chlodwig I. Der Aufstieg der Merowinger und das Ende der antiken Welt

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-406-61370-8

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In diesem Jahr jährt sich ein Jubiläum, das in Deutschland wohl eher wenige Menschen zur Kenntnis nehmen werden, das aber dennoch bedeutend ist: das 1500. Todesjahr des fränkischen Königs Chlodwig I., dem Gründer des Frankenreichs, deren späterer König und Kaiser Karl der Große heute oft zum "Vater Europas" stilisiert wird. Doch waren die politischen Erfolge der Karolinger, die seit 751 die fränkischen Könige stellten, nicht möglich ohne die Leistungen des vorherigen Königshauses der Merowinger. Deren Anfänge und die Geschichte ihres wohl bedeutendsten Königs Chlodwig werden in dem vorliegenden Buch geschildert.

Der Autor, Matthias Becher, ist ein ausgewiesener Kenner der karolingischen Geschichte, der vor kurzem auch einen knappen vergleichenden Überblick zu den Merowingern und Karolingern vorgelegt hat. Sein neuestes Werk wird vom Verlag zwar als Biographie bezeichnet, doch ist dies nicht ganz zutreffend. Das in neuerer Zeit wieder sehr beliebte Genre der Biographie stößt bei der überwiegenden Mehrzahl antiker und mittelalterlicher Persönlichkeiten zwangsläufig an seine Grenzen, da die verfügbaren Quellen oft eher spärlich fließen, meistens inhaltlich bereits in einer bestimmten Weise vorgeprägt sind und individuelle Charakterzüge nur selten verraten. Im Fall Chlodwigs ist dies besonders dramatisch, da die mit Abstand wichtigste Quelle zu seiner Regierungszeit, die "Zehn Bücher Geschichten" des gallo-römischen Bischofs Gregor von Tours, über ein halbes Jahrhundert nach dem Tod Chlodwigs entstanden ist. Gregor, dessen Werk oft wichtiges Material enthält und das auch lebendig geschrieben ist, verfügte für die Zeit Chlodwigs nur über bruchstückhafte Informationen. Dennoch basiert das heutige Chlodwigbild weitgehend auf Gregor, ergänzt um wenige weitere Aussagen.

Dieser Problematik ist sich auch Becher absolut bewusst, er spricht dies explizit in der Einleitung an. Bechers Lösung einer eher thematischen Schilderung mag manchem Leser nicht gefallen, ist aber vermutlich der einzig gangbare Weg, zwar keine Lebensbeschreibung, aber doch eine Geschichte Chlodwigs und seiner Zeit zu verfassen. Bechers Werk, in dem dankenswerterweise zahlreiche übersetzte Quellenzitate eingeflochten sind, ist in acht Kapitel eingeteilt. Im ersten Kapitel greift er weit zurück und beschreibt die fränkische Ethnogenese, das Werden des Volkes, das ab dem 3. Jahrhundert als "Franken" in den Quellen auftaucht. Im zweiten und dritten Kapitel schildert Becher den Zusammenbruch der römischen Herrschaftsordnung in Gallien sowie das Auftauchen der "salischen" Franken unter den Merowingerkönigen, deren Anfänge sagenhaft verklärt sind. Besonders interessant ist die Darstellung der Ereignisse um Chlodwigs Vater Childerich, der eine eigenständige Herrschaft in Nordgallien errichtete. All dies ist durchaus lobenswert und sinnvoll, da heute kaum jedem Leser die historischen Rahmenbedingungen dieser Zeit geläufig sein werden.

Ab dem vierten Kapitel wendet sich Becher dann Chlodwig zu: Von seinen Anfängen mit dem Sieg über den Gallo-Römer Syagrius (486/87) und seinen Siegen über die anderen fränkischen Kleinkönige, über die in der Forschung häufig diskutierte Taufe Chlodwigs, der mit seinem Übertritt zum katholischen Christentum sehr viel zur Integration der Franken im romanischen Gallien beitrug, bis zu Chlodwigs "Außenpolitik". Dazu kommen in Kapitel 7 Erörterungen zur Herrschaftsorganisation, in Kapitel 8 erfolgt schließlich eine knappe Darstellung des Nachlebens Chlodwigs. Abgeschlossen wird der Band von einem knappen Anmerkungsapparat, Stammtafeln sowie einer guten Bibliographie (von kleineren Versehen abgesehen - Woods Merowingerdarstellung erschien 1994, nicht 1993).

Bechers Chlodwigbild ist recht differenziert. Er trägt dessen politischer Leistung Rechnung, der einen zuvor zersplitterten Stamm zur führenden Macht in Gallien führte und so zu einem "Stammvater" des späteren Europa wurde. Auf diesem Fundament bauten die nachfolgenden Merowinger auf, deren Reich sich schließlich von der heutigen spanischen und italienischen Grenze bis weit in das heutige westliche und südliche Deutschland erstreckte. Becher verschweigt aber auch nicht den kalkulierenden Machtpolitiker, der Chlodwig nun einmal war - und damals sein musste, um bestehen zu können.
Fazit
Bechers Werk bietet einen guten Überblick zur Frühgeschichte der Franken und der ersten Phase des Merowingerreichs. Das Buch ist auch für den Laien gut lesbar, aber dennoch faktenreich. Die eingestreuten Quellenzitate bereichern die Darstellung, in der Becher auch teilweise auf Forschungsprobleme eingeht, wenngleich freilich nur in Auswahl. Über manche Gewichtung ließe sich streiten, aber das Buch soll schließlich kein Forschungsbericht sein. Es sei allen historisch interessierten Lesern, besonders zur Geschichte des werdenden Europas im frühen Mittelalter, daher auch empfohlen.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 30. März 2011

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