Dörthe Binkert: Bildnis eines Mädchens

Bildnis eines Mädchens

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24784-9

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Suchen und Finden

Ein (fiktives) Bild des Malers Giovanni Sergantini (1858-1899), der seine letzten Lebensjahre im der Nähe des schweizerischen Bergdorfes Maloja verbrachte, ist die Blaupause, auf der Dörthe Binkert nach ihrem Bestseller "Weit über das Meer" die Geschichte ihres neuen Romans entwickelt.

Im exklusiven Luxushotel "Kursaal Maloja" vernetzen sich die Wege unterschiedlichster Personen. Nika, Findelkind und ohne Wissen über ihre Herkunft, erhält eine Anstellung im Hotel. Achille Robustelli, der stellvertretende Direktor und Personalchef folgt damit der Empfehlung Andrinas, eines Dorfmädchens, das er im Stillen begehrt. Giovanni Sergantini, international bekannter Maler, ist häufiger Gast in Dorf und Hotel. James, der Dandy und Verführer reist für eine Reportage über den Maler aus dem benachbarten St. Moritz an, bereit, seine Verführungskünste an Mathilde, der Tochter aus bestem Haus und Tuberkulose Patientin zu erproben. Ein Netz aus Beziehungen entsteht, in dem sich immer wieder Räume für überraschende Wendungen eröffnen.

Getragen werden die entstehenden Nähe und Distanzen durch den eigentlichen Hauptstrang des Buches, der Suche Nikas nach ihrer Herkunftsfamilie. Als Kleinkind ausgesetzt und nur durch ein Medaillon mit ihrer Vergangenheit verbunden, findet sie in Sergantini nicht nur einen Maler, der sie als Modell gewinnt, sondern auch einen Vertrauten, der mit ihr als Rätsel ihrer Herkunft löst. Allerdings, anders als zu erwarten löst.

Das Motiv des Findelkindes auf der Suche nach der eigenen Herkunft ist aus der Literatur sattsam bekannt und in vielfachen Variationen bereits zu Papier gebracht worden. Meist natürlich mit einem eher kitschigen Happy-End, in dem das Findelkind sich als Tochter aus reichem Hause erweist und selbstredend zum Ende der meisten Geschichten den Prinzen auf dem Schimmel noch für sich ergattert.

Dörthe Binkert geht in ihrem Roman andere Wege. Weniger die äußeren Ereignisse stehen im Mittelpunkt des Intereses, sondern die Entwicklungen der einzelnen Personen.

"Der Maler Sergantini arbeitete langsam". Wie der Maler nimmt sich Dörthe Binkert Zeit für ihre Skizzen, im ersten Teil des Buches werden treffsicher und gemächlich die handelnden Personen und die vom Feudalismus ständisch geprägte Zeit der illustren Gesellschaft im Luxus Hotel vorgestellt. Nebenbei erfährt der Leser einiges über den Maler Giovanni Sergantini, seine Methoden und Motive. Mögliche Entwicklungsräume der Protagonisten werden ebenso angedeutet und eröffnet. Entwicklungen, die im Verlauf des Buches lange offen bleiben und damit der Handlung ihre eigentliche Spannung geben.

Mit Einfühlungsvermögen gibt Dörthe Binkert auf dem Weg durch das Buch damit den handelnden Personen durchaus Tiefe und erst am Ende wird der kryptische Satz des Umschlages "Du wirst mich suchen und dich finden" in seiner Bedeutung offenbar.
Fazit
Eine ausführliche und treffsichere Beschreibung innerer Entwicklungen mit einem genauen Blick für das Detail der Personen, der Landschaft und der Zeit zum Ende des 19. Jahrhunderts hin legt Dörthe Binkert mit ihrem Buch in gemächlichem Tempo vor. Spannungsmomente sind bei der Lektüre nicht zu erwarten, wohl aber vielschichtige Personen und überraschende innere Entwicklungen.
6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne6 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 30. Mai 2010

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