Ingo Schulz: Adam und Evelyn

Adam und Evelyn

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-13876-5

Preis: 9,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Liebe in Zeiten der Wende

Nicht nur die Temperaturen sorgen für Hitze im August 1989, auch die erhitzten Gemüter lassen die Atmosphäre brodeln. Zu tausenden suchen die Bürger der DDR Möglichkeiten, ihr Land zu verlassen. Ungarn ist im August 1989 hier die erste Wahl. Geschichten machen die Runde, dass die Ungarn an den Grenzen öfter in die andere Richtung schauen, wenn einzelne oder eine kleine Gruppe von Ostdeutschen den Weg Richtung Österreich suchen.

Für Adam ist dies alles noch nicht von großer Bedeutung. Er wäre bereits zufrieden mit seinem Leben in seinem Land, wenn der neu bestellte Lada geliefert werden würde und ihm eine zweite Garage möglich wäre. Es kann ansonsten gerne so bleiben wie es ist.
Ansonsten liebt der Schneider Adam seinen Beruf und seine Kundinnen lieben ihn. Und er liebt Evelyn. Leider aber kann Adam den weiblichen Formen seinen Kundinnen, wenn Sie zur Anprobe seine geschneiderten Kleider tragen, nicht widerstehen.
Evelyn ahnt durchaus, dass es für Adam nicht immer nur beim Hantieren mit seinem Maßband bleibt. Als sie ihn aber in flagranti erwischt, sagt sie umgehend den gemeinsam geplanten Urlaub in Ungarn mit Adam ab und fährt mit Ihrer Freundin und deren Cousin aus dem Westen auf eigene Faust.
Adam aber liebt Evelyn, für sie würde er bis ans Ende der Welt fahren. So steigt er in seinen 1961er Wartburg, liebevoll "Heinrich" genannt, und folgt den dreien nach Ungarn. Mitten hinein in die Masse der Fluchtwilligen. Mehr und mehr verstrickt sich Adam ungewollt in die politischen Dimensionen jener Wochen, bringt eine Frau in seinem Kofferraum nach Ungarn, muss erleben, wie Evelyn sich dem Cousin aus dem Westen zuwendet und betrachtet betrübt sein auseinanderbrechendes, kleines Lebens-Paradies. Als ob das nicht ausreichen würde, diese Idylle und seine Liebe. Ob es doch ausreicht? Das wird erst am Ende des Buches deutlich.

Ingo Schulz, vielfach ausgezeichneter Autor, 1961 in Dresden geboren, erzählt eine, durch die vielen kurzen Kapitel und vielen kurzen Sätze temporeiche und doch tiefgehende Geschichte.

Unaufgeregt, ohne Pathos, beschreibt er (nicht nur) die Zeit kurz vor dem Zusammenbruch der DDR aus der Innensicht.
Seine Figuren sind lebendig und künden von der Spannung zwischen dem gemeinsamen, schönen Leben in einem überschaubaren, allerdings von außen eigeengtem Rahmen und den Versuchungen nach Freiheit und Abenteuer "da draußen".
Adam und Evelyn hätten, wie Adam und Eva, durchaus ihr kleines Paradies. Wenn nicht Adam die Weiblichkeit und Evelyn die Freiheit beständig locken würde. Und beide erliegen durchaus den Versuchungen hier und da. Auch dies ist ein "da draußen" im Buch, nicht nur die Gedanken an Flucht in ein anderes Land. Deutlich wird von Seite zu Seite mehr, dass, einmal von der Frucht der Freiheit gekostet, ein einfaches zurück nicht mehr möglich sein wird.
In den Figuren des Michael und Adam werden zudem die Unterschiede in der Mentalität des Lebens im Osten und im Westen jener Jahre deutlich und nachvollziehbar beschrieben.

Von besonderer Güte ist die Gestaltung der Dialoge. Ingo Schulz braucht seine Figuren gar nicht über Seiten hinweg erzählend zu beschreiben, in den wunderbar alltäglichen Dialogen treten die Figuren Satz für Satz mehr ins Leben: Sie werden fassbar, in ihren Facetten deutlich und kommen so dem Leser nahe. Nie wird die Konkurrenz zwischen Michael und Adam offen thematisiert, immer aber schwingt sie in den treffend lakonischen Gesprächen der beiden in bester Weise mit.
Fazit
Eine Geschichte erzählt Ingo Schulz, die in ihren Protagonisten über die politische Tagesaktualität jener Zeit hinausgeht. Die Spannung zwischen überschaubarer Beschränkung einerseits und dem Wunsch nach Freiheit trotz unwägbarer Risiken ist ein Grundthema menschlichen Seins. Dieses Grundthema wird anhand der Geschichte von Adam und Evelyn entfaltet und in den Rahmenhandlungen vertieft. Ohne, das Ingo Schulz mit erhobenem Zeigefinger eine eindeutige Antwort geben würde, wo genau das eigentliche Paradies liegt und wie es zu bewahren wäre.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 11. Mai 2010

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