Claire Hake, Nicoline Hake: Mein geteiltes Herz

Mein geteiltes Herz

Verlag: Wunderlich [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-8052-0887-1

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Claires Vater hatte festgefügte Vorstellungen davon, wie Anfang des 20. Jahrhunderts ein Mädchen aus bürgerlichem Haus in der Schweiz aufwachsen sollte. Der Inhaber der Firma Wenk und Wildhaber in St. Gallen, die jungen Paaren ihre komplette Aussteuer und Einrichtung verkaufte, schickte seine Tochter Claire zur Erziehung in ein Pensionat in der französischsprachigen Schweiz. Der Vater dringt darauf, dass die wildere seiner beiden Töchter ihre Berufsausbildung in der väterlichen Firma macht. Er verlässt sich schon bald so stark auf die Arbeitskraft seiner Tochter, dass er sich Claire als erwachsene, verheiratete Frau kaum vorstellen mag. Claires Schwester Louise folgt nach ihrer Heirat ihrem Mann an seinen Arbeitsplatz auf einer Plantage auf der Insel Sumatra. Für Claire bietet sich deshalb 1924 die unerwartete Gelegenheit der väterlichen Kontrolle zu entschlüpfen, indem sie in Louises Haushalt die Verantwortung für die Erziehung ihres zweijährigen Neffen übernimmt.

Kurz nach dem Ersten Weltkrieg waren Mädchen in Claires Alter auf dem Gebiet der Sexualität völlig ahnungslos. Die Eltern sahen ihre wichtigste Aufgabe darin, ihre Töchter zu behüten und den Kontakt zu geeigneten Heiratskandidaten einzufädeln, die sie selbst für passend hielten. Claire wird nun abrupt mit der Tatsache konfrontiert, dass europäische Pflanzer und Manager ihre ersten sieben Jahre auf Sumatra mit einer einheimischen Frau verbringen, die sie mitsamt den gemeinsamen Kindern spätestens dann fortschicken und auszahlen, wenn sie aus ihrem ersten Heimaturlaub mit einer weißen Ehefrau zurückkehren. Die jüngere Schwester der Hausherrin beobachtet das Verhältnis zwischen weißen Kolonialherren und dem einheimischen Personal sehr kritisch und nimmt in ihren Lebenserinnerungen kein Blatt vor den Mund. Claire Hakes Bericht zeichnet sich durch ihr unerschrockenes kritisches Urteil über die Hierarchien aus, die in Niederländisch Ost-Indien (dem heutigen Indonesien) von den Kolonialherren vorgegeben wurden und von den deutschen Angestellten nicht infrage gestellt werden durften. Als Schweizerin hat Claire einen unvoreingenommenen Blick auf die weißen Herren, ihr Urteil ist von persönlicher Integrität und Mitgefühl für andere geprägt. In dieser Situation, in der die Niederländer definieren, wer mit wem gesellschaftlich verkehren darf, lernt Claire den charismatischen Deutschen Gustav Hake kennen. Herr Hake ist erheblich älter als Claire und sieht unverschämt gut aus. Doch für Claires Schwager ist jemand, der "nur" als Assistent auf einer Plantage arbeitet, als Claires Verehrer und Gast in seinem Haus indiskutabel. Auch Claires Vater wird nicht begeistert sein, wenn ein Deutscher um die Hand seiner Tochter bei ihm anhält. Wie Claire ihren Gustav schließlich heiratet und bald darauf die Rolle der fürsorglichen Memtuan besar für das Personal eines großen Pflanzerhaushalts einnimmt, ist eine fesselnde, sehr berührende Geschichte.

1938, als unter den auf Sumatra lebenden Deutschen noch niemand den drohenden Kriegsbeginn ahnen kann, müssen die Hakes die Weichen für die Schulausbildung ihrer kleinen Söhne stellen. Auf der Suche nach einer geeigneten Schule in Deutschland spricht eine andere Mutter den Satz aus, der Titel von Claires Erinnerungen werden wird: "Wir sind die Frauen mit den geteilten Herzen" (die Mütter, die sich von ihren Kindern trennen müssen). Während Hakes Kinder im vermeintlich sicheren Deutschland zur Schule gehen, werden kurz nach Beginn des Zweiten Weltkriegs alle Männer europäischer Herkunft aus Sumatra in ein indisches Lager am Fuße des Himalaja transportiert, Frauen und Kinder auf eine Odyssee durch verschiedene Internierungs-Lager geschickt. Claires unfreiwillige Flucht führt sie bis nach Shanghai und Japan. Aus heutiger Sicht wissen wir, wie lange der Zweite Weltkrieg Claire und Gustav voneinander trennen wird. Als die beiden sich nach abenteuerlichen Umwegen schließlich in Deutschland wiedersehen, ist Gustav ein alter Mann, auf dessen Erfahrungen als Pflanzer im zerbombten Deutschland niemand gewartet hat. Der zweite Teil des Buches zeigt sehr anrührend, wie das Ehepaar Hake in Südostasien zu "Displaced Persons" wird, weil Gustav Hake rein zufällig als Deutscher in niederländischen Diensten steht.

Claire Hake, der eine Wahrsagerin einst ein unruhiges Leben prophezeite, konnte ihre Enkelin Nicoline stets mit ihren Erzählungen aus Sumatra fesseln. Die Enkeltochter bewunderte das Rebellische an ihrer selbstbewussten Großmutter. Die fesselnden Erzählungen ihres Vaters aus seiner Kindheit gaben Nicoline Hake den letzten Anstoß, die Lebensgeschichte ihrer Großmutter herauszugeben und die historischen Hintergründe der Ereignisse zu kommentieren. Für ihre erklärenden Anmerkungen hat die Autorin zahlreiche Quellen, Briefe und Zeitzeugnisse genutzt.
Fazit
Nicoline und Claire Hakes faszinierendes Zeugnis eines ungewöhnlichen Lebensweges fesselt und berührt nachhaltig durch die integre, tatkräftige Persönlichkeit der Claire Hake und ihren kritischen, ernüchternden Blick auf die Epoche des niederländischen Kolonialismus in Indonesien.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 12. März 2010

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