Anton Rauscher (Hrsg.), Jörg Althammer, Wolfgang Bergsdorf, Otto Depenheuer: Handbuch der Katholischen Soziallehre. Im Auftrag der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft und der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle

Handbuch der Katholischen Soziallehre. Im Auftrag der Görres-Gesellschaft zur Pflege der Wissenschaft und der Katholischen Sozialwissenschaftlichen Zentralstelle

Verlag: Duncker & Humblot [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Nachschlagewerk
ISBN-13 978-3-428-12473-2

Preis: 78,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Als der christliche Glaube aufkam, zog sich die Politik in die Großreiche zurück. Die Masse der vernachlässigten Menschen suchte Heil in der Religion als Schwester der Politik, um darüber das Heil zu finden. So entstand die Messiaserwartung ab etwa 20 n. Chr. Jesus verkündet die Kaiserherrschaft Gottes. Die Nächstenliebe ist die Liebe Gottes für den Menschen, womit das Christentum die erste Form universaler Weltreligion wurde, die in den globalen Katholizismus mündete, für den Paulus wirkte. Christliche Gemeinden gründeten sich. Jesus als nachahmenswerte Gestalt führt zu einem neuen Innenleben der Menschen. Der Gedanke der Gleichheit keimt zum ersten Mal auf, ebenso die Idee universeller Solidarität und Subsidiarität.

Der von Thomas von Aquin proklamierte Gottesstaat beispielsweise besteht aus Menschen, die sich der ewigen Ordnung Gottes und ihren Prinzipien des sozialen Zusammenlebens fügen. Sie liefern sich nicht den äußeren Dingen aus, um sie zu genießen, sondern leben in und aus Gott selbst. Unsterblich sei das Gute und der Sieg Gottes bleibt bestehen. Es ist die Katholische Soziallehre, welche die sozialen Prinzipien für die Christen zusammenfaßt und auf die wesentlichen Punkte Solidarität, Gemeinwohl und Subsidiarität vereint, welche zugleich Prinzipien des Sozialen überhaupt sind.

Während die kirchliche Verortung in Europa heute schwächer wird, aber gerade die Prinzipien der Soziallehre für den Zusammenhalt einer Gesellschaft damit immer gefragter werden, sind auch die Erwartungen an die Katholische Soziallehre gestiegen. Konkret lassen sich ihre Lehren umsetzen in der unantastbaren Würde des Menschen, den Menschenrechten und in den sozialen Ordnungsstrukturen der Gerechtigkeit und Solidarität, aber auch der Selbstverantwortung. Dies läßt sich insbesondere auf den Bereich des Wirtschaftlichen übertragen: Die Kritik am Geld ist in der Katholischen Soziallehre begründet. Anderseits ist es für die Kirche nicht zulässig, das Geld zu "verteufeln", denn wenn die Kirche über genügend Geld verfügt, kann sie damit Wohnungen oder Kirchen bauen. Die Katholische Soziallehre bestätigt mit Papst Pius XII., daß kirchliches unternehmerisches Engagement keineswegs eine völlige Selbstlosigkeit meint. Hiernach solle der Staat und die gesellschaftliche Tätigkeit das wirtschaftliche Handeln des Einzelnen subsidiär unterstützen, niemals ersetzen. Das Entscheidende ist hier der Mensch und sein Persönlichkeitswert. Der christliche Humanismus ist auf den zu Gott blickendem Menschen bezogen. Es ergibt sich daraus, die Chancen ebenso zu sehen, wie die Gefahren und aus der Spannung zwischen Geld und Geist im praktischen Geschäft Lehren zu ziehen. Im praktischen Leben bedeutet Katholische Soziallehre: Hilfe zur Selbsthilfe, christliche Solidarität und subsidiäre Eigenverantwortung mit dem Ziel, zu erkennen, wie der Mensch in der Kraft des Glaubens über sich hinauswachsen könne. Mit diesem Ausblick können sich Christen in besonderer Weise der Not der Heimatlosigkeit so vieler Zeitgenossen annehmen.

Aus all diesen Gründen ist das vorliegende Handbuch der Katholischen Soziallehre, herausgegeben im traditionsreichen Duncker & Humblot-Verlag, überaus zu begrüßen. Es bietet erstmals einen faktenreichen und verlässlichen Überblick über alle wesentlichen Policy-Felder und verknüpft diese mit der Katholischen Soziallehre selbst. Es bietet damit in einer komplexen empirischen und normativen Welt eine klare christliche und damit prägende Orientierung. Die bekannten Wissenschaftler wie Isensee, Kirchhof, Ockenfels, Höffe, oder Ott verleihen dem opulenten Werk zudem einen sehr vertrauenswürdigen Charakter. Er ermöglicht es, in einer Zeit, in der Wissenschaft und Technik an ethische Grenzen stoßen, auf über 1000 Seiten in 81 kompetenten Essays einen klaren Informationsvorschub zu erlangen. So geht es um das christliche Menschenbild (3), Menschenwürde und Freiheit (41), den sozialen Lehrauftrag der Kirche (93), Arbeit und Kapital (445), Vereinbarkeit von Familie und Beruf (355) Eigentums- und Wettbewerbsordnung (523) oder Legitimationsprobleme der Massendemokratie (871). Auch kontrovers diskutierte Fragen wie "Bellum iustum" und gerechter Frieden (1021) werden geradewegs offen thematisiert.

Wie bedeutsam die Katholische Soziallehre heute ist, verdeutlicht vor allem das Kapitel über Schöpfung und Umwelt (397ff.). Die Lehre läßt sich soweit praktisch anwenden, daß es ihr zufolge auch auf einen sinnvollen und somit sparsamen Einsatz von Wasser und Wärme ankommt. So ist es gerade heute die Kirche als Unternehmen (641), die das Verbraucherverhalten schnell positiv beeinflußt und etwa über die im KSD Katholischer Siedlungsdienst e.V. zusammengeschlossenen bauenden kirchlichen Siedlungswerke und Wohnungsunternehmen individuelle Vor-Ort-Analysen zum Zwecke der Energie- und Kostenersparnis für Menschen durchführt, die unter steigenden Energiepreisen zu leiden haben. Im ökologischen Bereich erfüllen die kirchlichen Siedlungswerke und Wohnungsunternehmen nicht nur einen gesellschaftlichen, sondern einen kirchlichen Auftrag, indem sie in ihrem Bereich zur "Bewahrung der Schöpfung" beitragen. Das alles geht heute weit über den eigentlichen Rahmen eines Wohnungsunternehmens und seines ursprünglichen Gründungsauftrages hinaus, es ist gewissermaßen der kirchlich-soziale Mehrwert, der sich nicht messen und bilanzieren läßt, eben die letzte Ausfüllung der Katholischen Soziallehre im Bereich des Wohnens. Das vorliegende Buch, das definitiv den Rang eines Standardwerkes einnehmen wird, zeigt in diesem wie in vielen Bereichen auf, wie aktuell die Soziallehre ist und wie sie sich auf alle Bereiche des politischen und sozialen oder wirtschaftlichen Lebens übertragen läßt.

Zuletzt können Wahstum, Rationalität und Technik nicht die Menschenwürde garantieren. Es kommt auf die soziale Orientierung an, für die das vorliegende Buch wesentliche Argumentationshilfen liefert, um der Phase des Konsums und des Materialismus eine Lösung entgegenzustellen.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 10. Oktober 2009

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