Luo Lingyuan: Die Sterne von Shenzhen

Die Sterne von Shenzhen

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-423-24689-7

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Zum Jahreswechsel 1996/1997 kann die chinesische Firma Tenglong (Aufsteigender Drache) auf das beste Betriebsergebnis seit Bestehen der Firma zurückblicken. Dai Xingkong, der Inhaber, spendiert seinen Mitarbeitern ein üppiges Bankett und zahlt nach dem gemeinamen Singen der Betriebshymne großzügige Prämien an seine Mitarbeiter aus. Der heimliche Star unter den Angestellten ist an diesem Abend Jian Roula, eine bewährte und erfolgreiche Außendienst-Mitarbeiterin. Der junge Unternehmer Dai kann sich zu Shenzhens neuen Reichen zählen. Schon als Informatik-Student hatte Dai ein Computer-Programm geschrieben und sich mit Unterstützung seines Freundes Sheng beruflich selbstständig gemacht. Inzwischen beschäftigt Tenglong einige Hundert Mitarbeiter. Software, elektronische Taschendolmetscher und neuerdings Stärkungsmittel nach Rezepturen der TCM gehören zu Tenglongs Produktpalette. Mit dem Bau eines Hochhauses für den neuen Firmensitz will Dai demonstrieren, dass Tenglong inzwischen zu den drei erfolgreichsten Herstellern von Stärkungsmitteln nach traditionellen Rezepturen in Shenzhen gehört. Die chinesische Medizin ist wie eine Schatzkammer, die für Umsatz und Wachstum sorgt, hat Dai festgestellt. Kein chinesisches Unternehmen, dessen wichtige Positionen nicht mit Familienmitgliedern oder engen Vertrauten des Firmeninhabers besetzt wären. Dai und sein Freund Sheng Howard vertrauen sich seit ihrer gemeinsamen Studentenzeit. Sheng ist wie ein Bruder für Dai, der jedoch bisher eine finanzielle Beteiligung seines Vertrauten Sheng am Unternehmen stets aufgeschoben hat. Dais Beziehung zu Bürgermeister Sun, der den ehrgeizigen Studenten damals entdeckt und gefördert hat, demonstriert uns anschaulich das kunstvoll geknüpfte Netz aus Verpflichtungen und Gefälligkeiten, ohne das das Geschäftsleben in China still stehen würde.

Dais muss jeden Tag an verschiedenen Fronten seine Marktposition verteidigen. Der Kampf zwischen den drei Marktführern wird rücksichtslos mit harten Bandagen geführt. Dass fliegende Händler mit Dais Markennamen direkt vom Lkw gefälscht Tränke aus minderwertigen Zutaten verkaufen, interessiert weder die Behörden noch die Polizei. Dais guter Name und die Existenz seiner Firma stehen nun auf dem Spiel. Um sich am Markt behaupten zu können, stellt Dai Tang Anqi, eine neue Werbetexterin ein. Zusätzliche Sicherheitskräfte sollen Mann gegen Mann den Kampf mit den Produktpiraten aufnehmen. Dai bringt sich im Kampf um seinen guten Namen selbst in Gefahr.

In der Liebe hat Dai bisher wenig Glück gehabt. Seine Frau Lanni hat ihn schon zu der Zeit verlassen, als er nur seine Softwareprogrammierung im Kopf hatte. Dai ist für die Reize der attraktiven Roula empfänglich und empfindet auch gegenüber Anqi tiefe Zuneigung. Anqi muss sich erst von den Ansprüchen ihrer Eltern lösen, die den Partner ihrer Tochter bestimmen möchten. Roula flirtet offen mit Dai und ist dennoch unentschlossen, ob sie lieber auf ihre berufliche Karriere oder eine Beziehung zu ihrem Chef setzen soll. Eine Vermischung von Privatem und Geschäftlichem wird Dai und ihr Ärger bringen, fürchtet Roula. Auch die scheue Anqi zweifelt daran, dass eine Liebesbeziehung am Arbeitsplatz Glück bringen wird und weist Dai zunächst ab. Geld allein macht nicht glücklich - aber was kann Dai, Sheng, Roula und Anqi glücklich machen?

Luo Lingyuan befriedigt mit ihrem Roman, der zwischen Dengs Tod und der Rückgabe Hongkongs an China spielt, die Neugier ihrer Leser auf das moderne China. Den Aufstieg eines jungen, erfolgreichen Unternehmens passt Luo in ein uns vertrautes Szenario aus den häufig mit China assoziierten Themen Produktfälschungen, Korruption und mangelnde Rechtssicherheit ein. Mit Dai und Sheng lässt sie zwei junge, erfolgreiche Männer in beruflichen und privaten Krisen offen Schwächen und Enttäuschungen zeigen. Luos unentschlossen wirkende Frauenfiguren erinnern an die Heldinnen ihrer Kurzgeschichten in Nachtschwimmen im Rhein. Roula und Anqi können nur schwer ihre Wünsche aussprechen und eigene Ziele verfolgen. Eine auffallende Sprachlosigkeit prägt die Sexualität der handelnden Personen; Luo beschreibt Sexualität als etwas, das Männer sich nehmen und Frauen erleiden.
Fazit
In knapper, kühler Sprache protokolliert Luo Lingyuan in "Die Sterne von Shenzhen" Freud und Leid im Leben des jungen chinesischen Unternehmers Dai und seiner engsten Mitarbeiter. Um an die von Luo verwendeten Bilder in Gedanken anknüpfen zu können, müssen ihre Leser zwischen den Zeilen lesen und in einigen Szenen des Buches denken können wie Chinesen. Der Roman der Adelbert-von-Chamisso-Preisträgerin erfordert, dass seine Leser sich auf eine fremde Kultur mitsamt ihren für uns umgewohnten unausgesprochenen Regeln einlassen.
7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne7 Sterne
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 09. Juni 2009

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