Johannes Rogalla von Bieberstein: Der Mythos von der Verschwörung. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung

Der Mythos von der Verschwörung. Philosophen, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung

Verlag: Marix-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-86539-162-9

Preis: 15,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 11. Dezember 2016]
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Wer eine Verschwörung gegen die herrschen Sozialordnung vermutet, neigt allzu leicht dazu, der Konstruktion einer Metawelt anheim zu fallen, in der Tatsachen und Fiktionen sich vermengen. Dazu gehört z.B. die sehr bekannte Vorstellungswelt von einer jüdisch-plutokratisch-bolschewistischen Doppelverschwörung gegen Deutschland, wenngleich dabei trotzdem nicht bezweifelt werden muß, daß der Bolschewismus in Deutschland nach 1945 eindeutige Ziele verfolgte. Es geht also lediglich um die Trennung von Wahrheit und Dichtung.

Mit dem vorliegenden Buch liefert der Bibliothekar an der Universität Bielefeld, Johannes Rogalla von Bieberstein, eine wissenschaftlicher Pionierarbeit zur Genese und zum politischen Wirksamwerden der Vorstellung von einer umfassenden Verschwörung der Freimaurer ab. Es kann als tiefer gehendes Werk ergänzend zum viel beachteten Buch "Jüdischer Bolschewismus: Mythos und Realität" des Autors gelesen werden, denn beide sind Meilensteine der Forschung auf ihrem Gebiet. Die Ereignisse von 1789, die Französische Revolution, sind von Konterrevolutionären in ganz Europa oftmals als Folge einer Freiheitswut verschworener Feinde der Monarchie und der alten Ordnung gesehen worden. Die Drahtzieher der Revolution wurden in aufklärerischen Kleingruppen vermutet, die schon damals als "geheime Gesellschaften" bezeichnet wurden. Die Arkanpraxis der Aufklärung ist dennoch eine fragwürdige Sache, deren Grund es zu suchen gilt, sorgte sie doch gerade dafür, dem Verborgenen böse Absichten zu unterstellen. Jürgen Habermas vermutete einst, die Ursache der aufklärerischen Arkanpraxis sei die Angst vor öffentlichem Gebrauch des Verstandes gewesen, wozu der Philosoph Kant gerade aufforderte. Der Dichter Lessing aber meinte, das Ziel der Freimaurer sei, die Staaten so weit wie möglich zu erübrigen, und hier verwundert es nicht, das derartiges nur im Verborgenen artikuliert werden konnte.

Ob nun Philosophen, Dichter, Freimaurer, Juden, Liberale und Sozialisten als Verschwörer gegen die Sozialordnung gelten oder nicht - der Autor erzählt die komplexe Genese des Denkens darüber. Das Buch über den Mythos von der Verschwörung legt dar, wie die vielfach von Angst und Panik geplagten Menschen die tieferen Ursachen der sie persönlich umtreibenden und gefährdenden Umwälzungen zu erfassen suchten. Die von diesen ermittelten, im verborgenen wirkenden Verschwörer hätten zunächst in den Verschwörungsspelunken der Freimaurerlogen die geistige Ordnung der Königreiche untergraben und dann 1789 die göttlich gestiftete Ordnung von Thron und Altar umgestoßen. Den Republikanern Frankreichs werden der Königsmord und die blutigen Verfolgungen der Priester, Adeligen und religiösen Bauern Frankreichs zur Last gelegt. Dieses satanische Unterfangen sei von dem radikal-freimaurerischen deutschen Illuminatenorden, der im Buch vorgestellt wird, ausgeheckt worden! Im 19. Jahrhundert wurde diese Verschwörerthese, die eine konterrevolutionäre und konservative Reaktion auf die Umbrüche von 1789, 1848 und schließlich die Oktoberrevolution von 1917 darstellte, kontinuierlich modernisiert. Sie ist dabei radikalisiert worden und erhielt im Hinblick auf prominente Führer der russischen Oktober-Revolution, die neben dem Zaren unzählige Priester und Klassenfeinde liquidierte, einen bösartigen antijüdisch-rassistischen Akzent.

In Frankreich nahm man schon 1789 eine besondere Gattung von gerade deutschen Jakobinern wahr, zu denen Kant und Fichte gezählt wurden, weil sie das Projekt "Zum ewigen Frieden" vertraten, welches in Wahrheit der Welt einen kannibalischen Krieg bringe und das Welt-Bürger-Reich ohnehin nicht zu erreichen sei. Weil zudem die in der Freimaurerei üblichen naturrechtlich-aufklärerischen Vorstellungen die Emanzipation des Judentums eingeleitet hätten, wurden die Juden mehr und mehr in den Mittelpunkt gerückt und galten auf christlich-konterrevolutionärer Seite nach 1789 als Nutznießer des Emanzipationsprozesses. Der Autor ergründet die antifreimaurerischen Ressentiments gegen die als Vorläufer des Antichristen angesehenen sozialen Bewegungen, die Wege der Kritik an der revolutionären Emanzipationsideologie und zeigt auf, daß schon in Deutschland bereits vor 1789 Neigungen bestanden, den Freimaurern unerwünschte Entwicklungen zur Last zu legen.

Wenngleich abschließend festzustellen ist, daß die Verschwörungsthese nicht nur Verdächtigungen, sondern Verfolgungen der schlimmsten Art begünstigt hat, so ist andererseits doch dies einzuräumen: Unter ihren Propagatoren und Anhängern haben sich neben zynischen Machttechnikern auch solche befunden, welche in freilich dunkler und verzerrter Form subjektiv ehrliche Sorgen formuliert haben. Dies ist umso mehr einzuräumen, als kritische Vertreter des Modernismus zubilligen, daß der Fortschritt bzw. der soziale Wandel nicht selten von gefährlichen Verirrungen begleitet wurde. All dies hatte freilich mit Freimaurern oder gar einer freimaurerischen bzw. freimaurerisch-jüdischen Verschwörung wenig zu tun.
Fazit
Das Buch zeigt in letzter Konsequenz kompetent auf, wie zu politischen Religionen gewordene und auf Seiten ihrer Gläubigen keiner rationalen Widerlegung zugängliche Verschwörungsmythen den Gegner diabolisieren und hemmungslosen Hass auf Dissidenz und Abweichlertum produzieren. Dies geschieht sehr leicht, und selbst in den so genannten westlichen Demokratien ist diese Tendenz gegenüber politischen Gegnern jedweder Art immer noch vorhanden.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 25. Januar 2009

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