Lukas Hartmann: Die Tochter des Jägers

Die Tochter des Jägers

Verlag: Fischer Taschenbuchverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-596-15736-5

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Vivienne von Wattenwyl wuchs als "Vater-Tochter" auf; denn ihre Mutter war früh verstorben. Eine sehr enge Bindung hatte sie an ihre Großmutter, eine couragierte Person mit exakten Vorstellungen vom Leben einer Frau. Bernhard von Wattenwyl rüstete 1923 eine aufwändige Safari nach Ostafrika aus, um für das Naturhistorische Museum in Bern Großtiere zu jagen, die später präpariert und in Dioramen ausgestellt werden sollten. Vermutlich hat er einfach über seine Tochter verfügt, ohne sie zu fragen, ob sie ihn nach Afrika begleiten wolle oder was ihre persönlichen Lebensziele gewesen sind. Seinen Lebenstraum, Livingstone nachzueifern, erfüllte der alte von Wattenwyl sich so selbstverständlich, wie er seiner Tochter den Wunsch nach einem Studium abschlug. Obwohl Vivienne von widerspenstigem, einzelgängerischen Wesen war und sich nie vorstellen konnte, als Ehefrau die "Sklavin eines Mannes" zu werden, fügte sie sich den Wünschen ihres Vaters. Auf der Safari war Vivienne ausgerechnet für das Ausweiden der Tiere zuständig. Lukas Hartmann schildert sehr nüchtern die Strapazen tagelanger Fußmärsche, die elende Schinderei beim Enthäuten der Tiere und beim Konservieren der Häute. Eine Reihe von Verletzungen, Krankheiten und Malariaanfällen bei weißen und schwarzen Expeditionsteilnehmern, die Vivienne zu behandeln hat, lassen beim Lesen erst gar keine romantischen Afrika-Klischees aufkommen. Bernhard von Wattenwyl hat nie in Frage gestellt, dass er Tiere tötet, um sie auszustellen, und dass er um der Trophäen willen erheblich mehr Tiere jagte, als das Museum benötigte. Allein Vivienne kommen Zweifel am Sinn ihrer Tätigkeit. Als ihr Vater stirbt, übernimmt sie dennoch die Leitung der Expedition und führt sie mit eiserner Entschlossenheit zu Ende.

Hartmann lässt Viviennes afrikanischen Diener Mogai zu Worte kommen, der sich zunächst sehr schwer damit tat, seine Vorstellungen von einer weißen Frau mit Viviennes Ansprüchen an ihn zur Deckung zu bringen. Mogais Sicht spricht das Verständnis der Leser für die Situation der kolonisierten Bevölkerung Schwarzafrikas an. Franz Baumann, ein Mitarbeiter des Berner Museums, schildert die Zusammenarbeit mit den Wattenwyls sehr sachlich aus seiner Sicht. Nach zwei Afrika-Expeditionen spielt Vivienne mit ungefähr 30 Jahren mit dem Gedanken an eine Tätigkeit als Autorin oder Journalistin, doch aus heutiger Sicht formuliert und verwirklicht sie keinerlei konkrete Ziele. Als Kind ihrer Zeit liegt für sie der Gedanke an eine Art Vernunftehe näher als eine eigene Berufstätigkeit. Vivienne lernt schließlich den erstaunlich unkomplizierten Georg Groschen kennen und lieben, 13 Jahre älter als sie und offenbar ein Naturtalent darin, widerspenstigen, verwilderten Frauen den Kopf zurecht zu setzen.
Fazit
Lukas Hartmann stützte sich beim Verfassen seiner Romanbiografie auf drei Bücher, die die wirkliche Vivienne verfasste, auf ein Tagebuch Baumanns und Interviews mit Zeitzeugen. Er schildert lebendig und bewegend das Schicksal einer tatkräftigen Frau, für deren ungestüme Persönlichkeit die Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts noch nicht reif war. Landkarten und bibliografische Hinweise runden Hartmanns lesenswertes Frauenportrait ab.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 30. April 2008

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