Jean-Paul Sartre: Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie

Das Sein und das Nichts. Versuch einer phänomenologischen Ontologie

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-499-13316-9

Preis: 19,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. September 2016]
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Von 1933-1934 verbrachte Jean-Paul Sartre (1905-1980) als Stipendiat des Institut Français ein Jahr in Berlin. Dort befaßte er sich, noch während der Bücherverbrennung in Berlin-Mitte wenige Kilometer entfernt, vor allem mit der Philosophie Hegels, Husserls und Heideggers. Die deutsche Philosophie hat das Denken der Generation Sartres in Frankreich sehr beeinflußt - vor allem in den 30er Jahren. Es waren dies auch jene Jahre, in denen Sartre noch begann, an seinem eigenen Buch zu arbeiteten, welches als große Auseinandersetzung vor allem mit Heidegger gelesen werden kann. Dies merkt man als Leser auch immer wieder, denn Sartre übernimmt die spezielle Terminologie Heideggers.

Aufgrund der Lektüre deutscher Philosophen beschäftigte er sich eingehender mit der Phänomenologie. Unterbrochen von Kriegsdienst und Gefangenschaft nahm Sartre nach der Rückkehr die schriftstellerische Tätigkeit wieder auf. Jetzt vollendete er sein Werk, welches als sein philosophisches Hauptwerk gilt: "Das Sein und das Nichts". Es erschien als Originalausgabe zuerst 1943 und fand zunächst kaum Beachtung. Nach Kriegsende hingegen wurde es zunehmend diskutiert und bekannt. Es wurde für die Nachkriegsgeneration zum Paradigma eines neuen Bewußtseins. Die erste deutsche Ausgabe erschien schon 1952 - unverändert beim Rowohlt-Verlag. Mit dem vorliegenden Buch des Rowohlt-Verlages aus dem Jahre 2007 haben wir also eine Ausgabe vorliegen, die in langer Tradition steht, die in neuer Übersetzung mitsamt einem integrierten Wörterbuch zum Verständnis zentraler philosophischer Begriffe ausgestattet ist und die ein editorisches Nachwort enthält. Es liegt damit das Hauptwerk Sartres in kompletter Neuausgabe und vorzüglicher Zusatzausstattung vor - wohl auch aus gutem Grunde.

Die Anziehungskraft Sartres ist nämlich nach wie vor ungebrochen, wenngleich sie vor 50 Jahren noch stärker war als heute. Er war Denker des Widerstandes, der eine Philosophie der Freiheit entwarf, die anzuerkennen empfahl, daß der Mensch noch in tiefster Knechtschaft ein freies und autonomes Wesen war - Worte, die wir bisher nur aus den Religionsschriften des Hegel-Vorgängers Johann Gottlieb Fichte kennen. Trotz bedrückendster Umstände kommt es für Sartre darauf an, was der Mensch selbst aus den widrigsten Umständen zu machen befähigt ist. In einem neuen Sekundär-Buch über Sartre heißt es dann auch, es war eine Philosophie, die "den Menschen als Projekt entwarf." (Peter Bürger, Eine Philosophie des Als-Ob, 2007, S. 7)

Wir haben es also mit der freiheitsbewußten Bestimmung der Seinsweise des Menschen zu tun, mit einer Ontologie (Lehre vom Seienden und der Realität), in deren Mittelpunkt Sartre den Begriff der Freiheit stellt. "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt." So lautet das berühmte Diktum. Und zwar ist er deshalb zur Freiheit "verdammt" - wir sagten es bereits - weil er sich immer wieder neu als Projekt seiner selbst in Zeit und Raum hinein entwerfen muß - auf der Suche nach Identität und Selbstbewußtsein, mit dem Ziel der Selbstrechtfertigung aus Freiheit. Gerade an dieser Stelle werden die Bezüge Sartres zur Philosophietradition Deutschlands überdeutlich, war doch die deutsche Philosophie seit Kant und Hegel ebenso darauf bedacht, erkenntnistheoretisch mittels einer metaphysisch-anthropologischen Fundierung die eigene philosophische Grundlegung und sogar die philosophische Selbstrechtfertigung einer entsprechend eigenen Staatsform zu entwerfen. Die deutsche Philosophie stellt als Entwurf eine ideale, freie und gemeinschaftliche Realität auf, die sich aus dem Geiste von Idealismus, Realpolitik, Anthropologie, Entfremdungskritik, integraler Kulturidee und geistiger Selbstbehauptung speist. (Vgl. Daniel Bigalke, Der Streit um die deutsche Nachkriegsdemokratie. Zweihundert Jahre deutsches Staatsdenken und bundesdeutscher Parlamentarismus im Fokus einer neuen Wissenschaft von Politik und Reflexion, 2007, S. 41 ff.)

Mehr noch: Es finden sich auch Abschnitte in Sartres Hauptwerk, die sich mit den zwischenmenschlichen Beziehungen befassen. So sind sehr interessant die Ausführungen zur "Unaufrichtigkeit" (119) des Menschen, über den "Körper" (633) oder über die "Existenz Anderer" (405). In letzterer Abhandlung widmet Sartre ein ganzes Unterkapitel (III, 424) ausschließlich Husserl, Hegel und Heidegger, um die Beziehung zwischen "Ich" und "Anderem" - in Fichtes Worten zwischen "Ich" und "Nicht-Ich" - auszumachen: "Die Philosophie des 19.und 20. Jahrhunderts hat offenbar begriffen, daß man dem Solipsismus nicht entgehen kann, wenn man das Ich-Selbst und den Anderen zunächst unter dem Gesichtspunkt zweier getrennter Substanzen betrachtete: jede Vereinigung dieser Substanzen muß ja für unmöglich gehalten werden." (424) - Und jetzt die charakteristische Schlußfolgerung Sartres: "Der Wert meiner Anerkennung durch den Anderen hängt von der Anerkennung des Anderen durch mich ab. (...) Um zu erreichen, daß der Andere mich anerkennt, muß ich mein eigenes Leben dransetzen." (431) Sartre meint also: Daß mich ein anderer im unendlichen Prozeß von "Selbstbezug-im-Fremdbezug" (Johannes Heinrichs) anerkennt, hängt allein davon ab, wie ich es als Projekt meines Lebens infolge meiner eigenen Erkenntnis anstelle, daß mich der Andere anerkennt. Ganz klar, wird so mancher sagen, die Anerkennung durch andere funktioniert über unsere Anerkennung anderer. Was wir säen, das ernten wir. Und so ist es, denn Sartre analysiert das Verhältnis zum Anderen auf sehr originelle Weise: über den Blick. Andererseits rückt er zwei Phänomene exemplarisch in den Vordergrund: das Begehren und die Liebe.

Insgesamt führen seine Gedanken stets zum Einen zurück: Er gründet das menschliche Engagement in der subjektiven Selbstwahl, die sowohl politischen Dezisionismus aber auch die subjektive Entscheidung beinhaltet, das Leben bewußt aus eigener Entscheidung zu führen und zu gestalten. Die absolute Freiheit des Menschen gipfelt tagtäglich auch in der eigenen Verantwortung für die Welt. Sartre bezeichnet es als die vordringlichste Aufgabe jedes Menschen, sich seine eigene Welt zu schaffen, indem er sie entwirft. Der Entwurf geschieht ohne jedes Einwirken seitens der Gesellschaft. Der Mensch ist gleichsam dazu verdammt, die eigene Existenz stets neu zu entwerfen. Er ist nichts anderes als das, wozu er sich macht. Man solle sich also auch nicht in eine Gesellschaft und deren Parteien verstricken und einbinden lassen. Keine Frage, daß dieser Appell, diese Rückkehr deutscher Philosophie über Frankreich nach Deutschland, in der Nachkriegszeit auch in Deutschland bei jungen Menschen wieder auf offene Ohren traf, hatte doch die Bundesrepublik der 50er Jahre und ihre Gesellschaft bis auf schöngeistige und sozialmarktwirtschaftliche Imperative als Lehre der schwarzen Vergangenheit wenig wirklich substanzielles zu bieten.

Das Individuum behauptet sich mit Sartre eben trotz vielfältiger Zwänge, auftretend als soziale, politische, historische, kulturelle, psychische Schranken und Moden. Es liegt allein an der Entscheidung des Menschen selbst, seine vorgefundene Situation - man denke an Heideggers "Geworfenheit" - auf sich zu nehmen, um sie strategisch zu überschreiten und entsprechend in authentischer Weise sich selbst zu leben, oder sich dieser Situation so anzupassen, daß der Mensch sich verdinglicht und sich über Parteien und soziale Knechtschaft selbst prostituiert. Sartre nennt den letzten Weg dann "Inauthentizität".
Fazit
Keine Frage, die Lebensgrundmaximen Sartres sind im Zeichen allgemeiner "Verhartzung" der Menschen wieder aktuell geworden. Sein Buch damit ebenso - denn es ruft uns zu: "Werde, der Du bist" (Nietzsche).
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 22. Dezember 2007

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