"Ein Somali" sagte Onkel Hilaal, "ist ein Mann, eine Frau oder
ein Kind, dessen oder deren Muttersprache Somali ist. Die Muttersprache ist hier
wichtig, sehr wichtig. Nicht, wie jemand aussieht. Das heißt, die Physiognomie
besagt nichts über die Somalihaftigkeit eines Somali. Natürlich kann man einen
Somali auch von seinem Aussehen her leicht von anderen unterscheiden, und doch
wird man auf voraussehbare Schwierigkeiten stoßen, wenn man einen Eritreer,
einen Äthiopier oder einen Nordsudaner von einem Somali unterscheiden
soll,..."
Die Mutter des kleinen Somali Askar stirbt bei seiner Geburt; das Neugeborene wird von der kinderlosen Misra gefunden und aufgezogen. Misra stammt selbst aus Äthiopien; sie wurde als Kind entführt. Askar und seine Pflegemutter haben ein inniges, beinahe symbiotisches Verhältnis: Askar empfindet sich als Teil Misras und auch Misra hält den Kleinen für ein Stück ihres eigenen Körpers. Das innige Verhältnis wird aus der Sicht des Kindes durch Misras Männerbeziehungen gestört. Askar ist eifersüchtig auf Misras Liebhaber und findet nur schwer in seine eigene männliche Rolle. Lange Zeit beschäftigt ihn der Gedanke, warum er als Junge keine Menstruation bekommen wird. Der Junge wird - teils unbewusst - Zeuge von Gewalt und verstörenden Erlebnissen wie Misras Abtreibung. Sein Leben lang wird er beängstigende, blutrünstige Alpträume haben. Kurz nach Beginn des Krieges zwischen Somalia und Äthopien um den Ogaden wird Askar zu seinem kinderlosen Onkel Hilaal nach Mogadischu geschickt, der ihm privaten Schulunterricht erteilen lässt. Askar bekommt einen eigenen Pass und erkennt, dass für Misra, die aus Äthopien stammt, kein Platz in diesem Pass ist. In Misras einfache Welt, in der es bisher nur Beziehungen zwischen Mutter und Kind, Mann und Frau gab, dringt der Konflikt um Sprache, Nationalität und Stammeszugehörigkeit. Mit 17 Jahren, Äthopien hat inzwischen mit sowjetischer Hilfe den Ogaden erobert, sieht Askar Misra in Mogadischu wieder. Sie wird beschuldigt, ein Camp der somalischen Befreiungsarmee verraten und so den Tod hunderter Männer verschuldet zu haben. Obwohl Misra schwer krank ist, bringt Askar es nicht fertig, sie im Krankenhaus zu besuchen. Als er sich endlich dazu überwindet, ist Misra aus dem Krankenhaus verschwunden und brutal getötet worden. Fazit
Nuruddin Farah erzählt in der bildhaften Sprache des Märchenerzählers
hauptsächlich aus der Perspektive eines Kindes. Dabei bewegt er sich von den
einfachen Dingen des Alltags zum komplizierten politischen Konflikt. Wie in
allen seinen Büchern thematisiert Farah die Verhältnisse in Somalia und setzt
sich besonders mit der Rolle der Frau in einer muslimischen Gesellschaft
auseinander. Maps ist trotz Askars verwirrender Träume, die zeitlich schwer
einzuordnen sind, für den Leser leicht zugänglich und bietet sich deshalb zum
Einstieg ins Werk des afrikanischen Autors an.
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