Götz Aly: Hitlers Volksstaat

Hitlers Volksstaat

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-10-000420-8

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Götz Aly interpretiert den Holocaust als Massenraubmord, der es den nationalsozialistischen Machthabern ermöglicht habe, soziale Wohltaten unter das Volk zu mischen. Nun werden in diesem Buch zweifellos wichtige neue Aktenfunde dargestellt, die belegen, dass sich die sozialen Wohltaten, die Hitlers Wirtschaftspolitik der Bevölkerung brachte und die von Aly in seinem Werk detailliert aufgezählt werden mit der Folge, dass sie dem Regime die ihm die große Loyalität der Massen sicherten (vgl. hierzu auch die Publikationen von Haffner oder Kershaw, die Hitlers Popularität im Dritten Reich belegten) sich nur durch die rücksichtslose Ausplünderung der eroberten Länder realisieren ließ.

Nun ist dies alles nicht neu. Tim Mason hat sich in seiner Studie: "Sozialpolitik im Dritten Reich: Arbeiterklasse und Volksgemeinschaft" von 1977 detailliert mit der Hitlerschen Sozialpolitik auseinandergesetzt. Eric A. Johnson hat bereits im Jahre 2001 in seinem Werk: "Terror: Gestapo, Juden und gewöhnliche Deutsche" gezeigt, dass die Nationalsozialisten nicht in erster Linie durch Terror herrschten, sondern diesen selektiv einsetzten. Der Terror richtete sich fast ausnahmslos gegen Juden und andere, die als "unerwünscht" oder gar Feinde des Regimes betrachtet wurden. Dass der Terror effektiv war, so Johnson, lag an der Kooperation und freiwilligen Mitwirkung weiter Kreise der gewöhnlichen deutschen Bevölkerung, die - so Johnson - kaum oder gar nicht unter dem nationalsozialistischen Terror zu leiden hatten. "Dem Führer entgegenarbeiten" - so hat Hitler-Biograph Ian Kershaw konsequenterweise die Haltung wichtiger Teile der Bevölkerung und Eliten in seiner Hitler-Biographie zusammengefasst.

Also: die Thesen Alys sind nicht neu. Sicherlich sind seine Aktenfunde dahingehend interessant, als sie bisherige Randfiguren des Dritten Reiches, wie den Reichsfinanzminister Schwerin von Krosigk stärker als andere bisherige Darstellungen in das allgemeine Blickfeld rücken.

Letztlich aber - und dies ist diesem Werk vorzuwerfen - wird die ideologische Verblendung Hitlers vollkommen vernachlässigt. Die These, nicht der Antisemitismus sei die entscheidende Triebkraft für den Holocaust, sondern das Interesse der NS-Führung, durch soziale Wohltaten die Loyalität der Bevölkerung zu erhalten, also durch diesen Antisemitismus und den Holocaust "Wohltaten" verteilen zu können, um sich die Zustimmung der Bevölkerung zu erkaufen, ist so schlicht falsch und blendet die ideologische Verbohrtheit des Verbrechers Hitler schlicht aus. Bereits in "Mein Kampf" hatte Hitler ja die Judenvernichtung und die Eroberung von Lebensraum als seine politischen Ziele postuliert. Dass diese Ziele nicht ernstgenommen wurden, die Geschichte des Nationalsozialismus die Geschichte seiner Unterschätzung (Karl-Dietrich Bracher) gewesen ist, kommt in dieser Studie nicht genug heraus. Sebastian Haffner hat in seiner - meiner Meinung nach bis heute besten Studie über Hitler, seinen "Anmerkungen zu Hitler" nachgewiesen, dass Hitler zwei Ziele hatte: die Eroberung von Lebensraum, vermutlich auch die Weltherrschaft und die Vernichtung des Judentums. Als Hitler 1941 erkannte, dass er beide Ziele nicht erreichen konnte, entschied er sich, das ihm wichtigere Ziel, die Vernichtung der Juden, voranzutreiben. Daher die ganzen - zunächst unsinnigen - Haltebefehle. Er brauchte Zeit - zur Vernichtung der Juden. Die Deutschen haben genau diese Judenvernichtung nicht gebilligt - die Scheide - so Sebastian Haffner in seinem Werk: "Von Bismarck zu Hitler" vollkommen zu recht - zwischen überzeugten Nationalsozialisten und dem Rest der Bevölkerung, die den Nazis wohlwollend gegenüberstand, lag genau in der Billigung bzw. Missbilligung der brutalen Massnahmen gegen die jüdische Bevölkerung. Die Reaktion der Bevölkerung auf die sogenannte "Reichskristallnacht" zeigt dies ganz deutlich. Hitler beschloss daraufhin, die Judenvernichtung geheim zu halten. An diesem Gesamtbefund kann auch die - von Goldhagen thematisierte - Judenfeindschaft zahlreicher Deutscher - aber eben nicht aller Deutscher, basierend auf einer seit dem 19. Jahrhundert sich radikalisierenden Judenfeindschaft, nichts ändern.

Es ist auf jeden Fall falsch, den Holocaust mit sozialen Wohltaten zu erklären. Hitlers Popularität beruhte auf den in den "Friedensjahren" 1933-1938 von der Mehrheit der Bevölkerung wahrgenommen wirtschaftlichen "Leistungen", wie Haffner dies zu recht betont hat (denn die furchtbaren Folgen dieser "Leistungen" waren bis 1938 noch nicht für die Mehrheit der Bevölkerung sichtbar). Es ist richtig, dass die expansive Rüstungspolitik des Dritten Reiches zu einer wachsenden Staatsverschuldung führte, die ohne Expansion und Eroberung nicht abzubauen war. Jedoch waren hierfür nicht soziale Wohltaten, sondern Hitlers "Weltanschauung" (Eberhard Jäckel) entscheidend. Das diese Binsenwahrheiten von Aly nicht betont werden und das Motiv der materiellen Korrumpierung in der Darstellung als einziges Motiv für Judenvernichtung und Holocaust benannt wird, ist einfach falsch.

Das Buch wärmt die sogenannte "Kollektivschuldthese" erneut auf, wenn wiederholt konstatiert wird, 95 Prozent aller Deutschen hätten vom Massenraubmord profitiert. Da macht es sich Aly zu einfach. Schuld, Verstrickung und Verantwortung waren differenzierter. Außerdem hat Richard Löwenthal zu recht erklärt, dass in einem totalitären Regime, wie es das Dritte Reich gewesen ist, Widerstand nur unter Lebensgefahr möglich war. Diesen Aspekt vernachlässigt auch das oben angeführte Werk von Johnson.
Fazit
Meines Erachtens ist dies Werk ein Buch, welches über die wesentlichen Erkenntnisse von Mason nicht hinausführt und sogar zur Irreführung der Ursachen des Holocaust beiträgt - so hart fällt - zugegebermaßen - mein Urteil über das - aus meiner Sicht zu unrecht hochgelobte - Werk von Götz Aly aus.
1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne1 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 15. März 2005

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