Maria Huber: Moskau, 11. März 1985 : Die Auflösung des sowjetischen Imperiums

Moskau, 11. März 1985 : Die Auflösung des sowjetischen Imperiums

Verlag: dtv [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-423-30616-4

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Über die Amtszeit Gorbatschows und die Perestroika liegen nun auch in Deutschland zahlreiche Titel vor. Genannt seien beispielsweise Gerhard und Nadja Simon: "Verfall und Untergang des sowjetischen Imperiums", Wolfgang Leonhard: "Die Reform entlässt ihre Kinder" und Archie Brown: "Der Gorbatschow-Faktor". Generell bietet das Buch der Leipziger Sowjetologin zahlreiche Informationen.
Nachdem im Vorwort die Umstände der Wahl Gorbatschows dargelegt worden waren, analysiert das 1. Kapitel "Paralyse einer Weltmacht" den Zustand der Sowjetunion unter den Gerontokraten, also der Zeit der Führung Breschnjews seit den 1970-ger Jahren, wobei auch der Alltag zur Zeit des Machtwechsels im März 1985 zur Illustration mit herangezogen wird. Eingehend werden Mängel der Sowjetwirtschaft untersucht. Die Autorin stellt hier eindeutig klar, dass Gorbatschow selber eine "native Vision" besaß und kein Konzept für die Perestroika hatte. Dies wird an den schädlichen und undurchdachten Folgen der von ZK-Sekretär Ligatschow (seit April 1985 "Zweiter" Mann in der Kreml-Führung, zunächst Gorbatschows Verbündeter, später sein Hauptrivale in der Führung) initierten Anti-Alkoholkampagne deutlich gemacht.
Im Gegensatz zu anderen Publikationen werden allerdings stärker externe Faktoren wie die sich für die UdSSR verschlechternde internationale Wirtschaftssituation für den wirtschaftlichen Misserfolg der Perestroika mitverantwortlich gemacht.
Insbesondere das Jackson-Vanik-Amendment aus dem Jahre 1974, welches der Sowjetunion den Zugang zu US-Exportkrediten versperrte und die wachsende Abhängigkeit der UdSSR von westlichern Investitionsgütern und Technologie führten bei gleichzeitig massiv sinkenden Erdölpreisen zu einem wachsenden Investitionsbedarf der Sowjetunion. So wies die Devisenbilanz der UdSSR bereits 1986 einen Fehlbetrag von fast fünf Milliarden US-Dollar auf. Der Kursverlust des Dollars gegenüber den wichtigsten Währungen verschärfte die kritische Entwicklung weiter, da Moskau für den größten Teil seiner Exporte US-Dollar erhielt, die meisten Westeinfuhren aber in europäischen Währungen zu begleichen hatte. Der wachsende Finanzmittelbedarf habe Gorbatschow dazu gezwungen, sich den internationalen Finanzinstitutionen zu nähern.
Im Gegensatz etwa zu Gerhard und Nadja Simon, die insbesondere in den Altlasten der "administrativen Kommandowirtschaft" und der verfehlten Wirtschaftspolitik Gorbatschows die Ursachen für sein wirtschaftspolitisches Scheitern sehen (da er nicht konsequent die Marktwirtschaft in der Sowjetunion eingeführt habe, sondern an der Planwirtschaft festgehalten habe), betont Frau Huber diese externen Faktoren stärker und weist dem Westen eine erhebliche Mitschuld am Scheitern der Perestroika zu: so hätten die Amerikaner die ersten Reformen Gorbatschows nicht honoriert. Deren Forderungen, die Marktwirtschaft in Russland einzuführen, hätten nicht bedacht, dass die Voraussetzungen dafür - wie Mentalität und Kompetenz, korrekte Buchführung und ein marktkonformes Rechtssystem - nicht vorhanden waren.
Natürlich erwähnt Huber auch die hausgemachten Fehler Gorbatschows: insbesondere sei das Heer von Planern und Organisatoren in der Tat auf die Reformen unzureichend vorbereitet gewesen. "Den meisten fehlte es am nötigen Fachwissen über das Funktionieren einer modernen Wirtschaft." Es gab zu wenig qualifizierte Fachkräfte, da diese zu schlecht bezahlt wurden. Insgesamt habe die neue Wirtschaftspolitik "voluntaristische Züge" getragen. Weniger stark als bei Simon wird auf die entscheidende Wirkung der Inflation hingewiesen, die 1991 auf 300-500 Prozent (Simon) geschätzt wurde.
Kritisch geht Huber mit der Gorbatschowschen Nationalitätenpolitik ins Gericht, insbesondere mit dem Verhalten der Gorbatschow-Führung bei den Unruhen in Georgien 1989 und im Baltikum 1990/91, wobei sie Gorbatschow hier nicht aus seiner Verantwortung entläßt.
Detailliert werden dann die Reformen in der Innen- und Außenpolitik beschrieben (Rückzug aus Afghanistan, Glasnost im Innern, kulturpolitische Liberalisierung). Der Machtkampf zwischen Gorbatschow und Jelzin, Verlauf und Folgen des Putschversuches von 1991, nach der Autorin einer der "wichtigsten Wendepunkte in der Geschichte des 20. Jahrhunderts" werden ausführlich beschrieben. Im Gegensatz zu anderen, hier erwähnten Publikationen, hält es die Autorin für zu simplifizierend, die These zu vertreten, die Putschisten seien am mutigen Widerstand der Demokraten im Weißen Haus gescheitert. Mit Ausnahme von Leningrad habe der Putsch keine Massenbasis besessen, die Mehrheit der Gebiete, Kreise und alle autonomen Republiken in der RSFSR seien direkt oder indirekt für die Putschisten eingetreten. Gescheitert sei der Putsch in erster Linie an der Unentschlossenheit und am unprofessionellen Vorgehen der Putschisten, die es versäumt hätten, Boris Jelzin festzusetzen.
Die Entwicklung bis zum Rücktritt Gorbatschows wird nachgezeichnet, die halbherzige Politik des Westens, insbesondere die amerikanische Weigerung, Gorbatschow mit Krediten zu helfen (Bush soll gesagt haben, er könne Gorbatschows ständiges Drängen auf Wirtschaftshilfe nicht mehr hören), wird verurteilt.
Als Ursachen für das Scheitern der Perestroika benennt die Autorin die Tatsache, dass die "Fassade der zentralen Lenkung zusammenbrach, weil Michail Gorbatschow mit der Entmilitarisierung von Wirtschaft und Gesellschaft ernst machte. Es war nicht mehr nötig - und nicht mehr möglich - , ein hierarisches System aufrechtzuerhalten, das nur auf ein Ziel ausgerichtet war: auf den Rüstungswettbewerb mit den USA".
Allerdings fügt die Autorin - kritisch insbesondere die oben genannte Publikation von Simon reflektierend, hinzu: "Im Westen sind die militärische Überlastung (nach Simon verschlangen 1991 die Militär- und Rüstungsausgaben die Hälfte der staatlichen Ausgaben insgesamt und machten Ende der 80-ger Jahre etwa 200 Milliarden Rubel, rund 20-25 Prozent des Bruttosozialproduktes aus), die zentralistische Bürokratie und der technologische Rückstand immer wieder als Hauptgründe des Zusammenbruchs angeführt worden... Ein konzeptionell überzeugendes Erklärungsmodell steht noch aus. Walter Laqueur meinte bereits im Jahre 1993, daß ähnlich wie im Falle des Römischen Reiches sich der Zerfall nicht zwingend erklären lasse. Daher werde jeder Versuch, die Ursachen in einer bestimmten Krise zu sehen - wie zum Beispiel in der Wirtschaft oder in der Nationalitätenpolitik-, mit gewichtigen Gegenargumenten zu kämpfen haben."
Ein wichtiger Grund für den Zusammenbruch des Systems, nämlich die Weigerung Gorbatschows, Gewalt zur Rettung des maladen Imperiums anzuwenden (dies wird gut von Brown herausgearbeitet), wird von der Autorin nicht genügend reflektiert. Überhaupt werden meines Erachtens die Verdienste Gorbatschows und die Bedeutung seiner Person für den Wandel des Systems zu wenig berücksichtigt. Dieser Wandel vom totalitären Einparteienstaat zu einem Staat mit "menschlichem Antlitz" war eindeutig Gorbatschow zu verdanken, wie es gerechterweise Leonhard, Brown und auch Simon dargelegt haben.
Insgesamt stellt die vorliegende Publikation dennoch eine wichtige Ergänzung zu den oben genannten Werken dar, wobei insbesondere die kompetente Auswertung von Sekundärliteratur überzeugt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass Maria Huber manchmal den "Wald vor lauter Bäumen" nicht mehr sieht und in der Menge der gebotenen Details der "roten Faden" nicht mehr erkennbar wird. Hier wäre weniger manchmal mehr gewesen.
Fazit
Trotz allem ein interessantes Nachschlagewerk für alle, die an einer soliden Beschreibung der Amtszeit Gorbatschows und der Ursachen für den Zerfall des sowjetischen Imperiums 1991 interessiert sind.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 09. November 2002

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