Alexander Stahlberg: Die verdammte Pflicht

Die verdammte Pflicht

Verlag: Econ Ullstein List Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-548-33129-4

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Die Geschichte des Dritten Reiches ist eigentlich sehr gut erforscht. Dennoch sind Berichte von Zeitzeugen, die die Herrschaft des Nationalsozialsozialismus und Hitlers erlebt haben, immer besonders interessant, da sie es schaffen, das damalige Geschehen "begreiflich" zu machen. Dies gilt auch für die vorliegenden Memoiren.

Anlässlich des Jahrestages des 20. Juli 1944 haben mich die Kapitel zum deutschen Widerstand, die Kontakte zu Stahlbergs Verwandtem Henning von Tresckow, einem der wichtigsten Köpfe der militärischen Opposition gegen Hitler, besonders interessiert. So schildert Stahlberg, der lange mit Generalfeldmarschall von Manstein im Rußlandfeldzug zusammenarbeitete, den dreitägigen Besuch Hitlers in Saporoschnje in der Ukraine im Jahre 1943, wo Stahlbergs Einheit gestanden hat. Hinterher wurde er von Tresckow gefragt, warum er Hitler nicht erschossen habe. Antwort: er habe es nicht als seine Aufgabe gesehen, dieses ohne Absprache mit anderen zu tun. Außerdem sei er davon überzeugt, dass es nicht ausreiche, Hitler alleine zu beseitigen, da dieser dann durch andere Politiker des damaligen Dritten Reiches ersetzt werden würde. Dies zeigt ganz eindeutig das Dilemma der Verschwörer des 20. Juli 1944 bereits zu jenem Zeitpunkt auf. Beseitigung des charismatischen Diktators einer totalitären Diktatur beseitigt eben nicht diese Diktatur selber. Sie dokumentiert allerdings die Charakterstärke Tresckows, die ja besonders eindrucksvoll von Marion Gräfin Dönhoff in ihrem Buch: "Um der Ehre willen", dem ergreifendsten Buch zum 20. Juli 1944, welches ich kenne, herausgearbeitet worden ist.


Charakterstärke bewies auch Stahlberg selber: er war 1932 als junger Abiturient in die Umgebung Franz von Papens vermittelt worden, dem Manne also, der - zusammen mit Reichspräsident von Hindenburg, dessen Sohn Oskar und dessen Staatssekretär Meissner, der diesen Posten unter Hitler behalten sollte, am meisten zur Machtübertragung an Hitler am 30. Januar 1933 beigetragen hat. Hautnah schildert er die Versuche der Umgebung Papens, Hitler im Januar 1933 zur Kanzlerschaft zu verhelfen. Der einzige Konservative, der nachdrücklich gegen Hitlers Kanzlerschaft agiert, Ewald von Kleist, schickt Papen noch am Tage der Ernennung Hitlers zum Kanzler ein Telegramm, um diesen vor diesem Schritt zu warnen. Die berühmten Worte Papens an Kleist: "Was wollen Sie denn, wir haben ihn, Hitler, engagiert" fehlt heute in keiner Beschreibung der Machtübernahme durch Hitler am 30. Januar 1933 und beschreibt treffend die Illusionen der konservativen Steigbügelhalter Hitlers um von Papen. "Es hilft nichts, mein Mann ist entschlossen", erklärt Frau von Papen weinend dem Autor Stahlberg am 30. Januar 1933. Hitler wird von Hindenburg zum Reichskanzler ernannt. Bald erkennt von Stahlberg - unter dem Einfluß seines Patenonkels Herbert von Bismarck, dem Sohn des Reichsgründers Otto von Bismarck, die verbrecherische Seite des neuen Staates, die sich besonders darin dokumentiert, dass der preußische Innenminister Göring rechtsstaatswidrige Verordnungen erläßt und deckt, etwa den Schießbefehl der Polizeibeamten auf politische Gegner. Stahlberg zeigt im übrigen deutlich auf, dass - wie Gerüchte schon damals wissen wollten - Göring zusammen mit Helfern den Reichstag am 27. Februar 1933 anstecken ließ und von der Lubbe kein Einzeltäter, sondern bestenfalls willenloses Werkzeug der neuen Machthaber gewesen ist. Als Herbert von Bismarck deutliche Indizien für diesen Verdacht erhält, scheidet er freiwillig als Görings Staatssekretär aus.

Daraufhin wird Stahlberg von seinem Vater bedrängt, aus den Diensten Papens zu treten, da der Vater nun sah, dass der Weg des neuen Regimes nur in den totalitären Staat und ins politische Verbrechen führen konnte. Dieser Schritt erwies sich nicht nur als klug vorausschauend, sondern auch für Stahlberg als lebensrettend. Am 30. Juni 1934 wird im Zuge des sogenannten "Röhm-Putsches außer Papen selber, der lediglich kurzzeitig unter Hausarrest gestellt wurde die gesamte Mannschaft des Vizekanzlers entweder verhaftet - wie Stahlbergs Nachfolger von Tschirsky - oder gar ermordet, wie der Verfasser der Papen-Rede am 17. Juni 1934, Edgar Jung oder Herbert von Boese, der versucht hatte, über den Sohn des Reichspräsidenten von Hindenburg ein Treffen zwischen Papen und diesem zu arrangieren, um Hindenburg zu bewegen, den militärischen Ausnahmezustand auszurufen und Hitler abzusetzen. Dies mißlang bekanntlich, Hitler entledigte sich - unter anderem auf Druck der nationalkonservativen Opposition und der Reichswehr - der Rivalin der Reichswehr, der SA. Aber zahlreiche Gegner des Regimes, unter anderem der konservativen Opposition, wurden ebenfalls dabei ermordet. Stahlberg entging dem Schicksal, weil er rechtzeitig aus dem Dienste von Papens ausgeschieden war. Nachdem Stahlbergs Vater hört, dass Papen sich trotz der Morde bereiterklärt, als Hitlers Botschafter nach Wien zu gehen, verbietet er dem Sohn weiteren Kontakt mit dem charakterlosen von Papen.

So erlebt der Leser hautnah die Geschehnisse um die Entstehung und den Verlauf des Dritten Reiches mit, welches - wie von Stahlberg und seine Verwandten sofort erkannten - nur in den Krieg führen konnte. Dort wird Stahlberg mit Stauffenberg und Manstein bekannt, dessen persönlicher Referent er werden wird. Spannend beschreibt er Mannsteins zwiespältiges Verhältnis zu Hitler und zum Widerstand, dem er sich nicht anschloss, da er ein zögerlicher Mann war. Nach dem 20. Juli 1944, den er trotz Mitwissenschaft um das Attentat ohne Verhaftung überstand, empfand er Hitlers Tod und das Ende des Dritten Reiches als Befreiung.

Fazit
Ein unwahrscheinlich eindrucksvolles und packendes Buch, welches Zeitgeschichte plastisch nacherlebbar macht - und die tragische Verkettung der Protagonisten verdeutlicht, dass ihre altpreußischen Begriffe von Ehre und Pflicht von einem verbrecherischen Staat rücksichtslos ausgenutzt wurde, was diese Begriffe lange Zeit - meines Erachtens zu Unrecht - pervertiert hat. Der Titel des Buches: "Die verdammte Pflicht" scheint mir daher treffend gewählt: sie verdeutlicht treffend den Zwiespalt zwischen der emfpundenen Pflicht, für Deutschland zu kämpfen, um die Niederlage im Kriege zu verhindern einerseits, und dem Bewußtsein, dass ein solcher Sieg nur das verbrecherische Hitler-Regime stärken würde, andererseits. Welcher Mut dazu gehörte, in dieser Situation sich zum Widerstand zu entschließen und das Attentat des 20. Juli 1944 zu wagen, wird eindrucksvoll dargestellt. Deutlich wird für mich, dass die Attentäter des 20. Juli 1944 wahrhaft mutige Helden waren, die das Äußerste wagten, um Deutschland von dem verbrecherischen nationalsozialistischen Regime zu befreien.

9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 25. August 2004

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