Joachim Fest: Das Gesicht des Dritten Reiches: Profile einer totalitären Herrschaft

Das Gesicht des Dritten Reiches: Profile einer totalitären Herrschaft

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-492-21842-9

Preis: 16,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Joachim C. Fest kommt das Verdienst zu, die führenden Männer des sogenannten "Dritten Reiches" kenntnisreich portraitiert zu haben und dem Leser nahezubringen. Was mich an diesem Buch - wie übrigens auch an seiner Hitler-Biographie - fasziniert, ist, dass er nicht beim rein biographischen Aspekt stehenbleibt, sondern in der Tat seinem Anspruch gerecht wird, "in jedes einzelne Porträt den ihm zugeordneten "rahmenfüllenden Hintergrund" einzufügen." Dies ist Fest meines Erachtens vollauf gelungen. Nun ist der Abriss über Hitler eine Kurzfassung seiner umfassenden Hitler-Biographie von 1973 (die Erstauflage des vorliegenden Buches erschien bereits im Jahre 1963). Dennoch - Geschichte wird von Personen gemacht, und deren Porträtskizzen, etwa die Görings, des langjährigen Zweiten Mannes, Goebbels oder anderer, sind äußerst anregend geschrieben. Fesselnd wird die kalte Rationalität des "Vaters der SS", Heydrich sowie der Rassenwahn des "Kleinbürgers und Großinquisitors" Himmler dargestellt. Den Fest vielfach gemachten Vorwurf, seine biographische Herangehensweise vernachlässige soziale Faktoren, kann ich nicht teilen. Dass bei Portraitskizzen und bei historischen Biographien die Persönlichkeit im Mittelpunkt steht - wen wundert es. Gregor Schöllgen hat in seinem Aufsatz: "Das Problem einer Hitler-Biographie" (abgedruckt in dem Standardwerk von Bracher/Funke/Jacobsen "Nationalsozialistische Diktatur: 1933-1945", Droste-Verlag, 1983) in Bezug auf Fests Hitler-Biographie korrekt festgestellt: "Wenn das gleichmäßige Berücksichten der Person wie der sozialen, wirtschaftlichen, politischen oder ideologischen Prozesse einer Epoche in ihrer kausalen Verflechtung als Kriterium für eine politische Biographie gelten darf, so kann man die biographie von Joachim C. Fest zu diesem seltenen Typ der politischen Biographie zählen." Des weiteren stellt Schöllgen fest: "Es ist wichtig, im Auge zu behalten, daß Fests Buch primär eine biographie, nicht aber eine Geschichte der Weimarer Repblik oder des "Dritten Reiches" ist. Insofern treffen zahlreiche Kritiken ins Leere, wenn sie gegenüber Fest eine Liste nicht erwähnter oder nur unzureichend beschriebener und analysierter Faktoren in Anschlag bringen." Völlig richtig. Und genauso sieht es auch bei diesen biographischen Betrachtungen aus, die natürlich umfassende - inzwischen teilweise vorliegende Biographien der einzelnen Persönlichkeiten - nicht ersetzen können, jedoch einen faszinierenden Einblick in die Struktur des Dritten Reiches aufzunehmen und "Profile einer totalen Herrschaft" an ausgewählten Fallbeispielen aufzuzeigen. "Immerhin war dabei die Absicht bestimmend", so Fest in seinem Vorwort, "möglichst alle wesentlichen Züge jenes Herrschaftsgebildes in die Darstelung aufzunehmen, so daß der Leser am Ende mehr als ein nur vom Rang der ausgewählten Akteure geprägtes Bild erhält." So begründet der Autor auch explizit seine Auswahl: "Der Intention nach zielt das Buch auf die Beschreibung und Analyse psychologischer Strukturen; die Aufgabe, die es sich gestell hat, ist die Darstellung mehr oder minder typischer, am nationalsozialistischen Beispiel demonstrierter Varianten des totalitär anfälligen Menschen." Nicht umsonst hat Adorno von der "autoritären Persönlichkeit" gesprochen. "Sofern einzelne Vordergrundfiguren aus dem Herrschaftsapparat des Dritten Reiches zwar unter dem Gesichtspunkt einer möglichst umfassenden sachlichen Fragestellung Interesse hätten beanspruchen können, ihre Persönlichkeit an sich jedoch keine oder nur solche Aufschlüsse vermittelte, die schon von der Persönlichkeit des einen oder anderen ihrer Führungspartner verfügbar gemacht worden waren, wurden sie hier nicht berücksichtigt. Das gilt zum Beispiel von Robert Ley..."
Natürlich kann man dann über die Auswahl streiten. Ich hätte liebend gerne ein Portrait eines wichtigen Steigbügelhalters der nationalsozialistischen Herrschaft, des "Dieners dreier Herren" (Karl-Heinz Janßen) Otto Meißner, gehabt, dem Staatssekretär unter den Reichspräsidenten Ebert, Hindenburg und Hitler, den Hitler wegen seiner Loyalität 1934 von Hindenburg übernahm.

Insgesamt sind aber faszinierende Einzelportraits entstanden, die ein interessantes Bild über die wichtigsten Persönlichkeiten und Steigbügelhalter des "Dritten Reiches" geben und somit dem "Biographischen Lexikon des Dritten Reiches" weit überlegen, sofern die handelnden Akteure hier portraitiert worden sind.
Fazit
Daher: interessante Informationen für den Biographen, allerdings nicht auf dem neuesten Forschungsstand, sondern auf dem Stand von 1963. Trotz allem - und dies spricht für seine Qualität - heute noch ein wichtiges Standardwerk zum Dritten Reich. Daher vergebe ich die volle Punktzahl.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 07. April 2004

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