Arnulf Zitelmann: Kein Ort für Engel

Kein Ort für Engel

Verlag: Beltz & Gelberg [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-407-78843-6

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Arnulf Zitelmann legt hier einen sozialkritischen Jugendroman vor, der mit der Institution Schule abrechnet. Der aus Ecuador stammende amos Filip, dessen Geschichte hier erzählt wird, geht nicht gerne in die Darmstädter Hauptschule, die sowieso nur Arbeitslose produziere. Viel lieber treibt er sich im Darmstädter Landesmuseum herum, wo er sich von Beuys und anderen Malern inspirieren läßt oder auf dem Alten Friedhof, dessen thuja-Bäume ihn an seine Heimat erinnern. Er lebt bei seiner Cousine, der jungen und sehr engagierten Lehrerin Märte Steeden, da sein Vater bei einem Erdbeben in Los Angeles ums Leben kam und sich seine Mutter, die sich in Ecuador wieder verliebt hat und erneut heiraten möchte, nicht um den 17-jährigen sensiblen Jugen kümmert.
Eines Tages muß er miterleben, wie seine ebenfalls aus Ecuador stammende Klassenkameradin Florciata von einem kriminellen Mitschüler, Dismas Kotter erpresst wird. Als Märte Steeden dem Erpresser mit Schulverweis droht, bringt dieser kurzerhand ihren Kater um und zerschneidet den Bremsschlauch ihres Autors. außerdem kommt Amos dahinter, dass Dimas an der Schule mit Drogen handelt. Ihm gelingt es jedoch, den Erpresser zu überführen, obwohl er von diesem aus Rache zusammengeschlagen wird. am Ende verliebt er sich in Florcita, die nach dem tod ihrer Pflegemutter ebenfalls zu Märte Steeden zieht.

Zitelmann, dessen Roman vielschichtige Probleme der Jugendlichen anschneidet, äußert sich zu den Intentionen seines Romans in einem Nachwort, in welchem er sich mit der aktuellen Krise der Institution Schule und der Arbeitsgesellschaft auseinandersetzt. Übergangslos zwängen die Probleme der heutigen Gesellschaft (Rationalisierung, Arbeitslosigkeit, Globalisierung) die Kinder sehr früh, erwachsen zu werden; Jugend rücke in die Liste der gefährdeten Arten ein. Das Bildungssystem, so Zitelmann, müsse effektiver werden; dieser Bereich zähle zu den aufwendigsten staatlichen Aufgabenfeldern. Doch die Frage, wer dies alles in Zeiten wachsender Arbeitslosigkeit bezahlen solle, sei nach wie vor offen. Bildung sei ein demokratisches Grundrecht. Dieses hätten die Schulen vergessen. Die Kernfrage, der sich die Schule heute stellen müsse, laute: Wie könne Bildung im Flex-Job-Land helfen, Lebenschancen zu erhöhen.

Diese Probleme werden im Roman angesprochen, zumal dem sehr sympathisch gezeichneten Protagonisten Amos Filip aufgrund seines ständigen Schulschwänzens ein Schulverweis droht. Dieser wird jedoch durch einen verständnisvollen Direktor sowie eine hilfreiche Erziehungsberaterin abgewendet.

Die Charaktere sind lebensecht gezeichnet, wenn Zitelmann in diesem Werk auch zu dualistischen Schwarz-Weiß-Zeichnungen neigt. Differenzierte Charaktere kommen in dem Buch nicht vor. So ist Dismas Kotter, der Erpresser, abgrundtief böse, obwohl er seinen üblen Charakter in der Schule gut verbirgt und eine Art "Doppelleben" führt: hier der "gute" Schüler, in der Freizeit der Verbrecher. Der von der Lektüre der "Brüder Karamasow" von Dostojewski geprägte Amos Filip hingegen ist der mitfühlene, sensible Einzelgänger, der dennoch am Ende den Verbrecher entlarvt und seine erste Liebe voll erwidert findet. "Happy End" ist also auch hier angesagt.

Sympathisch gezeichnet ist auch die Lehrerin Märte, die Schule noch ernst nimmt und sich für ihre Schüler beinahe aufzehrt sowie viel Zeit für die Vorbereitung ihrer Unterrichtsstunden investiert. Hier hat Zitelmann offensichtlich einen idealen Lehrertyp zeichnen wollen, den es seiner Meinung nach - er war selber Pädagoge - zu wenig gibt. So fällt auf, dass alle Lehrer freundlich und hilfsbereit dargestellt sind, auch wenn sie keine Lösungen für die aktuellen, oben dargestellten Probleme unseres Bildungswesens haben.

Zitelmann ist der Auffassung, nicht die einzelnen Lehrer seien schuld an dieser Misere und wollten im Rahmen ihrer begrenzten Möglichkeiten durchaus helfen. Gut zeichnet Zitelmann auch die Atmosphäre in Amos Klasse nach, in de lernwillige und lernunwillige Schüler nebeneinandersitzen, was bei kleinsten Anlässen zu Explosionen führen kann: so bringen sich zwei Schüler, die sich gegenseitig beleidigt fühlen, mit ihren Butterly-Messern beinahe um ud nur das beherzte Eingreifen des Hausmeisters kann Verletzungen in letzer Minute verhindern.
Fazit
Zu dick aufgetragen? Diesen Eindruck kann man zwar zeitweise gewinnen, insgesamt hat Zitelmann jedoch hier einen beeindruckenden Roman geschrieben, den ich jedem Jugendlichen ab 13 und Lehrern nur wärmstens empfehlen kann.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 26. März 2004

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