Peter Merseburger: Willy Brandt: 1913-1992: Visionär und Realist

Willy Brandt: 1913-1992: Visionär und Realist

Verlag: Deutsche Verlagsanstalt [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-421-05328-2

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Zehn Jahre nach dem Tode des ersten sozialdemokratischen Bundeskanzlers legt Peter Merseburger eine fundierte 928-Seiten-Biographie Willy Brandts vor, der "sozialdemokratischen Jahrhundertgestalt", wie er den (konservativen) Historiker Hans-Peter Schwarz zitiert.
Fundiert und auf neuesten Quellen basierend (im Literaturverzeichnis vermisste ich lediglich die Brandt-Biographie von Barings "Machtwechsel" oft herangezogen wird. Etwas kursorisch wird die Zeit des Konstruktiven Misstrauensvotums 1972 und die Auseinandersetzungen mit der Opposition dargelegt, ausführlicher wieder die Umstände des Rücktrittes im Zuge vieler Rückschläge im Zuge der Guillaume-Affaire berichtet. Die Jahre nach der Kanzlerschaft, die Auseinandersetzung mit Helmut Schmidt um den Nato-Doppelbeschluss und das Ende der sozial-liberalen Koalition wie private Umstände (die Trennung von seiner - mit viel Sympathie beschriebenen - Ehefrau Rut und die Neuvermählung mit seiner letzten Frau Brigitte Seebacher-Brandt) werden ausführlich geschildert.
Insgesamt dürfte Volker Ullrich mit seiner Rezension in der "Zeit" recht haben: es handelt sich um "die" literarische Neuerscheinung des Herbstes. Sie ist flüssig lesbar und zeichnet sich durch einen souveränen Umgang mit Quellen aus. Interessant für mich auch die Auseinandersetzung mit der SPD-Enkelgeneration 1989/90, als die Möglichkeit der - von der SPD weitgehend nicht mehr gewollten - Wiedervereinigung angeschnitten wird. Merseburger erklärt, Willy Brandts Wort von der "Lebenslüge der Republik" sei nicht gegen die Wiedervereinigung an sich gerichtet gewesen, sondern lediglich gegen die Illusion, Wiedervereinigung im Zuge des weltpolitischen Ost-West-Gegensatzes erreichen zu wollen, was erkennbar den Realitäten vor 1989 widersprach. Hier zeigt sich der Realist Willy Brandt. Nicht umsonst hat die Biographie den treffenden Untertitel: Visionär und Realist.
Über einige Prämissen des Autors kann man streiten: er sieht Brandt - bei aller legitimen Verehrung - relativ unkritisch. Die vom Autor als "gouvermental" beschriebene "Nebenaußenpolitik" der SPD in den 1980-ger Jahren, als die Solidarnosch und andere Bürgerrechtsbewegungen im Ostblock von der SPD weitgehend ignoriert wurden, schreibt Merseburger primär nicht Brandt, sondern Egon Bahr zu, der in metternichschen Staatskategorien gedacht habe und die Gesellschaft vernachlässigt habe. Auch die - für mich unkritische - Übernahme der Bewertung Herbert Wehners (dessen Beitrag zu Brandts Sturz 1974 gut herausgearbeitet wird, jedoch durch Baring weitgehend bekannt ist) durch den früheren DDR-Spionagechef Markus Wolf, der Wehner nicht als "Mann des Westens" bezeichnet hat (eine Formulierung, die Merseburger unreflektiert übernimmt), wird dem Beitrag Herbert Wehners und seinem Lebenslauf meiner Meinung nach nicht gerecht.
Fazit
Dennoch insgesamt eine hervorragende Biographie, die sicherlich ein Standardwerk der modernen Zeitgeschichte werden wird.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 01. Mai 2002

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