Ralf Rothmann: Im Frühling sterben

Im Frühling sterben

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-518-42475-9

Preis: 19,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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70 Jahre nach Kriegsende erscheint mit Ralf Rothmanns Roman einer der eindringlichsten Bücher über das Kriegsende und den Leiden der einzelnen Soldaten. Walter Urban, Jahrgang 1927, ist Melker und 18 im Jahre 1945. Zusammen mit seinem Freund Fiete wird er im Dorfkrug von der Waffen-SS zwangsrekrutiert. Der kräftige Walter und der schmale Fiete ziehen zunächst gemeinsam in den von beiden abgelehnten Krieg. In eindrucksvollen Bildern beschreibt Rothmann die Erlebnisse von Walter aus dessen Perspektive. Während er - trotz innerer Ablehnung des Regimes - sich anpasst, um zu überleben (die Amerikaner sind bereits am Rhein, der Engländer vor Kleve), kann sich der intelligente und vorwitzige Fiete mit der Situation nicht abfinden. Beide werden in Ungarn eingesetzt, Fiete desertiert, wird gefasst und zum Tode verurteilt. Walter wird vom befehlshabenden Sturmbannführer gezwungen, der Hinrichtung nicht nur beizuwohnen, sondern den Freund selber mit zu erschießen. Wenn er sich weigere, werde er ebenfalls an die Wand gestellt.

Die Szene des Abschieds der beiden Freunde voneinander ist der emotionale Höhepunkt des Buches und es hat mich tief ergriffen. Wie der Sturmbandführer sich an Walters Verzweiflung weidet, als dieser für seinen Freund bittet, um ihm am Ende anzuraten, genau zu zielen, damit sein Freund Fiete nicht weiter leide, ist packend beschrieben. Immerhin darf Walter sich von seinem Freund verabschieden. Im Kellergefängnis schmiert er dann Schwefelsalbe auf die entzündeten Flohstiche an Fietes rasiertem Kopf. Der Verurteilte liefert hier das Motto des gesamten Romans: "Seelisch oder körperlich verwundet zu werden, macht was mit den Nachkommen. Die Kränkungen, die Schläge oder die Kugeln, die dich treffen, verletzen auch Deine ungeborenen Kinder." Die der Einleitung voranstehende Bibelstelle "Die Väter haben saurer Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden" (Ezechiel) wird in diesem Zusammenhang besser verständlich.

Auch wenn es in dem Buch nirgendwo deutlich angesprochen wird: die Hinrichtung des Freundes zeichnet Walter für sein gesamtes Leben; er wird mit der Schuld, den Mut nicht gehabt zu haben, den Schießbefehl zu verweigern und mit dem Freund gemeinsam in den Tod zu gehen, nicht fertig. Walter tröstet sich vor seiner Frau damit, dass bei Hinrichtungen immer in einem Lauf eine Platzpatrone sei - so kann er sich bis zum Schluss der Illusion hingeben, den Freund nicht zusammen mit vier weiteren Kameraden, eigenhändig erschossen zu haben. Doch von dem Moment des Todes seines Freundes ist er seelisch gebrochen und de facto tot, auch wenn er nach Kriegsende noch 42 Jahre lebt. Er heiratet nach dem Krieg, zieht ins Ruhrgebiet, wird Bergarbeiter und stirbt mit 60 Jahren an Krebs - körperlich und seelisch verbraucht. Seine letzten Gedanken am Sterbebett - von seinem Sohn aufgezeichnet - gelten dem Krieg, der ihn prägte.

Was mir an dem Buch gut gefallen hat, sind die eindringlichen Bilder vom Grauen des Krieges, der Verrohung einiger Offiziere, die Freude an Demütigung und Mord empfinden. Diese Schilderung gelingt Rothmann meisterhaft. Mich hat ebenfalls beeindruckt, dass es sich bei dem Buch nicht um eine Abrechnung des Sohnes mit dem Vater handelt, sondern um den Versuch, den Vater zu verstehen. Keine Spur von Abrechnung mit der "Vätergeneration", sondern Verständnis für den Vater, der mit äußerstem Mut versucht hatte, das Leben des Freundes zu retten.

Leider ist das Buch zu lang geraten. Die Ereignisse als Novelle geschildert - auf 100 bis 150 Seiten, wären m.E. eindrucksvoller gewesen als einen Roman auf über 230 Seiten zu kulminieren. Nach der Beschreibung der Hinrichtung des Freundes ist die Luft "raus", den Rest - die letzten 50 Seiten - hätte sich der Autor meines Erachtens sparen können. Auch zuvor wirken einige der geschilderten Szenen - es gibt keine Kapitel, sondern nur kurze Erzählabschnitte der einzelnen Erlebnisse Walters - für das Geschehen unnötig und überflüssig. Sie hemmen meines Erachtens den Erzählfluss.
Fazit
Insgesamt jedoch werden diese Schwächen aufgewogen durch die ergreifende Abschiedsszene der Freunde. Etwas so Tiefgehendes, emotional "Packendes" habe ich selten gelesen. Daher gehört "Im Frühling sterben" trotz einiger erzählerischer Schwächen insgesamt zu den wichtigsten Neuerscheinungen dieses Frühjahrs. "Man liest Ralf Rothmanns neuen Roman über eine Freundschaft, die vom Bösen überrollt wird, unter Hochspannung voller Bewunderung für die Nähe zu den Protagonisten." Dieser Festellung der "Zeit"-Rezensentin Ina Hartwig ist nichts hinzuzufügen.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 03. Juli 2015

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