H. Dieter Neumann: Die Narben der Hölle

Die Narben der Hölle

Verlag: swb-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Thriller
ISBN-13 978-3-942661-68-3

Preis: 12,50 Euro bei Amazon.de [Stand: 10. Dezember 2016]
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Bücher über Kriege gehören grundsätzlich nicht zu meiner Standardlektüre (jemand sagte mir, dass es ein Buch über den Afghanistankrieg wäre). Andererseits lese ich so ziemlich alles, was auch nur andeutungsweise meinen Blick kurzfristig auf sich zieht. Bei Die Narben der Hölle war es die Augenpartie des Mannes auf dem Covermotiv. Und so landete vor wenigen Wochen der Roman auf meinem kleinen Stapel ungelesener Bücher. Wie die allermeisten Bücher lag er dort nicht lange.

Recht bald habe ich bemerkt, dass der Afghanistankrieg zwar omnipräsent im Hintergrund Raum fordert, jedoch nur einen Rahmen um die eigentliche Geschichte bildet. Vielmehr geht es um die psychologisch gut herausgearbeitete Hauptfigur Johannes Clasen. Der Hauptmann der Bundeswehr kehrt schwer verletzt und mit einer kongraden Amnesie aus Afghanistan zurück. Bei seinem letzten Einsatz soll er zwei unschuldige Kinder getötet haben. Obwohl das eingeleitete Untersuchungsverfahren zu dem Schluss kommt, dass man ihm nichts anlasten kann, belastet Clasen die Situation schwer. Im Rahmen einer Türkeireise hofft er, seinen inneren Frieden auf einer Segeltour wiederzufinden. Dort angekommen fühlt er sich jedoch verfolgt und bald darauf wird er tatsächlich angegriffen. Gleich mehrere Killer versuchen ihn zu töten. Ihre Motivation liegt offenbar in den Vorkommnissen in Afghanistan begründet.

Präsentiert wird die Geschichte aus verschiedenen Zeitebenen und Perspektiven. Da ist einmal Clasen, der sich verzweifelt zu erinnern versucht und gleichzeitig Angst vor der Gewissheit hat. Aus seiner Sicht wird aus dem aktuellen Geschehen heraus und aus seiner Zeit in Afghanistan beziehungsweise aus der Zeit in Deutschland vor und nach seinem letzten Aufenthalt dort erzählt. Da sind aber auch ein afghanischer Warlord, seine Untergebenen und dessen Widersacher, die für andere Blickwinkel sorgen. Der Autor springt gleich anfangs von einer Perspektive zur anderen und wieder zurück, ohne jeweils beim Erzählen der einen zu viel im Bezug auf die anderen zu verraten.

So schafft es der Autor mit seinem Debütroman, der im Übrigen für den Friedrich-Glauser-Debütpreis vorgeschlagen wurde, seine LeserInnen recht schnell in das Geschehen eintauchen zu lassen. Seine Schilderung des Soldatenlebens klingt ebenso glaubwürdig wie das von Clasen erlittene Trauma. Das stetige Grübeln, die angeschnittenen Beziehungsprobleme, das sich verraten fühlen, das sich verlassen fühlen bis hin zur Frage, ob der Einsatz in Afghanistan überhaupt Sinn macht - all das klingt plausibel nachvollziehbar und offenbart die innere Zerrissenheit der Hauptfigur. Gleichzeitig gelingt es dem Autor durch die aus der Sicht der afghanischen Charaktere geschilderten Passagen zu zeigen, dass Denkweisen aufeinandertreffen, die gegensätzlicher nicht sein können. Er umreißt die verworrene politisch-ökonomische Konstellation in Afghanistan, wo alte Stammesstrukturen, Korruption und Drogengeschäfte mit dafür sorgen, dass eine Stabilisierung, Normalisierung und Frieden nahezu unmöglich zu sein scheint. Gleichzeitig wird aber auch klar, dass eine zu schlichte Einteilung in Gut und Böse nicht einfach so funktioniert.

Dass das, was Neumann von der Situation am Hindukusch schreibt, nicht aus der Luft gegriffen wirkt, liegt vermutlich daran, dass er selbst als Offizier der Luftwaffe tätig war, bevor er für eine Versicherungsgesellschaft zu arbeiten und irgendwann mit dem Schreiben begann. Er berichtet in seinem Roman glaubwürdig von den Soldaten, die sich faktisch bereits im Krieg befanden, als Politiker hierzulande das Wort noch nicht einmal auszusprechen wagten und die Bevölkerung für dumm verkauften. Doch Neumann lässt auch durchblicken, dass den Soldaten der Sinn ihres Einsatzes fragwürdig vorkommt, dass sie über politische Fallstricke zu stolpern drohen und zur Wahrung des öffentlichen Bildes von Politikern und Vorgesetzten verraten werden. Dazu tragen auch die unterschiedlichen Aufträge und Befugnisse der verbündeten Truppen bei.

Sukzessive webt Neumann den Handlungsablauf aus verschiedenen Handlungsebenen zusammen. Durch die Vorgeschichte wie auch durch die sich anbahnende Bedrohungssituation mit Beschattung und den Mordanschlägen auf Clasen erzeugt er eine dramatische Spannung, wirft Fragen auf, findet interessante Antworten. Man kann das Buch kaum aus der Hand legen.

Allerdings nur bis etwa zur Hälfte des Buches. Obwohl der Autor auch weiterhin gekonnt ein Wort ans andere reiht, beginnt die Geschichte sich leicht zu ziehen. Nicht nur, weil er etwas zu ausführlich auf (seine private Passion) das Segeln eingeht, auch weil sich durch die Perspektivwechsel jetzt doch die eine oder andere Vorhersehbarkeit abzeichnet. Ein weiteres Manko ist, dass sich Neumann etwas zu sehr diverser Klischees bezüglich der afghanischen Bevölkerung, der Taliban, der Warlords und Drogenbarone bedient. Die Auflösung der Probleme in der Türkei wirkt am Ende des Romans letztlich zu glattgebügelt, um wirklich rundum zu überzeugen.
Fazit
Ein Debüt mit Ausbaupotenzial. Kein Buch zum einfach nebenher lesen, dazu werden zu viele Fragen angesprochen, die uns alle aktuell betreffen. Neumann präsentiert mit Die Narben der Hölle einen Roman, der sich etwas abseits üblicherweise verwendeter Ideen für einen Thriller bewegt. Lesenswert ist er allemal, denn trotz kleinerer Schwächen habe ich mich genauso gut wie informativ unterhalten gefühlt und nachdenklich hat mich das Buch auch gemacht. Insgesamt möchte ichacht von zehn Punkten dafür vergeben.

Copyright ©, 2013 Antje Jürgens (AJ)
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Vorgeschlagen von Ati [Profil]
veröffentlicht am 31. Januar 2013

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