Michael Schwelien: Helmut Schmidt: Ein Leben für den Frieden

Helmut Schmidt: Ein Leben für den Frieden

Verlag: Hoffmann und Campe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-455-09409-1

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Mit Spannung habe ich auf die neue Biografie von Helmut Schmidt gewartet, da ich zuvor die Biographien von Steffahn (Rowohlt, 1990) und Rupps (Hohenheim, 2002) mit Interesse gelesen habe. Um es vorweg zu sagen: die vorliegende Biographie ist spannend geschrieben und zu lesen, reicht aber an die beiden anderen in keinster Weise heran. Die Lebensgeschichte von Helmut Schmidt wird auf 370 Seiten dargestellt, wobei der Autor sowohl Helmut als auch Loki Schmidt interviewt hat. Sie konzentriert sich - im Gegensatz zu Martin Rupps - stärker auf Ereignisgeschichte, wobei meines Erachtens jedoch gerade die Zeit seiner Kanzlerschaft mit 57 Seiten zu knapp abgehandelt wird. Die - von Rupps eindrucksvoll herausgearbeiteten - philosophischen Grundlagen, Helmut Schmidts Politikverständnis, seine Vorbilder Marc Aurel, Kant, Popper, werden zwar - äußerst knapp auf 10 Seiten (!!!) im Kapitel: "Bracher lesen und studieren" angerissen, jedoch ohne Folgerungen. So leidet etwa das - sehr reportagenhaft geschriebene - Kapitel über den Terrorismus, die Schleyer-Entführung und die Geisel-Befreiung in Mogadischu - genau daran, dass Schmidts Haltung, den Terroristen nicht nachzugeben, nicht genügend philosophisch reflektiert wird - verwiesen wird lediglich auf Gespräche mit seiner Frau und befreundeten Schriftstellern. Das Kapitel - Quellen hierzu sind insbesondere die Biographie Peter-Jürgen Books und der Fernsehfilm von Breloer - liest sich zwar spannend wie ein Krimi, bleibt aber, da das Politikverständnis Schmidts, welches zu der Entscheidung führte, den Terroristen nicht nachzugeben, unbefriedigend. Hier findet sich meines Erachtens bei Rupps und Steffahn viel mehr. Auch die Umstände der "Wende" werden äußerst kursorisch - auf 18 Seiten (S. 240-258) abgehandelt. Während bei Rupps die Ereignisgeschichte zu kurz kommt bzw. nicht genügend strukturiert erscheint, habe ich beim Lesen dieser Biographie das Gefühl gehabt, der Ereignisgeschichte werde zu großer Raum eingeräumt, wobei jedoch im Stil einer journalistischen Reportage (die für ein Dossier gut gelungen wäre) die Hintergründe der Entscheidungen eindeutig zu kurz kommen. Eingestreute Erlebnisse - so erlebte der "Zeit"-Journalist Schwelien den Autor, den er seit Ende der 1960-ger Jahre kennt, - auf den wöchentlichen Redaktionssitzungen dieser Zeitung - reichen hierfür nicht aus.
Jede kritische Analyse der Politik oder Person Schmidts fehlt, wenn auch Schmidts Abneigung der Studentenbewegung oder seine Unterschätzung der aufsteigenden Friedensbewegung, die dann in die Partei der "Grünen" münden sollte, mit Fehleinschätzungen Schmidts begründet wird.

Welches sind die Grundlagen der Politik Schmidts? Worin lag sein Politikverständnis? Diese grundlegenden Fragen, die in den Biographien von Steffahn, Rupps und auch in dem biographischen Abriss von Marion Gräfin Dönhoff über Helmut Schmidt in: "Deutschland, Deine Kanzler" ausführlich eingegangen wird, gibt es keine Antwort.

Dies gilt auch, wenn man die verwendeten Quellen einmal kritisch miteinander vergleicht. Schwelien benennt in seiner "Auswahlbiographie" ganze 15 Titel - bei Rupps umfasst die verwendete Literaturliste alleine 47 Seiten.
Fazit
Eine spannend geschriebene aber viel zu oberflächliche Durchschnittsbiographie , die aber an andere Schmidt-Biographien wie die von Steffahn und Rupps nicht heranreichen kann.
3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne3 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 19. Oktober 2003

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