Hans-Werner Kettenbach: Die Konkurrentin

Die Konkurrentin

Verlag: Diogenes Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-257-06301-1

Preis: 0,48 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Der Roman "Die Konkurrentin" von Hans-Werner Kettenbach hat mich enttäuscht. Da ich begeistert war von "Davids Rache" und "Der Pascha" hatte ich mich auch auf den neuen Kettenbach gefreut. Beschrieben werden die Auswirkungen eines kommunalen Machtkampfes einer Frau auf deren Familie. Lene Anweiler möchte Bürgermeisterin einer Großstadt (die Anspielungen auf Kettenbachs Heimatstadt Köln sind vorhanden) werden. Doch dafür muss sie zunächst von ihrer konservativen Mehrheitspartei nominiert werden. Lene Anweiler ist als Außenseiterin eher dem gemäßigten Flügel ihrer Partei zuzurechnen. Günther Nelles, skrupelloser Immobilienmakler, ist Kandidat des rechten Parteiflügels. Er gilt als rücksichtslos und scheut vor üblen Intrigen nicht zurück. Dies wird auch durch Schilderungen aus seiner Vergangenheit verdeutlicht. Wird sich Lene durchsetzen? Welche Auswirkungen hat der Machtkampf auf ihre Persönlichkeit? Wie wird sich die Beziehung zu ihrer Familie gestalten? Diese Fragen stellt sich ihr wesentlich älterer Mann Raimund, 71, Arzt im Ruhestand. Er sieht die Entwicklung mit zunehmender Sorge, zumal er in einem Alter ist, in dem das Ruhebedürfnis wächst. Lena respektiert seine Wärme und Anlehnung, hält ihn allerdings für unpolitisch. Kettenbach gelingt es erneut, die "Ängste der bürgerlichen Mittelschicht" plausibel darzustellen. ähnlich wie Oberstudienrat Kästner in "Davids Rache" könnte man von Ängsten eines Spießers sprechen, die zum Teil schwer nachvollziehbar sind. Was bei Kästner in dem anderen Buch allerdings in Verfolgungswahn ausartet, wirkt hier plausibler und weniger aufgesetzt. Die Sorgen Raimunds werden jedoch sehr subtil beschrieben: "Mag sein, daß das alles nur Alpträume, nur Hirngespinste sind", lässt Kettenbach seinen Protagonisten auf S. 145 der gebundenen Ausgabe aussprechen. "Aber darauf kann ich mich nicht verlassen. Wenn ich meine Frau vor Schaden bewahren möchte, und das will ich unter allen Umständen, dann wird es höchste Zeit, dass ich etwas tue." So weit, so gut. Hier sind die Ähnlichkeiten zu seinen früheren Romanen evident: gleicher Aufbau, gleiche Art der Darstellung (Wahl der "Ich"-Form), Steigerung der Spannung. Dennoch blieb bei mir Enttäuschung zurück. Mir ist der Roman zu lang (522 Seiten gegenüber 290 Seiten bei "Davids Rache" oder 352 Seiten beim "Pascha".) Es bleiben auch zu viele Aspekte "offen". Der Leser möchte natürlich wissen, warum sich die Dinge so entwickelt haben, wie sie dargestellt werden. Vieles bleibt Spekulation, einiges offen. So harrt etwa eine der erwähnten Erlebnisse aus Lenes Leben, die deren Gegner in die Öffentlichkeit bringen, der endgültigen Aufklärung. Es geht um den mysteriösen Freitod eines früheren Klassenkameraden namens Uli, der Lene liebte. Er hat sich, da seine Liebe nicht erwidert wurde, von der Burgmauer gestürzt. Die stärker auf die Realität bezogene Schilderung der Sorgen Raimunds (im Gegensatz zu dem Verfolgungswahn Kästners in "Davids Rache") hat jedoch seinen Preis: die atemberaubende Spannung fehlt. Die Schilderung wirkt hier stellenweise langatmig und meines Erachtens - zumindest zeitweise - recht lustlos. Es kommt mir vor, als habe der Autor einen Plot mit viel Elan begonnen und eher pflichtgemäß und lustlos beendet. Um nicht missverstanden zu werden: stilistisch ist dies - wie alle früheren Romane des Autors - ein gutes Buch, man merkt Kettenbach seine journalistische Ausbildung an. Der Mann "kann" schreiben und auch hier durchaus Spannung erzeugen. Nicht umsonst vergleicht ihn etwa Jochen Schmidt - nicht als einziger - in seinem 1988 erschienenen Krimi-Standardwerk "Gangster, Opfer, Detektive" mit Patricia Highsmith, einer Autorin, die ich selber nicht so mag: "Vom durchschnittlichen Whodunit entfernt er sich ein gutes Stueck in Richtung Patricia Highsmith und ihres sanften Schreckens. Auf diesem Weg ist Kettenbach der Meisterin des Psychothrillers so nahe gekommen wie kein anderer deutscher Autor." Dies gilt nicht nur für die oben erwähnten Spannungselemente. Kettenbach schreibt nicht nur Krimis, seine Romane sind auch Gesellschafts- und Sozialromane über den Zustand der bürgerlichen Mittelschicht in der (alten) Bundesrepublik. Dies gilt besonders für "Davids Rache", in dem die Ängste eines Spießers meisterhaft dargestellt werden. Aber hier? Dasselbe Schema wie bei den früheren Romane wirkt hier nicht mehr. Neben den oben genannten Gründen liegt dies meines Erachtens nach am Umfang und der Vielfalt der angesprochenen Themen des Werkes. Spannung wird erzeugt, wenn sie nachvollziehbar ist. Dies setzt voraus, sie im "Rahmen" zu halten. Dies ist Kettenbach nach meiner Auffasung hier nicht so gelungen wie in seinen frueheren Romanen. Es kommt sogar eine gewisse Betulichkeit auf, viele Szenen, etwa im familiären Bereich, erscheinen mir überflüssig und hemmen Handlung und Erzählfluß. Enttäuscht habe ich "Die Konkurrentin" daher zur Seite gelegt. Er ist von der Spannung her nicht mit den früheren Romanen des Autors zu vergleichen. Ein "Zuviel" an Wiederholung kann enttäuschen. Diesen Eindruck hatte ich von Kettenbachs Roman, der - ich will es nochmals wiederholen - stilistisch nach wie vor zu den besten deutschen Gegenwartsautoren zählt.
Fazit
Für mich ist dies der schwächste Roman Kettenbachs, den ich gelesen habe.
4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne4 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 05. Oktober 2003

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