Ralph-Johannes Lilie: Byzanz - Das zweite Rom

Byzanz - Das zweite Rom

Verlag: Siedler Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-88680-693-5

Preis: 48,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 05. Dezember 2016]
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Der 29 Mai des Jahres 1453 war ein Dienstag. Und es sollte der letzte Tag sein, den viele Menschen in der Stadt Konstantinopel (dem heutigen Istanbul) erleben sollten. Mit der Eroberung der Stadt durch türkische Truppen endete die fast 1200 Jährige Geschichte des in der Moderne als "byzantinisches Reich" bezeichneten Staates. Und es begannen Jahrhunderte der Unterdrückung für die griechische Bevölkerung, bei denen noch heute dieser Tag als Tag des Leids begriffen wird.
Das byzantinische Reich, welches diesen Namen nie trug, sondern sich als direkten Nachfolger des römischen Weltreiches begriff (und es staatsrechtlich auch war), begann im weitesten Sinne mit der Gründung der Stadt Konstantinopel im Jahre 330. Der damalige Kaiser Konstantin (der Große), gründete den kleinen Ort Byzantion (Byzanz) - der damals bereits über 800 Jahre alt war), unter seinem Namen neu. Es war ein Ausdruck des programmatischen Neubeginns, den Konstantin auch durch die Anerkennung des Christentums als geförderte Religion zum Ausdruck brachte.
In der Moderne war Byzanz, besonders von Historikern des 19. Jahrhunderts, und vorher bei Gibbon ("History of the Decline and Fall of the Roman Empire"), als Inbegriff der Dekadenz betrachtet worden. In der Neuzeit wandelte sich dieses Bild, und in der modernen Historiographie, wird auf die originären Leistungen Byzanzs verwiesen. So bewahrte es Europa vor dem frühen Ansturm des Islam und vorher vor den sassanidischen Persern. Es war "der Schild", hinter dem Europa lange Zeit Zuflucht fand. Und die Christianisierung des Balkans und Rußlands ging von Byzanz aus, von den kulturellen Werten ganz zu schweigen.
Heutzutage weiß in Europa jedoch kaum noch jemand, was Byzanz war, und für welche Werte es Einstand (nach Ostrogorsky: "römischer Staat, christlicher Glaube und griechische Kultur"). Eines der bedeutensten Reiche Europas schien dem Gedächtnis der Menschen zu entgleiten.
Viele Historiker haben sich mit Byzanz beschäftigt (Ostrogorsky, Mango, Treadgold, Runciman, Schreiner und zuletzt im deutschsprachigen Raum Lilie). Doch ein neueres Handbuch fehlte bislang - zumindest eines, welches dem wissenschaftlichen Ansprüchen genügte. Ostrogorskys Werk ist über 60 Jahre alt, und Treadgolds letztes Werk ("History of the Byzantine state and society"), weist erhebliche Mängel auf und ist umstritten, da er manche Ereignisse der byzantinischen Geschichte (wie die Einführung der Themenverfassung) recht willkürlich festlegte (siehe auch die Rezension in der "American Historical Review" 2003/Vol. 105/No. 3). Doch nun legt der bekannte deutsche Byzantinist Ralph-Johannes Lilie (Byzanz und die Kreuzfahrerstaaten / Byzanz in der Beck Wissens Reihe) eine gutes Überblickswerk über die byzantinische Geschichte vor - allein diese Tatsache verdient Respekt.

Lilie konzentiert sich vor allem auf die sogenannte "mittelbyzantinische Zeit", die mit der Regierungszeit des Herakleos einsetzt und bis in die Komnenenzeit reicht (ca. 610 - 1081). Die davor liegende Zeit und danach folgende Verfallszeit skizziert Lilie nur, doe werden auch die Grundlinien deutlich. Die Konzentration auf die mittelbyzantinische Zeit trägt nicht zu Letzt der besseren Quellensituation dieser Zeit Rechnung (auf wenn diese nur relativ "gut" ist, doch auch darauf geht Lilie im Prolog ein). Die Ereignisgeschichte wird immer wieder von Einschüben unterbrochen, in denen Lilie auch die kulturellen und sozialen, aber auch ökonomischen Tendenzen in Byzanz in knappen Essays beschreibt. Dies tut der Abhandlung sehr gut, wird doch so die reine Aufzählung der Ereignisgeschichte aufgelockert und noch dazu wichtige Grundlinien verdeutlicht, die den byzantinschen Staat geprägt haben. Lilie betreibt teilweise recht interesante Quellenkritik, so z. B. in Hinblick auf den sonst in der Literatur sehr schlecht abschneidenden Tyrannen Phokas (602 - 610).

Die byzantinische Geschichte, mit all ihren Höhepunkten (wie unter Herakleos und Basileos II) und ihrem tragischen Ende, wird anschaulich und kritisch beleuchtet. Es ist ein Vergnügen, den Bogen zu verfolgen den Lilie spannt, vom Beginn Byzanz' in der Spätantike, über Justinans "Reconquista", bis zu den Araber- und Türkenkriegen. Besonders wird auf Quellenkritik Wert gelegt, und darauf geachtet, die Sachzusammenhänge deutlich zu machen. Besonders lobenswert ist die Tatsache, dass Lilie (der das Berliner Institut für byzantinische Prosopogräphie leitet), nicht alte Forschungsmeinungen "wiederkaut", sondern eigene Ansichten fundiert präsentiert. Nicht zu Unrecht, wurde Lilies Werk bereits als neues Standardwerk empfunden.

Einziger Kritikpunkt: die Zeit bis ca. 600 und nach 1081 hätte ausgeweitet werden können und die kulturellen und soziologischen Aspekte vertieft werden können. Doch sei dies Lilie vergeben, da er einen anderen Weg der Historiographie beschreitet als beispielsweise Haldon (John Haldon, Das Byzantinische Reich. Geschichte und Kultur, Düsseldorf 2002).
Fazit
Lilies Abhandlung ist flüssig und teilweise sehr spannend geschrieben - etwas, was man von deutschen Historikern kaum gewohnt ist. Dies ist eher das Metier der anglo-amerikanischen und englischen Historiker (Runciman, Peter Green, Peter Brown etc.). Und obwohl das Buch für ein breiteres Publikum geschrieben wurde, erfüllt es dennoch die Anforderungen wissenschaftlicher Objektivität. Dieses vorzügliche Übersichtswerk erfüllt seinen Zweck: es bringt dem Menschen von heute dieses vergessene Weltreich etwas näher und stärkt sein Verständnis für die Kultur von Byzanz, die vor allem die Kultur Russlands und des Balkanraumes prägte, aber auch Westeuropa das Wissen der Antike wenigstens teilweise rettete. Ein sehr empfehlenswertes Buch, auch, aber nicht nur, für Laien, trotz des recht hohen Preises.

Besonders hervorgehoben sei auch die hervorragende Ausstattung des Buches, mit edlem Cover, Lesebändchen, ansprechenden und gut ausgewählten Abbildungen, ausreichenden Karten, und einer für diese Zwecke ausreichenden Bibliographie.

Ich weise noch mal darauf hin: diese Buch ist nicht nur für Laien... aber eben auch an deren Bedürfnisse angepasst. Und somit sei das größte Lob an Lilie ausgesprochen: ein Buch geschrieben zu haben, welches Laien als auch Fortgeschrittene anspricht und sie für das Thema Byzanz, welches so lange vernachlässigt wurde, zu erwärmen weiß.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 02. Oktober 2003

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