Hartmut Leppin: Justinian. Das christliche Experiment

Justinian. Das christliche Experiment

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-608-94291-0

Preis: 27,95 Euro bei Amazon.de [Stand: 06. Dezember 2016]
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Im November des Jahres 565 starb der oströmische Kaiser Flavius Petrus Sabbatius Iustinianus, der Nachwelt besser bekannt als Justinian. Noch heute ist dieser spätantike Herrscher von Bedeutung, denn auf ihn geht die berühmte und bahnbrechende Rechtskodifikation des Corpus Iuris Civilis zurück. Er ließ zudem die Hagia Sophia im heutigen Istanbul (damals noch als Konstantinopel Hauptstadt des vollkommen christlichen oströmischen Reiches), während seine Generale im Westen Italien, das heutige Tunesien und Südspanien wieder für das Imperium eroberten. Auf den ersten Blick mutet das Ergebnis seiner Herrschaft beeindruckend an, doch zeigte das Fundament bereits deutliche Risse. Im Osten drohte ständig ein neuer Krieg mit der zweiten spätantiken Großmacht Persien, die vorherigen Kriege hatten enorme Summen verschlungen und Katastrophen wie eine Pestepidemie hatten das Reich heimgesucht. Das "Zeitalter Justinians", wie es in der älteren Forschung oft beschworen wurde, war sehr zwiespältig.

Zu Justinian existiert eine umfassende Forschungsliteratur, zumal die verfügbaren Quellen recht umfangreich sind. Eine neuere, umfassendere Biographie fehlte bislang in deutscher Sprache, doch ist diese Lücke nun mit dem vorliegenden Buch Leppins (weitgehend) geschlossen. Zumindest bietet es, das sei hier bereits verraten, einen vorzüglichen Zugang für diese interessante, aber auch problematische Zeit.

Leppin, ein ausgewiesener Experte für spätantike Geschichte, hat sein Werk, abgesehen von Einleitung und Schluss, in sechs darstellende große Kapitel unterteilt. Nach einer Einleitung behandelt er im 2. Kapitel den Aufstieg des jungen Petrus als Neffe des Kaisers Justinus. Die Rolle Justinians (so der Name des Petrus nach seiner Adoption durch Justinus) in dieser Zeit ist schwierig zu beantworten, da die Quellen eher tendenziös sind. Zu Recht wird aber in der neueren Forschung Justinians Position nicht mehr überschätzt, dem folgt auch weitgehend Leppin. Im 3. Kapitel werden die frühen Kaiserjahre Justinians dargestellt, einschließlich des (vorläufigen) Friedens mit Persien und den inneren Unruhen. Das 4. Kapitel widmet Leppin der "Sammelphase" Justinians: der Rechtskodifikation und der verstärkten Bauphase. Im 5. Kapitel werden die (zunächst) erfolgreichen Kriege gegen die Vandalen in Nordafrika und gegen die Ostgoten in Italien geschildert. Im 6. Kapitel entfaltet sich für den Leser das Bild einer bröckelnden Herrschaft des Kaisers, der im Osten wieder Krieg gegen die Perser führen muss (die sich behaupten konnten) und im Westen neue Aufstände gegen die oströmische Herrschaft bekämpft. Währenddessen ergaben sich auch im Inneren ernsthafte Probleme, unter anderem in der Religionspolitik. Im 7. Kapitel wird die Schlussphase Justinians beschrieben, der nur mit Mühe das Reich zusammenhalten konnte. Dem folgt eine Schlussbetrachtung, ein Anmerkungsapparat und eine aktuelle Literaturliste.

Es fällt vielleicht auf, dass die Kriege Justinians, die ausführlich von Prokop von Kaisareia und anderen Autoren geschildert wurden, eher in ihren Grundzügen dargestellt werden. Dies ist freilich eine Abwägungsfrage, doch existiert eine ausreichende Literatur dazu, zumal gerade die Lektüre Prokops immer noch reizvoll und aufhellend ist - wenn man sich seinen Intentionen bewusst ist. Justinian hatte das Glück, mit Prokop den letzten großen antiken Geschichtsschreiber zu haben. Gleichzeitig polemisierte jedoch gerade kaum jemand derart gegen einen Herrscher wie eben jener Autor (explizit in seiner sogenannten "Geheimgeschichte"). Bereits in den Quellen entstand somit ein gespaltenes Bild.
Fazit
Leppin bietet mit seinem Buch keine "ultimative" Biographie Justinians, was auch nicht seine Absicht ist. Die zunehmende Spezialisierung der historischen Forschung und die Flut an Publikationen macht das für einen Autor auch faktisch unmöglich. Leppins Biographie bietet aber eine gut lesbare, bisweilen spannende und immer wissenschaftlich fundierte Darstellung, die für Laien als auch für den Forscher interessant sein dürfte. Leppin bietet eine abwägende Darstellung und ist um Objektivität bemüht: Weder wird der Kaiser übermäßig gelobt, noch wird eine hyperkritische Darstellung geboten. Justinian soll aus dieser für uns fremden Zeit begriffen werden und dies ist wohl auch der einzig gangbare Weg.

Wie immer bei Klett-Cotta ist das Buch vorbildlich gestaltet, wenngleich die Endnoten doch etwas müßig sind.
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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 28. Oktober 2011

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