Martin Walser: Tod eines Kritikers

Tod eines Kritikers

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-518-41378-4

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Der Autor Hans Lach gerät in Verdacht, den überaus mächtigen Literaturkritiker Andre Ehrl-König ("In der ganzen Literaturgeschichte habe keiner soviel Macht ausgeübt wie er") ermordet zu haben, nachdem dieser Tage lang unauffindbar bleibt und einziges Überbleibsel sein blutbefleckter Pullover ist. Ein Motiv ist schnell gefunden: Ehrl-König hat wenige Stunden vor bezeichneter Mordnacht Lachs neuestes Buch "Mädchen ohne Zehennägel" vor laufender Kamera klein und lächerlich geredet, auf der Feier nach der Sendung kommt es zu wüsten Drohungen, herben Pöbeleien Lachs gegenüber Ehrl-König. Überzeugt von Lachs Unschuld ist nur der Ich-Erzähler, Michel Landolf. Dieser setzt, so gut er es als einer an "Von Seuse zu Nietzsche"-Abhandlung Schreibender, "im Fachkreis herumgeisternder" Historiker versteht, alles in die Wege, die wahren, dass heißt Lach entlastenden Umstände aufzudecken.
Besondere Aufmerksamkeit gilt den Hintergründen des (deutschen) Kulturbetriebes (München gibt hier stellvertretend die Bühne ab), seiner Eitelkeit(en), der öffentlichen Meinungsbildung, die nichts als die Meinung einiger Kritiker, schließlich die Unmündigkeit eines zum selbstständigen Kritisieren unfähigen Publikums. Martin Walser hat einen packenden Krimi verfasst, der mit Pointen und Knalleffekten geradezu bepflastert ist. Der nicht auszuweichenden Übermacht des Andre Ehrl-König stellt Walser einen Helden entgegen, der gegenüber der rhetorischen Virtuosität des Kritikermeisters nicht unempfindlich bleibt, doch sich sein eigenes Urteil (oder seine Sturheit?) bewahrt.
Fazit
Andre Ehrl-König, das literarische alter Ego Marcel Reich-Ranickis, wird in Szene gesetzt als Kritiker, nicht als ein Mensch jüdischer Herkunft; anders gesagt: Martin Walser ist der Verfasser von "Tod eines Kritikers", nicht "Tod eines Juden"; von Antisemitismus keine Spur; ab und zu ein Klischee, ja, doch damit lebt Literatur, muss Literatur leben.
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Vorgeschlagen von Paul Niemeyer [Profil]
veröffentlicht am 24. September 2003

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