Mary Pearson: Zweiunddieselbe

Zweiunddieselbe

Verlag: S. Fischer [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-596-85337-3

Preis: 0,63 Euro bei Amazon.de [Stand: 30. September 2016]
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Die DVDs sind sorgfältig beschriftet - Jenna Fox, 7 Jahre, Jenna Fox, 8 Jahre. Das Mädchen, das die Filme zeigen, wurde von seinen Eltern sichtlich geliebt und umsorgt. Die erwachsene Jenna Fox kann sich nach einem schweren Unfall nicht mehr an ihre Kindheit erinnern. Ihrer Mutter muss Jenna zunächst glauben, dass sie das Mädchen in den Filmen ist. Sie soll brav, eine erfolgreiche Ballett-Tänzerin und genauso gewesen sein, wie ihre Mutter sich eine Tochter erträumt hatte. Jenna kommen erste Zweifel. War ihr Leben in Wirklichkeit vielleicht ganz anders? Die Familie ist gerade aus Boston nach Kalifornien gezogen. In Jennas Zimmer gibt es nichts aus einem früheren Leben. Niemand mailt der angeblichen Jenna, niemand erkundigt sich danach, wie es ihr geht. Erst allmählich lernt Jenna wieder laufen, Hände und Füße scheinen noch nicht zu ihr zu gehören. Große Probleme hat die Siebzehnjährige damit, Gefühle auszudrücken und den Gesichtsausdruck anderer zu deuten. Wenn jemand die Mundwinkel hochzieht, bedeutet das Lächeln, so viel weiß Jenna inzwischen. Was ist Hass, was ist Neugier? Einige Begriffe sind nur Wörter, deren Bedeutung Jenna neu lernt. Jennas Mutter kontrolliert jeden Schritt ihrer Tochter, verhindert ängstlich jeden Kontakt nach außen und lässt Jenna erst nach langem Zögern wieder zur Schule gehen. Man fragt sich, wie lange eine beinahe erwachsene junge Frau sich noch brav wie ein kleines Mädchen kontrollieren lassen wird.

In wenigen Nebensätzen wird deutlich, dass die Handlung in der Zukunft, nach dem Jahr 2023 spielt. An einer Seuche ist ein Viertel der Erdbevölkerung gestorben, weil Antibiotika längst nicht mehr wirken. Das NEWF, ein rigides Gesundheitssystem, legt in einem Punktekatalog fest, wessen Leben lebenswert ist. Die schwerverletzte Jenna hätte nach den Regeln nicht weiterleben dürfen. Ihr Vater hat das Leben seines einzigen Kindes mit einem unausgereiften, nicht zugelassenen Verfahren gerettet, das von der Gesundheitsbehörde nicht zugelassen ist. Der Preis für Jennas Leben ist nun die tägliche Angst, entdeckt zu werden. Ob ihr Leben in ständiger Abhängigkeit lebenswert ist, fragt Jenna sich anfangs noch nicht.

Langsam auftauchende Erinnerungsschnipsel lassen Jenna zunehmend kritische Fragen stellen. Warum lehnt ihre Großmutter, die in den Filmen so liebevoll wirkte, Jenna geradezu schroff ab? Warum kommt es zwischen Eltern und Großmutter immer wieder zu Konflikten? Wer ist die neue Jenna, hat sie eine Seele und was ist mit den beiden Freunden passiert, mit denen Jenna damals gemeinsam verunglückte? Als Jenna herausfindet, wer sie ist, muss sie sich fragen, ob sie - so wie sie ist - den hohen Ansprüchen ihrer Eltern je genügen kann.

Mary Pearson legt geschickt Hinweise aus, die an den Erklärungen von Jennas Eltern zweifeln lassen. Während Jenna mehr über sich herausfindet, mag man kaum glauben, dass die selbe Jenna sich zu Beginn der Handlung Empfindungen anderer nur schwer vorstellen konnte. Klug und selbstkritisch wirkt die junge Frau, die sich gegen die allgegenwärtige Kontrolle ihrer Eltern auflehnt. Die spannende Handlung, die den Leser förmlich in die utopische Geschichte hinein saugt, endet verblüffend. Die Auflösung im letzten Kapitel lässt Jennas Geschichte noch lange nachklingen; sie hat mich an diesem Buch am stärksten berührt.
Fazit
Für einen Jugendroman, der ernste ethische Fragen nach dem Ende des menschlichen Lebens aufwirft, lässt sich Zweiunddieselbe erstaunlich flüssig lesen. Problemlos kann ein Leser der Gegenwart sich in Jennas Gefühle versetzen. Pearson wirft Fragen danach auf, welche Grenzen Eltern bereit sind zu überschreiten, um das Leben ihres Kindes zu retten, und ob Menschen tun dürfen, wozu sie rein technisch in der Lage wären.
8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne8 Sterne

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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 26. Dezember 2010

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