Franz Schultheis: Ein halbes Leben

Ein halbes Leben

Verlag: UVK Verlagsgesellschaft [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-86764-244-6

Preis: 39,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 03. Dezember 2016]
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Umbruch der Arbeitswelt

"Arbeit ist das halbe Leben", sagt man. Eine, zumindest in der Form, erfrischend andere, dennoch wissenschaftlich fundierte und umfassend recherchierte, Untersuchung zum allseits zu beobachtenden Umbruchprozess des Arbeitslebens und der Arbeitsorganisation legen die Autoren, konzipiert als Lesebuch, vor.

Gerade die Verbindung dieses gesellschaftlich grundlegend verändernden Prozesses mit wissenschaftlicher Tiefe und, vor allem, Betrachtungen aus der Sicht von Arbeitenden jeglicher Richtungen geben den gut 750 Seiten dieser Untersuchung ihren besonderen Wert zur notwendigen Diskussion.
In der Regel treffen wir auf Geschichten von Menschen, die bereits eine lange Zeit ihrer Tätigkeit nachgehen und somit über einen fundierten Erfahrungsschatz ihre Arbeit betreffend einerseits verfügen, die aber zum anderen auch über die genannte Zeitspanne den Veränderungsprozess ihres konkreten Arbeitsfeldes aufmerksam und am eigenen Leibe miterlebt haben. Gegen die Neigung zu generalisierenden Sichtweisen der Medien oder untersuchender Wissenschaftszweige setzen die Autoren somit hier den Weg in die individuelle Betrachtung und ziehen aus der Vielzahl individueller Lebensarbeitsgeschichten vorsichtige, durch die Quantität und Qualität des umfassenden Materials aber fundierte, Schlüsse.

Die bereits erprobte Methode des "verstehenden Interviews" zeigt hier wiederum eindrücklich ihre aussagekräftigen Erfolge. In der kritischen Objektivierung der mitgeteilten, subjektiven Lebensgeschichten erhalten die Interviews nutzbaren Wert für die wissenschaftliche Betrachtung. Eine Betrachtung, die nun endlich nicht nur Konzepte auf Leitungsebene benennt, sondern die teils sperrige Realität der Arbeitenden in den Fokus rückt. Die nämlich sind es letztendlich immer, die Ideen und Veränderungsprozesse umzusetzen haben.

Jede der befragten Personen wird von den konkreten Interviewern in ihrem Hintergrund vorgestellt, sodann folgt das Interview, je bestens zusammengefasst in der Überschrift.

Ein vielfältiges Bild der modernen Arbeitswelt aus der Praxis heraus ergibt sich aus den 37 Interviews. Von der Klage des Medienschaffenden über das nicht mehr erkennen können, was man da eigentlich nur in Kleinteilen herstellt über den Verlust allgemeingültiger Normen unter Rechtsanwälten, die pragmatische Haltung von Saisonarbeitern in der Weinlese, die auch den Faktor einfach beschäftigt zu sein in den Raum stellt, bis hin zu modernen Nomaden der alltäglichen Arbeitswelt als freischaffende für verschiedene Auftraggeber und die nüchterne Beobachtung der Betriebsärztin, dass die einen überlastet sind von Arbeit und die andere gar keine mehr haben reicht der Bogen der verschiedensten Personen und Arbeitsfelder.

In der Gesamtschau ergibt sich sodann, dass die Wandlung der Arbeitswelt nicht in ein bis zwei Schlagworten zusammengefasst werden kann, sondern eine Vielzahl von kleinen Stellschrauben bewegt, die alle zum Gesamtbild ihren Teil beitragen. Dennoch, einen einfachen Nenner kann und wird es nicht geben, das ist eines der wesentlichen Ergebnisse dieser Studie. Verbindend zwischen all den verschiedenen Betrachtungsweisen steht allerdings die übergreifende Erfahrung einer starken Verdichtung der Arbeit. Weniger Arbeiter müssen nicht nur das gleich kreieren wie zu Zeiten höherer Beschäftigungszahlen, sondern auch mit den Steigerungen der Produktivität weitgehend alleine zurecht kommen.
Diese Konzentration der Arbeit, die so irgend möglich auf Arbeitskräfte zugunsten der Rendite verzichtet ist das verbindende Element zumindest des Eindrucks sich vermindernder Qualität des Arbeitslebens und einer beginnenden, starken inneren Distanz von der Erwerbstätigkeit durch die Arbeitenden.
Fazit
Ein fundiertes Lehrbuch der Gesellschaft, bestens geeignet für eine weiterführende Betrachtung der evaluierten Ergebnisse. Für Arbeitgeber interessant, hier sicherlich zumindest das ein oder andere Interview zu finden, dass auch Grundzüge des eigenen Betriebes beschreibt, für Sozialwissenschaftler anstrengend interessant, weil klar wird, dass einfache, generalisierende Antworten schlechthin nicht möglich sind. Gerade die hohe Differenzierung der Studie, die in der Auswertung im letzten Kapitel bestens benannt wird, ist die große Stärke der Untersuchung. Leider sind die Hinweise für eine konkrete Anregung zur Weiterarbeit mager, ein wenig mehr eines Aufzeigens von Alternativen und Veränderungsmöglichkeiten wäre sinnvoll gewesen.
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Vorgeschlagen von Michael Lehmann-Pape [Profil]
veröffentlicht am 24. September 2010

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