Gordon A. Craig: Ende der Parade: Über deutsche Geschichte

Ende der Parade: Über deutsche Geschichte

Verlag: Verlag C. H. Beck [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-406-47618-1

Preis: 0,15 Euro bei Amazon.de [Stand: 04. Dezember 2016]
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Gordon A. Craig gehört zu den führenden angelsächsischen liberalen Historikern. Er hat sich sein Leben lang mit deutscher Geschichte beschäftigt und ist für sein fulminantes Werk: "Deutsche Geschichte von 1866-1945" ausgezeichnet worden. Um die deutsche Geschichte von Bismarck bis zur deutschen Wiedervereinigung dreht sich sein neues Buch. Es versammelt verschiedene Essays des Autors zur deutschen Geschichte. Er bespricht darin wichtige und wegweisende Titel zur neueren deutschen Geschichte, von Lothar Galls bekannter Bismarck-Biographie, John G. Roehls Aufsatzsammlung: "Kaiser, Hof und Staat", Henry Turners: "Hitlers Weg zur Macht", Henry Friedländers: "Weg zum NS-Genozid" oder Bullocks fulminante Doppelbiographie über Hitler und Stalin. Anhand dieser Buchbesprechungen wird in 15 Essays die deutsche Geschichte erneut erzählt. Er schreibt für das historisch interessierte Publikum, nicht an den Fachhistoriker. Dennoch sind meine Erwartungen nicht erfüllt. Erstens ergibt sich - zumindest für die Geschichte bis 1945 - nichts entscheidend Neues gegenüber seinen früheren Publikationen, etwa seiner "Deutschen Geschichte von 1866-1945." Außerdem werden wichtige weitere Standardwerke zur deutschen Geschichte, etwa Haffners "Von Bismarck zu Hitler" oder Kershaws Publikationen über das Dritte Reich, etwa sein "Hitler-Mythos" oder seine Hitler-Biographie, schlicht ausgespart. Dass keines der bahnbrechenden Werke Karl Dietrich Brachers angesprochen wird, ist für mich ein schlichtes Manko. Auch zur Geschichte des Kaiserreiches vermisse ich die wichtige Biographie von Volker Ullrich: "Die nervöse Großmacht" von 1997. Bei der Besprechung des Werkes von Turner übernimmt er relativ unkritisch dessen These, die Machtübergabe an Hitler sei zu vermeiden gewesen. Dabei wird häufig übersehen, dass es seit den Wahlen vom Juli 1932 eine Alternative zu Hitler nicht gegeben hat, da NSDAP und DNVP zusammen über 42% an Stimmen verfügten und mit der KPD zusammen über die absolute Mehrheit im Reichstag. Daran änderten auch die November-Wahlen von 1932 nichts. Eine Regierungsfähigkeit der Demokraten war seit diesem Zeitpunkt eben leider nicht mehr gegeben. Die Ursachen des Niedergangs der Weimarer Republik und des Aufstieges des Nationalsozialismus werden - im Gegensatz zu seinen früheren Werken - nur gestreift. Dafür finden sich ausführliche Aufsätze zu den Persönlichkeiten von Goebbels und Speers, die als Helfer Hitlers sicherlich interessant sind, jedoch hätte ich als Autor deutlich andere Schwerpunkte gesetzt. Wichtige Einzelaspekte zur deutschen Geschichte bis 1945 kommen einfach zu kurz. Das gesamte Buch ist ja nicht dicker als 260 Seiten. Da hätte man meines Erachtens gut und gerne auf die Aufsätze über Goebbels und Speer verzichten können und der Nachkriegsgeschichte der Bundesrepublik, die nur relativ kurz abgehandelt wird, mehr Platz einräumen können. Zwar ist Craig fair im Urteil und gibt eine wohltuend ausgewogene Bewertung über die wichtigsten Standardwerke zur neueren deutschen Geschichte ab. Wirklich Neues hat er aber nicht zu bieten; die Werke von Haffner oder Krockow: "Die Deutschen in ihrem Jahrhundert!" sind hier meines Erachtens als Einführung eindeutig dem neuen Buch von Craig vorzuziehen. Krockows Werk wird im übrigen von Craig in seinen Aufsätzen ausführlich und fair rezensiert, aber mehr als ein kursorischer Überblick zur neuesten deutschen Geschichte findet sich in diesem neuen Werk leider nicht. Außerdem ist seine Schwerpunktsetzung für mich nicht nachvollziehbar. Schade, ich hatte aufgrund seiner früheren Werke eindeutig mehr erwartet. Positiv hervorzuheben ist jedoch die stilistische Brillianz und leichte Lesbarkeit, die auch diese Essays erneut auszeichnen. Sie können aber die obigen Mängel nicht wettmachen.
Fazit
Wer ausführlicher über die neueste deutsche Geschichte informiert werden will, sollte zu seinem früheren Buch "Deutsche Geschichte von 1866-1945" greifen, welches heute noch eines der besten Standardwerke zu diesem Thema darstellt. Der interessierte Leser ist damit sicherlich besser bedient als mit dieser gutgemeinten, aber letztlich nicht befriedigenden Aufsatzsammlung.
5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne5 Sterne
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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 30. Juni 2003

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