Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde

Der Mythos des Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-499-22765-3

Preis: 8,99 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Selbst dem anscheinend glücklichen Menschen dringt die potentielle Nichtigkeit und Erbärmlichkeit des Seins in den Sinn, sei es angesichts der Absurdität des alltäglichen Wechsels von Arbeit- und Freizeit, sei es Montagmorgens in düsterer Zeit oder sei es einfach die Erkenntnis, daß es für das Erhabene auf Erden, für Moral und Sittlichkeit, keine abschließenden Motive auf Erden selbst gibt, sondern diese Motive immer ins Transzendente hineinreichen, ins Gedankliche. Hierin begründete die Philosophie den pessimistischen Gedanken zugleich materiell. Der Freitod - dies hatte Schopenhauer richtig erkannt - ist nur eine andere Form der Bejahung des Lebens, da er aus der Verzweiflung am nicht gelungenen Leben seine Kraft schöpft. Er ist damit kein Ausweg. Albert Camus’ heroischer Existenzialismus - nach 30 Jahren immer noch herzhaft frisch wie einst - geht davon aus, daß man pessimistisch leben kann, ohne dennoch daran zu verzweifeln.

Die Grundfrage Camus ist daher, ob das Leben es rechtfertigt, gelebt zu werden. So kommt Camus zu dem Schluß, der Absurdität des Seins - dem permanenten Lebenserhalt durch Nahrung, Sorge und Arbeit neben wenigen Momenten nur empfundenen Glücks - ein heroisches "Trotzdem" anzufügen. Der Mensch stehe zwar dem Absurden seiner Existenz gegenüber. Er lebt aber mit dem Absurden, indem es ihm nichts ausmache und er sich jeweils neu dem Leben stellt. Ein guter Gedanke des Buches ist, daß Sisyphos, der dazu verdammt ist, den Stein in Permanenz von Berg zu Berg - auf und ab - zu rollen, in den Momenten glücklich ist, wo er bergab dem Stein nachgeht. Und trotzdem ist er immer unterwegs - auch wieder bergauf und im Vertrauen darauf, daß er irdische Probleme mit sich und auf Erden allein regeln muß und kann. Camus: "Der Kamof gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen." (159)

Kurz: Das Streben des Menschen nach Sinn, Freude und Behagen wird verneint und somit der Fokus auf die eigene Existenz gerichtet. Die Wechselfälle des Lebens gilt es darin anzuerkennen und kampfbereit zu sein - gerade in Zeiten des lahmenden Wohlstandes, wo sich Woche für Woche zwischenfallsfrei ein Leben müde erstreckt, welches vielerorts zwischen Sorgen um das abendliche Gassigehen des Hundes kaum noch Schlüsselerlebnisse oder Momente der "Decision", in denen es um Leben und Tod geht, in sich birgt. Es ist dies ein Leben, in dem schon eine verspätete S-Bahn ein Weltuntergang zu sein scheint und man sich die existenziellen Gefühle durch den Ersatz gruseliger Lettern in Billigmagazinen herbeischafft, um sich abends niederzulegen und früh dieselben Tagesabläufe gehetzt erneut abzuspulen. Alles absurd - und trotzdem geht es immer weiter.

Diesen Weg erfolgt Camus in seinem Essay auch immer weiter. Der Welt wird jeder objektiv wahre Wert, jedes moralische Dogma aberkannt. Klare Einsichten und Wahrheiten in Permanenz erreichen zu wollen erzeuge nur noch mehr an Absurdität. Die hier angesprochene Mangelsituation in der sich der Mensch befindet, wirft ihn schließlich auf seine eigene Existenz als letzter Instanz der Erkenntnisfähigkeit zurück - Sisyphos geht seinen Weg - mühsam, allein aber frei und mutig. So ist der moderne Mensch zum teleologischen Fehlschlag verdammt und sich - trotzdem weiter lebend - darüber sogar bewußt: "Wollte man die einzig bedeutende Geschichte des menschlichen Denkens schreiben, so müßte man die Geschichte seiner fortgesetzten Korrekturen und Ohnmachten verfassen." (30) Das absurde Gefühl ist also zunächst durch die Unfähigkeit der Welt, auf menschliche Fragen zu antworten, bedingt. Auch wenn der Verstand dem Leben jeden Sinn abspricht, bedeutet dies also nicht notwendig, daß das Leben es nicht wert ist, gelebt zu werden.

Das Besondere an dieser Neuveröffentlichung ist, daß dieses Buch Camus’ eine Haltung lehrt, die schon Hieronymus Lorm um 1890 philosophisch herleitete und die neu ins Bewußtsein gerückt werden kann. Es ist die Haltung des "grundlosen Optimismus", der den unglücklichen Menschen in den Mittelpunkt rückt - und dazu gehören auch jene, die sich prompt als glücklich bezeichnen würden. Es geht um den Menschen, der den irdischen Entbehrungen und Mühen eine Heiterkeit und Ruhe gegenüberstellt. Es handelt sich um eine eigene Art der Ästhetik. Sie weiß, daß allem menschlichen Schaffen die Idee innewohnt, dem Vergänglichen und Absurden den Schein der Unvergänglichkeit mutig selbst zu verleihen - trotz aller Tristesse und Müdigkeit. Es läßt sich in der schlechtesten aller Welten optimistisch leben, wirken und trotzdem sehnen und leiden. Die bewußte Tätigkeit dieser Haltung ist das denkende Betrachten. Das Reich des grundlosen Optimismus - so ließe sich mit Lorm und ähnlich mit Camus sagen - ist nicht von dieser Welt, die ihm Schranke zu sein scheint. Aber er ist trotzdem in ihr vorhanden. Dies allein macht sie zur bloßen Grenze eines besseren Reiches.
Fazit
Albert Camus’ Buch ist eine wichtige Lektüre für die philosophischen Urprobleme: Freitod, Absurdität und Mut zum Weitermachen.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 23. Dezember 2009

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