Georg May: La Sapienza. Aus männlicher Sicht. Roman

La Sapienza. Aus männlicher Sicht. Roman

Verlag: Van Bremen Verlagsbuchhandlung [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Jugendroman
ISBN-13 978-3-9811906-0-1

Preis: 1,20 Euro bei Amazon.de [Stand: 24. September 2016]
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Zwei Dinge sind es, die das Gemüt des Philosophen Immanuel Kant immer wieder in Bewunderung und Ehrfurcht versetzten: "der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir". Beides, die Frage nach der Möglichkeit der Naturerkenntnis wie auch Fragen des sittlichen Handelns, haben zeitlebens seine philosophische Reflexion herausgefordert. Mit diesem Zitat Kants beginnt nun auch der vorliegende Roman. Dies läßt bereits seinen lebenserfahrenen Duktus erahnen, der das ganze Buch durchstreift. So ist La Sapienza ein besonderes Werk, das als Berliner Roman überdies eine explosive Mischung aus den unterschiedlichsten Wissenschaften darbietet: Recht und Gesetz, Medizin und Psychologie, Sex und Partnerschaft, Philosophie und Skepsis. Sie verbinden sich zu einer literarischen Melange aus philosophischer Reflexion und empirischer Lebenserfahrung.

Die Spannung zwischen Natur und Freiheit, Naturgesetz und Sittengesetz, zwischen Sein und Nicht-Sein ist unaufhebbar. Sie muß in immer wieder ihren neuen Austrag erhalten. Diese skeptische Sicht ist bei Kant mit der fortschrittlichen Hoffnung verbunden, die Entwicklung des Menschengeschlechts möge und könne dahin gehen, der faktischen Wirksamkeit des Sittengesetzes und damit der Freiheit immer mehr Raum zu verschaffen. Recht und Staat gehören bei Kant strengstens zusammen. Legales Recht ist nur im Staat, und der Staat ist nur legitim als Rechtsstaat. Ihrer beider Zweck richtet sich darauf, die sittliche Gemeinschaft freier und gleicher Individuen mit seinen immer nur äußeren Mitteln zu fördern. Gäbe es die Natur nicht, so wären alle Menschen so moralisch, daß es den Staat nicht geben müßte. Gerade aus der unbedingten Gültigkeit des Sittengesetzes folgt also wegen des fortbestehenden Antagonismus mit dem Naturgesetz in Ansehung der Endlichkeit der menschlichen Vernunft, daß jede Politik stets eine relative ist. Eine absolutistische oder revolutionär-despotische Politik verletzt das Sittengesetz, die Würde der Person und die Menschlichkeit der Vernunft.

Der vorliegende Roman liefert eine vergleichsweise Darstellung des Kampfes um die begehrte Macht der Existenz, der Liebe und der Politik. Sie wird getragen von der Hauptperson des Romans, deren Wege sich an einer römischen Universität mit einer faszinierenden Ärztin kreuzen. Einen Sommer lang liebten sie sich. Doch die Geschichte mündet in ein Drama, in welchem sich die Figuren der Aussichtslosigkeit des Ganzen bewußt werden und die Hauptperson wieder nach Berlin zurückkehrt, um ein neues Leben zu beginnen.

Die einzelnen Kapitel werden stets eingeleitet von einem sie tragenden Diktum bekannter Schriftsteller. So etwa Marcel Proust, Erich Mühsam oder Antoine de Saint-Exupérie. Interessant sind die Anknüpfungen an die Deutsche Philosophie, insbesondere an Hegel. Das Eigentliche des Lebens ist demnach, daß es keine objektive Vorstellung, sondern ein Sein im Sinne einer höchsten Synthesis und Vereinigung bei gleichzeitiger Differentiation und Dissoziation dieser Synthesis gibt. Die Dialektik ist nicht ein bloß äußerliches, negatives Tun, sondern sie bedeutet das positive, immanente Hinausgehen über die Einseitigkeit und Beschränktheit der Verstandesbestimmungen.

So landet die Hauptfigur auf einem Fest unter Malern, Lesben, kreativen Frauen und Männern, hört sich deren Gedanken über die Liebe, ihr Fühlen, ihre Schriftsteller-Helden an und zieht in einer nächtlichen Reise die Konsequenzen für sein persönliches Leben. Auch hier gibt es vergangene Philosophen, die ihm helfen, seine männlichen Emotionen zu verstehen, ebenso wie die weiblichen. Und wenn auch Wirklichkeit und Erfindung sich vermischen, so zeugt dies von der enormen philosophischen Kenntnis des Autors, der seine Figur die Summe all der Widersprüche im Leben, die ihn in manchen Situationen lähmen oder auf die Höhe führen, spüren läßt. Und er läßt die Frauen Revue passieren, die ihm wichtig sind, eine mit der anderen verbunden, wie Glieder einer Kette. Jede Geschichte, der Bedeutung zukam, hatte ihrer Natur nach zwei Gesichter. So erlebt der Romanheld am eigenen Leibe die Differenziation und potentielle Synthesis der empirischen Ereignisse. -

Mit einer funkensprühenden Konsequenz: Sich in das Theater der Menschheit und des Lebens zu stürzen, mit dem Auf und Ab zu spielen und in schwankenden Betten zu lernen, welches die wahren Gesetze des Lebens sind. Eben: Die Differenzierung und gleichzeitige Einheit zu erkennen.
Fazit
Ein sehr weises Buch, voller philosophischer Kenntnis und damit verbundener Lebenserfahrung, die sich in einer Geschichte bündeln, die den Leser bis zuletzt fesselt.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. September 2009

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