Jan Schönfelder (Herausgeber): Das Wunder der Friedlichen Revolution

Das Wunder der Friedlichen Revolution

Verlag: Evangelische Verlagsanstalt [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Dokumentation
ISBN-13 978-3-374-02669-2

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Ideologischer Anspruch und die politische Realität standen sich in der DDR stets gegenüber. Zwischen ihnen klaffte eine über 40 Jahre existente Lücke, die aufgrund divergenter Handlungsmuster und widerspruchsvoll-opportunistischer Berichterstattung dauerhaft vorhanden war. Die DDR war ein auf Dauer angelegtes und beständig um ihr eigenes Überleben kämpfendes Provisorium. Es wäre ohne Repression und ideologische Einflußnahme bereits in frühen Jahren vernichtet worden und hatte damit nach heutiger Betrachtungsweise unter der Beachtung der völlig mangelnden gesamtgesellschaftlichen Akzeptanz keine Existenzberechtigung. Allein 1991 wurden 9000 Verfahren mit 2000 beschuldigten DDR-Funktionären geführt. Dieses Bewußtsein vom Unrecht externalisierte sich schließlich 1989 infolge der Zuspitzung der in Jahrzehnten angestauten Mißstände. Die Bundesrepublik Deutschland erscheint als Referenzsystem vom ersten Moment an.

Ein Staat oder eine Nation ist, was sie sein will und auch diesen Willen auf legitime Weise dauerhaft aufrecht erhalten kann. Die DDR schaffte das aufgrund immanenter Fehlerhaftigkeit nicht. Zwanzig Jahre nach der Friedlichen Revolution 1989 kommen in diesem Band prominente Zeitzeugen zu Wort. Ihre persönlichen Erinnerungen sind bewegender Ausdruck mutigen Widerstands. Der Historiker Jan Schönfelder hat mit Menschen gesprochen, die die Revolution aus verschiedenen Perspektiven erlebten und mitbestimmten. Entstanden ist nun eine Sammlung ganz unterschiedlicher Berichte. Ihnen ist gemeinsam, daß die überwältigenden Emotionen - Angst und auch Euphorie - untrennbar mit den persönlichen Erinnerungen der Zeitzeugen verbunden bleiben.

Die zu Wort kommenden Zeitzeugen entstammen selbst in vielen Fällen dem Widerstand. Sie reflektieren, wie Unruhen von Beginn an im Keime erstickt werden mußten, um am Machtanspruch der SED kein Zweifel aufkommen zu lassen. Der Philosoph Wolfgang Harich und zehn seiner Mitstreiter z.B., die für eine reformierte SED, einen moderaten Kurs ohne Alleinführungsanspruch der SED standen, wurden in frühen DDR-Jahren verhaftet und zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine Bedrohung durch diese intellektuelle Opposition lag nahe und führte zu einem weiteren Rundumschlag zur herrschaftlichen Absicherung der SED-Führung mit dem Fernziel endgültiger Stabilität. So proklamierte es der V. Parteitag unter der Setzung der "ökonomischen Hauptaufgabe" ebenfalls auf indirekte Weise.

Mit den Beiträgen von Gunther Emmerlich, Christian Führer, Stojan Gugutschkow, Freya Klier, Stephan Krawczyk, Bernd-Lutz Lange, Werner Leich, Dagmar Schipanski, Michael Schmitz, Friedrich Schorlemmer, Hans-Dieter Schütt, Peter Tanz, Wolfgang Thierse und einem Vorwort von Michael Beleites wird deutlich, wie diese Ereignisse doch gar nicht so weit zurückliegen.

Für Stephan Krwaczyk und Freya Klier begann das Ende der DDR entsprechend auch schon früher. Die Biermann-Affäre wird immer wieder genannt. Der eine erinnert an die Veränderungen in der Sowjetunion, an das Verbot russischer Filme und Zeitschriften in der DDR. Das Jahr 1989 mit der gefälschten Wahl im Frühjahr, der Öffnung der ungarischen Grenze und den Ereignissen in der Prager Botschaft - es hat eine Vorgeschichte. Und dieses Büchlein, das aus den immer gleichen Fragen an die 13 Interviewten entstand, lässt zumindest ahnen, wie oberflächlich gegenwärtige Geschichtserklärungen sind.

Die DDR als organistorisch-defizitäres Produkt indoktrinierter Generalisten unter einer starren Greisenherrschaft bestätigte sich selbst immer wieder als zwar stets instabiles Provisorium, zeigte aber auch, daß an eine Selbstabdankung der Gerontokraten so schnell nicht zu denken war. Der ein oder andere in diesem Buch - wie Friedrich Schorlemmer und Christian Führer - spricht nun auch von einem Wunder. Das ist christlich gedacht und stimmt für sich. Und so mancher, der dabei war, wird den Moment natürlich immer als unvergleichlich empfinden: Auf einmal war alles möglich, die Welt löste sich aus der verordneten Erstarrung. Daß viele dieser widerspruchsvollen Geister nach der glorreichen Revolution wieder im Abseits landeten - es gehört zur Tragik dieses geschichtlichen Momentes. Es bleibt festzuhalten, daß die Politik der DDR unter systematischer Bevormundung des Alltagslebens der Menschen und einer damit einhergehenden Internalisierung von Repression und Disziplinierung gesellschaftliche Blockaden verursachte, die irgendwann überkochen mußten.
Fazit
Die Zeitzeugen dieses Buches berichten ihre persönlichen Erlebnisse vor diesem Hintergrund und noch etwas: Es wird indirekt und zwischen den Zeilen noch mehr deutlich: Man hüte sich davor, sich heute vor Repression, Disziplinierung und vor gesellschaftlich verordneten Denkblockaden sicher zu fühlen. So richtig hat sich nämlich heute kaum etwas verändert was das freie Denken und staatslegitimatorisch verordnete Denkmuster angeht! DDR-light läßt grüßen!
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 01. Juni 2009

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