Manfred Bieler: Der Mädchenkrieg

Der Mädchenkrieg

Verlag: Hoffmann und Campe [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Belletristik
ISBN-13 978-3-455-00356-7

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Es gibt Romane, die man nicht vergisst, weil sie etwas Besonderes sind. Ein solches Buch ist Manfred Bielers Mädchenkrieg. Dieser hochinteressante Gesellschaftsroman, der in den dreißíger Jahren beginnt und nach dem zweiten Weltkrieg endet, besticht durch seine präzise geschilderten Charaktere.
Der deutsche Bankier Sellmann wird auf Veranlassung des böhmischen Magnaten Eugen Lustig von der Elbe an die Moldau versetzt. Begleitet wird er von seiner Familie: Seiner Frau Betty, dem durch eine Masernerkrankung erblindeten Sohn Heinrich und den drei Töchtern Christine, Sophie und Katharina.
Die Mission des im Grunde unpolitischen Sellmanns ist heikel: In Deutschland hat Hitler die Macht übernommen und man versucht, Kenntnisse über die tschechische Industrie zu erlangen, die für die geplante Arisierung und spätere Okkupation von Nutzen sein könnten. Sellmann gerät zwischen die Fronten und wird zum Diener zweier Herren.
Entscheidender aber ist, dass seine drei absolut unterschiedlich gearteten Töchter in Prag auf andere Lebensbahnen geraten. Die eigensinnige, komplizierte Christine, die sich unter falschen Voraussetzungen in den Tschechen Jan Amery verliebt, die mittlere Tochter Sophie, die als Sängerin debütiert und die jüngste, kluge, politisch interessierte Tochter Katharina. Alle drei sind bestechende junge Frauen, die mit guten Voraussetzungen ins Leben starten, aber in den Strudel der politischen Ereignisse, ihrer ureignen inneren Widerstände und in die Unausweichlichkeit der Schicksalhaftigkeit des Lebens geraten. So erstarrt die blonde Christine in der Scheinhaftigkeit ihrer Vorstellungen und ihrem rasenden Ehrgeiz, Sophie, die ihren Schwager liebt, findet über den Umweg als Nonne zu Amery zurück, verliert ihn aber wieder durch einen Mord und auch Katharina, die sich schon als junges Mädchen in einen tschechischen Kommunisten verliebt und mit ihm in den Widerstand geht, steht am Ende des Romans mit leeren Händen vor einem Neubeginn.
Fazit
Bieler schildert das Spannnungsfeld der europäischen Umbrüche, in dem die Namen Masaryk, Benesch, von Neurath und Heydrich den politischen Background bestimmen und sein Gesellschaftsszenario um die Sellmanns, ihre Geschäftsfreunde, Bekannten, Verwandten mit großer Kenntnis. Die bildhafte Sprache des Romans, die lebendig wirkenden Handlungsträger, der spröde Witz und die stets spannende Handlung treiben die Geschichte voran und machen das es schwer, es aus der Hand zu legen bevor man sein Ende kennt. Und auch wenn dieser Schluss traurig ausfällt, bleibt das Gefühl, dass man einen guten Roman gelesen hat.
Und so wünscht man sich eine Neuauflage, vielleicht mit einem etwas glücklicheren Titel.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Heide John [Profil]
veröffentlicht am 18. Januar 2009

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