Porphyrios: Gegen die Christen

Gegen die Christen

Verlag: Superbia Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-937554-00-6

Preis: aktuell keine Daten vorhanden
Die katholische Kirche um 300 n. Chr. hatte ein hohes kognitives Potential, welches sich in der starken Selbstidentifikation der Christen äußerte und wodurch ein schematisches Bild mit dem Ziel entstand, Menschen von fester Überzeugung zu erschaffen wie Jesus einer war. Das Christentum hat die Menschen entpolitisiert, denn die Obrigkeit gebe es nur vor Gott. Sie wird von Gott angeordnet. So wird der Gehorsam zur neuen Tugend. Jesus als nachahmenswerte Gestalt führt zu einem neuen Innenleben der Menschen. Erstmals keimt der Gedanke der Gleichheit auf. Die jüdisch-christliche Tradition wird zur Religion des Abendlandes.

Thomas von Aquin setzte sich zum Ziel, das Christentum gegenüber anderen Mächten zu rechtfertigen. Auch dem Augustinus gilt Rom als größte Räuberbande. Der Staat wird als wilder Haufen mit einer Notwendigkeit an innerer Regulierung verstanden, die nur das Christentum gewähren könne. Die ältere griechische Philosophie und die christliche Offenbarung sind damit die Quellen Europas. Das institutionalisierte Christentum mußte sich jedoch erst durchsetzen - und zwar gegenüber der berechtigten Kritik der alternativen und antiken Religionsformen und Philosophien. Im neuplatonischen Philosophen Porphyrios erwuchs dem jungen Christentum im 3. Jahrhundert ein philosophischer Gegner von solcher Gefährlichkeit, daß das vorliegende Buch von den christlichen Machthabern in der Antike vollständig vernichtet wurde. Auch frühe Widerlegungsschriften christlicher Theologen erlitten dasselbe Schicksal, weil noch zu viele gefährliche Zitate enthalten waren. Selbst Gotthold Ephraim Lessing bedauerte im "Anti-Goetze" zutiefst den Verlust der porphyrianischen Streitschrift.

Es ist deshalb eine grandiose Leistung des Superbia-Verlages aus Leipzig, hiermit eine fragmentarische Rekonstruktion aus anderen Widerlegungsschriften vorgelegt zu haben. Die philosophischen Argumente von Porphyrios sind trotz christlicher Verfolgung nicht erledigt. Porphyrios ist nicht widerlegt - dies meinte sein Übersetzer Adolf von Harnack. Die Kritik des Porphyrios beginnt im Anblick des akuten Bruches mit der antiken Geschichte, mit der Implementierung eines Traumas, in dem die pluralen polyvalenten Erlösungswege für ihn einer hegemonialen und amtlich monopolisierten christlichen Religion geopfert wurden.

Porphyrios pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu Plotin in Rom und schrieb auf einem Landgut in Sizilien seine "Fünfzehn Bücher gegen die Christen". Für ihn als Neuplatoniker war nicht der Wissenszuwachs sondern die Rettung der Seele in der Anbindung an Gott der Zweck der Philosophie. Seine sehr ernstzunehmende philosophische Kritik am Christentum wirft diesem vor, getrieben von Emotionen zu sein, zu missionieren und dadurch Welterkenntnis und Erlösung nicht gewähren zu können. Innehalten - dies war für ihn der wahre Weg. Aus neuplatonischer Sicht erscheinen in diesen nun vorliegenden Schriften des Porphyrios die Christen als Atheisten, die die Tradition der heidnischen römischen Religiosität untergraben. Die Christen befördern für ihn in ihrem "fremdländischen Tollwahn" keine echten Bildung und sittliche Reifung der Menschen, sondern fixieren sie im Status ihrer Kreatürlichkeit. Jesus, den Evangelisten und Paulus, die von niederen Emotionen und Widersprüchlichkeiten gekennzeichnet seien, setzt Porphyrios implizit das hellenistische platonische Bild einer "Angleichung an Gott", einer Vergöttlichung aus eigener Kraft entgegen - immer motiviert durch die persönliche Heilssuche, geplagt von eigenen Selbstmordgedanken auf der Suche nach dem Wahren und natürlich mit Blick auf die Verbrennung der kaiserlichen Bibliothek durch den christlichen Mob.

Porphyrios war bei Longinos Schüler der athenischen Akademie, er siedelte 263 nach Rom über, wo er bei dem Neuplatoniker Plotinos weiter studierte. Dieser half ihm 268 aus der erwähnten schweren Depression und veranlasste ihn zur Übersiedelung nach Lilybaion (Sizilien). Der Neuplatonismus geht von einer dynamischen Stufung des Seins und des Göttlichen aus. Der existenzielle Bezug zu dieser Realität und nicht nur der Nachvollzug derselben erhöhe den Menschen, vergöttliche ihn. Diese Haltung des Ringens um die höhere Lebensform reichte bis hinein zur innovativen politischen Theorie der Weimarer Republik, so etwa bei Othmar Spann, der in seinem Werk "Der wahre Staat" im neuidealistischen oder neuplatonischen Duktus davon ausging, daß das Ringen um die höchste der menschlichen Lebensform noch nicht beendet ist. Die Geschichte sei als beständig sich Erneuerndes zu betrachten und nicht als geradlinige Entwicklung.

Die Vorstellung vom göttlichen Menschen des Porphyrios nun - sie stand im scharfen Gegensatz zum Christentum. Dies war die porphyrianische Basis der Kritik. Für den neuplatonischen Autor ist der Kosmos als Ganzes, als Ordnungsgefüge göttlich. In der Reinigung vom Schmutz der zersplitterten Welt gelange der Mensch zum Göttlichen und habe auf dem Weg dahin verschiedene Entwicklungsstufen. Das egalitäre Christentum eben fördere hingegen nicht die Selbstbildung zu Gott, sondern verharre in Demut und Selbstverleugnung.

Kurz: War Jesus die Erniedrigung Gottes zu den Menschen hin - so meint Porphyrios - so müsse hingegen die Erhebung des Menschen zu Gott praktiziert werden und dies schließt auch die tendenzielle Gleichmacherei der Christen aus, da der Einzelne auf diesem Weg unterschiedliche Entwicklungsstufen aufweise. Interessant sind folgende Vorwürfe des Autors, die kurz thesenartig wiedergegeben werden sollen:

Porphyrios meint, daß Jesus nicht den Standards der Göttlichkeit entspreche, da er die Kraft der Verkündigung für Höherstehende und Reiche in Zweifel ziehe und diese per se kriminalisiere.

Zum Ausspruch Jesu: "Vekaufe deine Habe und gib sie den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel" haben, meint Porphyrios, daß zwar Bedürfnislosigkeit Voraussetzung für den Aufstieg der Seele sei, Mittellosigkeit aber nicht schon selbst ein besonderer Vorzug für den geistigen Weg darstelle.

Ferner beziehe sich das Christentum nur auf den Menschen, der Christus nachfolgt, alle anderen, die Tiere und der göttliche Kosmos fallen - für Porphyrios nicht annehmbar - aus der christlichen Vorsehung heraus. Hier stehen also Anthropozentrismus gegen eine antike Form der Kosmozentrik, die den Kosmos und alle Bewohner für göttlich erachtet.

Ebenso sei die Demokratisierung der Erlösung Zeichen für den Verlust der Anbindung an das Göttliche. Sündhaftigkeit und Krankheit, die präferierten sozialen Konfigurationen des Christen, werden auf alle Menschen übertragen, so daß für Porphyrios auch die gesunden zu Kranken erklärt werden, um Christen sein zu dürfen. Hier helfe für ihn nur die Abkehr vom Christentum.

Das vorliegende Buch ist also ein erstaunliches Zeugnis dafür, wie die antike Philosophie erbitterten und den längsten Widerstand gegen das Christentum leistete. Durch spannende Bibelexegese weist der Autor nach, daß es eben nicht um ein Flehen nach der Auferstehung des Leibes gehen dürfe, sondern um eigene Erkenntnis und Reinheit der Seele, nicht um eine leibliche Wiedergeburt, sondern um eine geistige Wiedergeburt. Hier erkennt der Leser bereits anhand der antiken Argumentation die materialistische Grundlegung des Christentums und den Mangel an Metaphysik.
Fazit
Porphyrios zeigt im vorliegenden Buch, in welchem die zentralen antiken Quellen und die gegenwärtige Literatur zusammengetragen werden, eine völlig offene Angriffsstrategie gegen das Christentum. Er beeindruckt durch Bibelfestigkeit und zieht auf einzigartige Weise die christliche Verkündigung aus neuplatonischer Sicht in Zweifel. - Auch für Christen ein fruchtbarer Anstoß hin zu mehr religiöser Selbstreflexion.
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 04. Januar 2009

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