Michel Foucault: Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit

Dispositive der Macht. Über Sexualität, Wissen und Wahrheit

Verlag: Merve-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-920986-96-8

Preis: 16,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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"Einschließung", "Anomalie", "Ausschluß", "Delinquenz" und "Einsperrung" - dies sind die zentralen Begriffe im Werke des Philosophen Michel Foucault. Sein Thema war die politische Geschichte der Reproduktion von sogenannter Wahrheit, der Reproduktion dessen, von dem "man" als Wissen ausgehen kann, ohne zu merken, wer dieses "Wissen" im "man" verortet, herstellt und einpflanzt. Gesellschaften reproduzieren es einfach immer wieder. Für Foucault liegt darin ein Grundproblem des Abendlandes.

Foucault, geboren 1926 in Portiers und gestorben 1984 an AIDS, erstellt hier eine Mikrophysik der Macht, der Sexualität und der Wahrheit. Aufklärung ist nach Kant ein Prozeß, der nie aufhört. Foucault aber weiß um den Zwiespalt dieses Rationalisierungsprozesses. Er führt für ihn zur Raserei der Macht. Vernunft und Erkenntnis dienen der Verknüpfung des Netzes aus Macht und Wissen. Er hat deshalb ein prinzipielles Mißtrauen gegenüber der Vernunft und dem Kantischen Optimismus, so daß wahre Kritik für ihn eine reflektierte Unfügsamkeit durch das subversive Element des Ungehorsams wird. Kurz: Der Ungehorsam als erste Pflicht eines Demokraten gegen die zunehmende Irrationalität im sich oligarchisierenden Herrschaftsapparat, der sich als "rational" und für alle "offen" zelebriert, dies aber nicht notwendig ist. Der Interventionismus des Staates wirkt für den Autoren immer mehr als Disziplinierungsmechanismus in der Gesellschaft. Bezog sich das kritische Denken Deutschlands in der Tradition der Aufklärung immer noch positiv auf den Staat (Kant und Hegel) und herrscht hier die staatsloyale Wissenschaft, die auf den Weltgeist setzt und wo die Eliten im Sinne Humboldts die Vernunft in die Führungsposition einführen, so ist in Frankreich Aufklärung und Revolution gleichbedeutend. Macht und Aufklärung ergeben den Terror Robbespierres. So gründet sich der französische Positivismus Comtes, Durkheims, wonach der Kopf von Zuversicht und Ideologie zu Gunsten des Realismus zu befreien sei.

Foucaults nur so zu verstehende und im vorliegenden Werk enthaltene historische Analyse der Technologie des Sexes, der Reproduktion von Macht und "Wahrheit" war sehr erfolgreich. Das Gerede über den Sex wird für ihn aus unterschiedlichen Motiven und Haltungen heraus aufgeladen und fungiert als Dispositiv, als Vorrichtung, an der weit über das Thema Sex hinaus Macht ausgehandelt wird. So verändere etwa die Pathologisierung von Sexualpraktiken oder die Institutionalisierung des Zusammenlebens die Definitions- und Repräsentationsmöglichkeiten des Menschen.

Das Konzept des Diskurses erhält also eine Ausweitung. Diskurs kann - davon zeugen viele der enthaltenen Aussagen des Autors - nicht losgelöst von Macht gedacht, beschrieben oder analysiert werden. Die Macht ist Bestandteil des Diskurses. Die Definition von Macht, die uns Foucault gibt, lautet: "Macht ist der Name, den man einer komplexen strategischen Situation in einer Gesellschaft gibt." Macht wird aus der Situation heraus erzeugt, im Spannungsverhältnis. Foucault konstatiert damit eine neue Technologie der Machtausübung. Sie will Gewalt über die Realität haben.

Doch weiter: "Die Macht ist nicht etwas, was man erwirbt, wegnimmt, teilt, was man bewahrt oder verliert; die Macht ist etwas, was sich von unzähligen Punkten aus und im Spiel ungleicher und beweglicher Beziehungen vollzieht." Diese weite Definition von Macht vereinnahmt auch den Widerstand, selbst dieser steht nicht außerhalb, sondern ist Teil der Macht, indem er in Beziehung zu ihr Spannung erzeugt: "Wo es Macht gibt, gibt es Widerstand. Und doch oder vielmehr gerade deswegen liegt der Widerstand niemals außerhalb der Macht." Macht ist also nicht das eine und einzigartige Feld, die Person, gegen die opponiert werden könnte, aus der "Nicht-Macht" heraus. Macht ist die Spannung gerade aus diesen Widerständen. Ausschlussapparate und Überwachungsapparate dienen den Machthabenden. Sie werden vom Staat getragen, finanziert und produzieren jene vorher nie als solche dagewesene Konfiguration, die wir den "Delinquenten" nennen. Dieser wird in der Theorie Foucaults kontrolliert, verfolgt, bestraft und umgeformt. - Macht wird zur Disiplinarmacht.

Die Frage nach der Wahrheit ist ebenfalls zentral im Buch. Jede Gesellschaft habe ihre eigene Ordnung der "Wahrheit": Sie akzeptiert bestimmte Diskurse, läßt sie funktionieren, während parallel dazu Mechanismen sogenannte "falsche" von "wahren" Aussagen zu scheiden wissen. - Es gibt also eine politische Ökonomie der Wahrheit, produziert durch Institutionen, verbreitet durch Informationsapparate und gefolgt von Bestrafungsmechanismen im Falle der Nichtanerkennung verordneter Wahrheit. Der Begriff Ideologie steht für Foucault immer im Gegensatz zu etwas, das Wahrheit wäre. Die Wahrheit offenbart sich als Heil und als Bedrohung, sie ist der Prototyp der mächtigen Diskurse, die ihre Kraft aus der Reibung zu anderen Diskursen ziehen. Das Dispositiv ist für Foucault eine Strategie von Kräfteverhältnissen, die Typen von Wissen stützt und von diesen gestützt wird. Verordnete Wahrheiten stützen ein Wissen, andere wiederum nicht. Das Dispositiv kann verstanden werden als "Netz", in dem Macht, Recht und Wahrheit verknüpft und Praktiken institutionalisiert sind, die menschliche und gesellschaftliche Bedürfnisse miteinander arrangieren.

Die im vorliegenden Buch enthaltenen Gespräche, Interviews und Vorlesungen helfen, Begriffe und Ansätze zu klären, über die Foucault sein Großprojekt einer Analyse der Macht und ihrer Mechanismen entwickelt. Sexualität ist dabei so ein Dispositiv, Justiz ein anderes. Das Buch gibt neue Antworten auf politische und theoretische Sackgassen. Insbesondere Foucaults Aussagen zum Rassismus erscheinen sehr produktiv und zeugen von einem aufrechten und tiefgründigen Geist:

"Der Rassismus ist zunächst keine politische Ideologie gewesen. Das war eine wissenschaftliche Ideologie. (...) Politischer Gebrauch ist von ihr zuerst von den Sozialisten gemacht worden, von den Männern der Linken, und später erst von den Männern der Rechten." Die sozialistische Gesellschaft sollte - so sieht es Foucault rückblickend - sauber und gesund sein. Auch die antisemitische Theorie der Linken ging von der sozialistischen Entartungstheorie aus bis hinein in die Zeit der Dreyfuß-Affäre.
Fazit
Der Ausweg, die sinnvolle Lebenshaltung nun liegt für den Philosophen in einer Haltung, die er den "Anti-Ödipus" nennt. Dieser motiviert eben dazu, weiter zu gehen, Widerstand zu leben, Reibung zu ertragen. Er belebt durch die Vorstellungen der Vielheiten und Konnexionen. Sein Gegner ist der traurige Militant, der staatlich alimentierte Beamte der monologen Wahrheit, der Techniker des Wunsches, der sogenannte "Faschismus" in uns allen, der uns begehren läßt, was uns beherrscht und ausbeutet. So zeigt das Buch einen guten Weg gegen die tyrannische Bitterkeit des Lebens, indem es dazu auffordert, sich den alten Kategorien des Negativen (Gesetz, Grenze, Kastration, Mangel, Lücke), die das westliche Denken so lange als eine Form der Macht und einen Zugang zur Realität geheiligt hat, zu entziehen. Es gibt dem den Vorzug, was positiv ist und multipel, der reibenden Differenz vor der Uniformität, den mobilen Dispositiven vor den wahrheitskonstruierenden Systemen!
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 31. Dezember 2008

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