Viktor von Weizsäcker: Warum wird man krank? Ein Lesebuch

Warum wird man krank? Ein Lesebuch

Verlag: Suhrkamp Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-518-45936-2

Preis: 10,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 26. September 2016]
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Der Philosoph der Wandervogel-Bewegung und der Analyse der Homoerotik Hans Blüher (1888-1955) schrieb in seinem Traktat über die Heilkunde (1926), daß alle Krankheiten falsch gemischte Schöpfungserde seien und geheilt werden könnten, indem der Arzt durch Hinzugabe des Fehlenden das Gleichgewicht wieder herstellt. Ist jemand krank, so zeigt sich das für Blüher immer zugleich im Psychischen wie im Physischen, aber es "zeigt" sich nur dort; krank ist immer "Man" selbst. Heilungen sind ihm niemals Anpassung an die bürgerliche Norm. Bedenkt man ferner, daß alle großen Geister, von denen wir wissen, im ständigen Kampf mit der Neurose gelebt haben und diese siegreich bestanden, so wird der Gedanke der Griechen, der in dem armseligen gottverlassenen Neurotiker den nur kurzzeitig verunglückten Bruder des Genius erkannte, von neuem bestätigt. Der Akt der Heilung ist immer ein durchaus individueller. Jeder hat seine eigene Krankheit wie sein eigenes Gesicht. Eine Krankheit kann damit immer auch eine Auszeichnung sein.

Blüher resümierte einst: "Wenn der Arzt einen Kranken heilt, so schafft er damit nicht ein Stück Krankheit aus der Welt, so wenig, wie Materie durch Verbrennung vernichtet wird, sondern er nimmt diesem Menschen den individuellen Krankheitsanteil und - lädt ihn einem anderen auf, ohne es zu wissen. (...) Die Krankheit des Menschen ist die Erbsünde, gesetzt unter das principium individuationis. Wer es durchschaut, besinnt sich, ob er zu einem Arzt geht, oder lieber sein Leid auf sich nimmt. Aber wer es durchschaut, ist auch schon geheilt. Der Mensch ist mehr als er denkt."

Herausgegeben von Wilhelm Rimpau und mit einer Einführung von Klaus Dörner und W. Rimpau versehen, widmet sich das vorliegende Buch ähnlich wie bei Blüher der vom Grundtenor starrsinniger Schulmedizin abweichenden Frage: Warum wird man denn krank? Daß der Mensch seine Krankheiten nicht einfach bekommt, sondern daß sie immer wieder in seine Lebensgeschichte eingewoben sind, daß also jede Krankheit auch seelische Dimensionen hat, diese Überlegungen ziehen sich, begonnen bei Hans Blüher, weiter entfaltet auch durch das Werk Viktor von Weizsäckers. Nicht von ungefähr nannte er seinen ärztlichen Werdegang eine "Flucht vor der Schulmedizin". In Zeiten, in denen die Schulmedizin in Deutschland in Schwierigkeiten steckt und die Erlöse der Ärzte sowie Gewinne der Industrie bei jeglicher Behandlung von Patienten am Horizont schimmern, ist das vorliegende Buch mit Texten Viktor von Weizsäckers (1886-1957), welcher der Gründervater der Psychosomatischen Medizin in Deutschland ist, sehr als Gewinn zu begrüßen. Die gelungene Auswahl der Texte und autobiografische Anmerkungen, flankiert von medizinischen Fallgeschichten und theoretischen Überlegungen zur medizinischen Anthropologie, zeigen, daß der Glaube der Moderne, eine leidensfreie Gesellschaft zu kreieren, ein Irrtum ist. Vielmehr geht damit das Subjekt des Kranken verloren, der zum Objekt wird, dem zumeist ein Verhältnis von Körper und Seele abgesprochen wird.

Die Lektüre der Texte führt die Aktualität der Psychosomatik vor Augen, ebenso wie die Forderung, nicht Krankheiten, sondern Kranke zu behandeln. Neben den Vorstellungen des Autors über ein tieferes Verständnis des Menschseins aus dem Kranksein heraus ist Weizsäckers Leistung mit diesem Buch gewürdigt worden, die mit Descartes beginnende und erstmals 1644 formulierte Trennung von Körper und Seele zu überwinden. Erhellend sind also die medizinisch-philosophischen Überlegungen über den Sinn von Krankheit, die Reflexionen über den Begriff des Verstehens und die Idee des "therapeutischen Gestaltkreises". Es sind dies Überlegungen, welche in der Philosophie, hauptsächlich bei Hans Blüher, zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufkamen und bei von Weizsäcker endlich breite Aufmerksamkeit fanden. Weizsäckers Analysen, die das Gesundheitswesen revolutionieren können, sind getragen von der tiefen Affinität dazu, ein Verlierer sein zu wollen, hatte er doch zu der nietzscheanischen Behauptung des amor fati - der Anerkennung des Schicksals - gemeint, sie könne vom bloßen Gewinner im Lebensspiel niemals gemacht werden, da dieser auch seine individuelle Krankheit nicht wahrnehmen und reflektieren kann. Nein! Es ist dies das Gegenteil des Bildes Nietzsches, denn im Denken Weizsäckers war klar, daß mein Unglück, mein schmerz, die Schwäche, Entbehrung, Schmach, Tod und Verlust zu mir gehören. Sie sind Lehre und Auszeichnung. Sie können zugleich mit Stolz als Eigentum sowie mit Verachtung als Probe eigener Kraft erlebt werden. Der Fromme erfährt das als Gottes Wille, der Unfromme als große Leidenschaft.

Dieses in der neuen Reihe "medizinHuman" des Suhrkamp Verlags erschienene "Lesebuch" mit Schriften Viktor von Weizsäckers stellt sich also immer wieder die Frage: Ist Krankheit immer nur sinnloser Defekt der Körpermaschine, oder hat es Sinn, ihrer Bedeutung nachzugehen im Lebenszusammenhang des Individuums, ganz egal, ob es sich um eine Depression handelt, einen Rückenschmerz oder Diabetes? Diese kluge Zusammenstellung, einschließlich der prägnanten Einleitungen zu den einzelnen Texten, zeichnet sich vor allem durch die Setzung philosophischer Schwerpunkte bei der Betrachtung von Krankheiten aus. So etwa beim schon mit Blüher erwähnten Bezug zu Sören Kierkegaards Schrift "Krankheit zum Tode", wonach die tödliche Krankheit immer nur ein Spiegelbild der Unentrinnbarkeit der Schuld, der Erbsünde sei.
Fazit
Die Frage des "Warum" im Buch bringt also Entdeckungen der Philosophie und lehrreich fortanalysierte Gedanken von Weizsäckers auf den Punkt und schlägt damit eine Schneise der innovativen Reflexion in ein von der Borniertheit des Materialismus geprägtes, eigentlich nicht mehr als solches zu bezeichnendes "Gesundheitswesen".
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 14. November 2008

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