Albert Camus: Der Mensch in der Revolte. Essays

Der Mensch in der Revolte. Essays

Verlag: Rowohlt Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-3-499-22193-4

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Den Umsturz der moralischen, philosophischen und politischen Werte haben zu ihrer Zeit Nietzsche und Simmel thematisiert. Sie wiesen darauf hin, daß wenn sich Pragmatismus und Relativismus durchsetzen, die Werte an Undeutlichkeit zunehmen und es keine festen Orientierungen mehr gebe. Der Gedanke des Todes Gottes bei Nietzsche ist nichts weiter als Ausdruck einer entsprechenden Gleichgültigkeit darüber und gedankliches Ergebnis eines lediglich konsequent zu Ende gedachten Verlustes von Halt - nicht aus Überzeugung, weil es so sein solle, sondern aus Anerkennung dieser unausweichlichen Entwicklung. So versteht Nietzsche nun auch den Nihilismus. Nihilismus bedeutet für ihn im postumen Nachwerk "Wille zur Macht" (1901), "daß die obersten Werte sich entwerten. Es fehlt das Ziel. Es fehlt die Antwort auf das `Wozu`?". Die Radikalität der Nihilisten und der aufkommenden Revolteure, welche das 20. Jahrhundert in Europa prägen sollten, speist sich gerade wieder aus einer Gegenbewegung, der sinnsuchenden Utopie, die jedoch am Ende als Ideologie erstarrte. Dieser Gefahr ist jeder Revolteur unterlegen - ob Marxist, Antiautoritarist, Faschist, Syndikalist oder Demokratist. Sie sind Brüder im Geiste.

Der vorliegende Essay von Albert Camus befasst sich mit diesen Phänomenen. Er gleicht einer tiefgründigen Jagd durch die politische Ideengeschichte der Moderne, durch die aus Geschichtsphilosophien aller Spielarten hervorgegangenen politischen Theorien und Heilsbotschaften. Camus entdeckt hier untergründige Verwandtschaften zwischen offenbar gegensätzlichen Ideologien. Er spitzt die Theorien und politischen Strategien bis zum Selbstwiderspruch zu, entdeckt Korrelationen und entlarvt freilich Utopie, Ideologie und Sektierertum in ihnen allen. Eines sei ihnen allen immanent: "Ursprung der Revolte" ist "Aktivität und Energie" (25), mit deren Kraft der Revoltierende "für die Unversehrtheit eines Teiles seines Wesens" (26) kämpfe - wäre da nicht die abschließende Entartung und kontraproduktive Zuspitzung, die jeder politischen Haltung, auch der wohlfeilsten, innewohne.

Im vorgeblich anti-bourgeoisen Marxismus entdeckt Camus eine bürgerliche Wissenschaftsfrömmigkeit. Den auf szientifische Exaktheit bedachten Positivismus entlarvt Camus als unwissenschaftlich. Der klassische, freiheitliche Anarchismus sei eher autoritär und diktatorisch. Die jakobinischen "Freunde des Volkes" blieben zur Zeit der französischen Revolution einsame, isolierte und von den Massen unverstandene Sektierer. Selbst den Antisemitismus des Nationalsozialismus konfrontiert er mit einer an Erlösung glaubenden Rebellion, welche biblische Versatzstücke in sich berge - der Klassiker einer politischen Religion also als Ergebnis einer anfänglichen nationalen Rebellion, die den Schuldigen zu wissen meinte. "Jede Religion kreist um Schuld und Unschuld. Prometheus, der erste Rebell, erklärt indessen das Recht des Strafens für unstatthaft." (272) Camus plädiert hier für die Bedeutungslosigkeit der Kategorien von Schuld und Sühne zum Zwecke des freien und nüchternen Gedankens, der allein zum sinnvollen Handeln führe. Und sind wir ehrlich, so entdecken wir immer noch das Bedürfnis selbst heute, für vieles sofort den Schuldigen zu kennen und entsprechend an die Wand zu malen. - Alles politisch unreif! So würde Camus urteilen.

"Die Rebellion des Menschen endet als metaphysische Revolution". Ihr Weg führt vom "Scheinen zum Handeln, vom Dandy zum Revolutionär." (37) Sehr spannend ist also der Exkurs durch die revoltierende Haltung in der europäischen Geistesgeschichte, und zwar von De Sade, beim Dandy, bei Sokrates, Stirner, Jesus, Déscartes, Hegel, von Zarathustra, de Maistre, Nietzsche und Ernst Jünger, den Camus - nicht ohne Verwunderung - mit seinem rebellischen Diktum "Werden ist mehr als Leben" (205) zitiert. Wir erhalten hier einen beeindruckenden Einblick in rebellisches Gedankengut, nicht unkritisch dargeboten, sondern bewundernd aber distanziert. Dafür spricht das potentielle Bedürfnis Camus’, jegliche Ideologie zwar zu verstehen, in ihrer Konsequenz aber ad absurdum zu führen.

Camus Fazit: Mit fanatischen Anhängern einer Ideologie oder eines Glaubens läßt sich nicht diskutieren - und da sind Christen und Demokraten ebenso wenig auszunehmen, wie Faschisten oder Marxisten. Die einen streben nach innerweltlicher, die anderen nach außerweltlicher Erlösung. Beiden entgeht die sich jeweils aktuell bietende, relative Veränderungsmöglichkeit, deren Wahrnehmung eine fortgesetzte "Spannung" und Aufmerksamkeit erfordert. Ein "gelobtes Land" absoluter Gerechtigkeit, Menschenwürde und Aufrichtigkeit gibt es auf Erden nicht zu entdecken. Wir können immer wieder - soweit der Leser das erforderliche Abstraktionsvermögen besitzt -sagen: "Recht hat er!"

Aus camusianischer Sicht schafft die Möglichkeit zur Auflehnung der menschlichen Natur anfänglich eine Perspektive. Ihren Ursprung nimmt die "révolte" demnach im Individuum, um jedoch bald eine Bedeutung zu entfalten, die die Grenzen des individuellen Bereichs weit überschreitet. Camus lehrt also: Auf der Grundlage des "Je me révolte, donc nous sommes." entsteht positive Gemeinschaft im Zeichen überindividueller Werte, jedoch mit unabsehbaren Folgen. "Um zu sein, muß der Mensch revoltieren." (30) - "Ich empöre mich, also sind wir." (31) - Man spüre dieses Bedürfnis in sich, reflektiere aber auch seine Folgen.

Albert Camus als Begründer des ästhetischen Existenzialismus spricht damit für die Absurdität der menschlichen Existenz - angesichts des Widerspruchs zwischen der offensichtlichen Sinnlosigkeit des Lebens und der Unausweichlichkeit des Todes. Am Ende aber ist sein Buch gerade deshalb ein lebensbejahendes Plädoyer für die treue Erde, das kühne und nüchterne Denken, die klare Tat und die Großzügigkeit des in geistiger Spannung lebenden und wissenden Menschen. Also: Die Spannung als Lebensprinzip einer gesunden Kraft der Weigerung, welche nicht im Dogmatismus verharrt, sondern in progressiver geistiger Abstraktionsfähigkeit die eigene Unzulänglichkeit benennt.
Fazit
"Der Bogen krümmt sich, das Holz stöhnt. Ist die höchste Spannung erreicht, wird ein durchdringender Pfeil abschnellen, das härteste und freieste Geschoß." (345)
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 03. Februar 2008

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