Henryk M. Broder, Josef Joffe, Dirk Maxeiner, Michael Miersch: Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist

Schöner Denken. Wie man politisch unkorrekt ist

Verlag: Piper Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-492-05016-6

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Das Denken und Handeln einer Masse von Menschen, so meinten gewisse Philosophen, könne als Quantität ohne Qualität verstanden werden, weil der Inhalt der von dieser Masse eifrig ergriffenen Informationen seitens der Medien weniger an das kritische Urteilsvermögen appelliere, als vielmehr an die Affekte und die automatische Wirkung der durch Wiederholung und Gewohnheit gebildeten Gedankenverbindung. Diese gipfelt dann in einer Art Kollektivseele. Sie gibt unterbewußt vor, was "man" sagen darf, was "man" wählen darf, was "man" denken darf. Der Beweis hierfür ist in der Tatsache zu finden, daß jegliche Devianz Einzelner zum Tabubruch en gros stilisiert wird. Sprachnormierungen bilden eine politische Korrektheit, um beispielsweise der Kollektivseele der Masse eine semantische Verschleifung von legitimer Äußerung hin zu "umstrittener" Äußerung aufzuschwatzen. Dadurch wird sehr leicht - selbst bei horchrangigen "Demokraten" und Journalisten -"extremistisch" mit "über die Meinungsfreiheit gesichert" verwechselt. "Neusprech" und "Gutdenk" sind längst bekannte Begriff für jene Entwicklung, die sich gezielt zueigen macht, daß die Sprache das bedingt, was der Sprecher denkt und versteht.

Zeit für eine Entlarvung dieses Irrsinns. Von "Antizionismus" bis "Zukunftsfähig": Im vorliegenden Buch, eine vergnügliche Anleitung für politisch Unkorrekte, sind alphabetisch alle Begriffe und Floskeln aufgeführt, mit denen wir tagtäglich davon abgelenkt werden, selber zu denken. Auch die Autoren sind davon überzeugt, daß sich die erzwungene Korrektheit im Sprechen wie ein Grauschleier über alle Diskussionen lege und zudem verhindere, klare und präzise Benennungen vorzunehmen. Wer könnte besser dagegen angehen als Josef Joffe oder Henryk M. Broder, der Querdenker vom "Spiegel". Eine Probe: Der Achtundsechziger, das sei ein "Mann, der die eigene Postpubertät für die bedeutendste Wende der Weltgeschichte hält." (15) Oder: Antifaschismus, das ist "fester Bestandteil politischer Folklore." (21) Weiter: Der Aufstand der Anständigen des Jahres 2000: "Mit staatlicher Unterstützung organisierte Massenveranstaltung, die der Demonstration der eigenen Untadeligkeit dient." (28)

Diese und viele weitere entlarvenden Definitionen wirken im Endeffekt der geringen Differenzierungsfähigkeit jener entgegen, die meinen, als gute "Demokraten" schon gut differenzieren zu können und über diese Selbstproklamation schon jede politische Würde und Aufrichtigkeit, die eigentlich in einer insgesamt erfassenden Moral der Zurückhaltung und der Höflichkeit liegen sollte, aufgegeben haben. Ob der Antisemitismusstreit Möllemanns, die Skandalisierung im Fall Martin Hohmann mit der simplifizierenden Verfremdung des gesprochenen Wortes sowie der von den Autoren zurecht benannte und von anderen blind befolgte "Aufstand der Anständigen" - der eingehenden Selbstreflexion mag dieses Buch eine Bresche schlagen.

Es zeigt, daß "Gesicht zeigen" nicht notwendig eine "offizielle Anweisung für den Umgang mit Neonazis" sein muß, die "nicht gegenüber muslimischen Rassisten und Antidemokraten gilt", sondern auch umgekehrt heißen kann: Man verwende den Begriff "Diskurs" nicht mehr als postmodernes Füllwort, und schließe sich nicht der absurden terminologischen Dynamik von Gastarbeiter - Ausländer - Türke - Zuwanderer - Einwanderer - Muslim - Mensch mit Migrationshintergrund an. Man nehme sich vielmehr diese nun vorliegende und grandios auftretende Dekonstruktion von Lenk-Denk zur Hand. Zwar sind wir dann wiederum "umstritten", aber auch diese elegante Form der Herabsetzung braucht dann nur noch belächelt zu werden. Wir wissen ja, woher sie kommt.
Fazit
Passen wir also auf die Tücken strategisch angewandter Sprache auf!
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 26. Januar 2008

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