Oswald Spengler: Ich beneide jeden, der lebt - Die Aufzeichnungen "Eis heauton" aus dem Nachlaß

Ich beneide jeden, der lebt - Die Aufzeichnungen "Eis heauton" aus dem Nachlaß

Verlag: Lilienfeld Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-940357-02-1

Preis: 17,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 27. September 2016]
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Oswald Spengler (1880-1936) war besonders sensibel für soziale und kulturelle Entwicklungen in Deutschland. Sein Kulturpessimismus umschließt die Dekadenz und das Spätzeitbewusstsein seiner Zeit, die gespannte Beziehung zwischen Geist, Macht und Modernitätskrise. Es ist bezeichnend, daß seine Lebensphilosophie völlig außerhalb der professionellen Wissenschaft entstand, sich von den Schalthebeln der Macht abkehrte, um sich einer verdeckten Stellung im vorpolitischen Einflussgefüge zuzuwenden. Spenglers Enttäuschungen kehrten sich gegen die Kultur und deren offizielle Repräsentanten. Ursache dessen war die Zwiespältigkeit des Lebens in einer Übergangszeit der parallelen Erneuerung von Kunst und Kultur. Man kann von Innerlichkeitskult sprechen oder von einem inneren Egotismus, wie ihn der französische Philosoph Stendhal prägte.

Spenglers eigene Tragödie als Mensch, als Einsamer und Fremdling ist ein Phänomen seiner Zeit. Lange waren schriftliche und zugängliche Quellen diesbezüglich kaum vorhanden oder nur über Umwege findbar. Sie erforderten den Besuch des Spengler-Archivs in München, dessen viele Manuskripte Spenglers erster Biograph Anton Mirko Koktanek für seine einmalige Biographie "Oswald Spengler in seiner Zeit" (1968) studierte und zitierte. Dort stößt man auch begeistert auf die bisher noch unbekannten Fragmente namens "Eis-heauton", die uns Koktanek in Permanenz als "Bekenntnisse" Spenglers präsentiert, welche der Leser selbst aber bisher nicht nachprüfen konnte. (Vgl. ebd., S. XXIV) Diese Aufzeichnungen treten bei Koktanek unter "EH - Eis heauton, inedited" - also unveröffentlicht - auf.

Deshalb kommt es einer Sensation gleich, diese autobiographischen Aufzeichnungen in Buchform nunmehr vor sich liegen zu haben. Spenglers Schwester ordnete diesen Nachlaß - gewissenhafter als ihr Nietzsche-Äquivalent - und übertrug ihn mit einer Schreibmaschine. Es handelt sich dabei um genau jene "Eis heauton"-Notizen, die zwischen 1913-1919, den Jahren vor dem großen Ruhm Spenglers, aufgeschrieben wurden. Hier also haben wir im Lilienfeld-Verlag die vollständige Ausgabe der originalen Transkriptionsfassung von Spenglers "Eis-heauton"-Fragmenten vorliegen. Man muß nicht mehr ins Münchner Spengler-Archiv reisen. "Eis heauton" - "An sich selbst" - ist mit seinen transkribierten 145 einzelnen handschriftlichen Aufzeichnungen damit erstmals als Buch publiziert. Spengler knüpft an Mark Aurel zwölf im Zeltlager an der Donau geschriebenen Bücher an, welche damals bereits Aurels gleichnamige Selbstbetrachtungen "eis heauton" beinhalteten. Aurels Grundgedanke war: Der Herrscher (Kaiser) ist der Diener der Menschheit. Er ist von göttlicher Weltvernunft berufen und setzt seine sittliche und geistige Überlegenheit für das Allgemeinwohl ein.

Und wahrlich, so persönlich aber auch geistig überlegen und "deutungsgewaltig" (Botho Strauß) wie nie zuvor tritt dem Leser Spengler im vorliegenden Buch gegenüber. Diese autobiographische Fragmente stellen ein synthetisches Kompendium von individueller Psychologie und konservativer Kulturkritik in Konsequenz und Schärfe dar. Spengler richtet sich gegen Massenmedien, Barbarei, einwandernde Proletarier, Finanzkapital, Umweltzerstörung und Technik. Zugleich trifft man aber auf einen verunsicherten, furchtsamen und bindungsunfähigen Mann, dessen Urgefühl die Angst ist und der seit seiner Kindheit geprägt wurde von einem strengen und verständnislosen Vater: "...gehetzt, gepeinigt von einer unbestimmten grenzenlosen Angst, (...), wie ein verirrtes Stück Bewußtsein in einer fremden unendlichen Welt." (35) Interessant ist, wie Spengler seine Angst an vielen Stellen gewissermaßen redundant seinem Leser vorträgt: "Angst, eine Wohnung zu mieten, einen Brief zu öffnen, einen Laden zu betreten. Angst vor Weibern - sobald sie sich ausziehen."

Spengler erscheint hier nicht als der gnadenlose und selbstbewußte Philosoph des Untergangs. Vielmehr offenbart er die individualpsychologischen Motive seiner spezifischen Philosophie: "Immer wieder das Gefühl, minderwertig zu sein." (14) "Ekel vor allem, was ich gemacht habe, vor mir selbst, vor meiner Unfähigkeit." (25) Selbstzweifel und Selbsterhebung sind hier also dicht beieinander. Auf den ersten Blick scheinen sich auch Anmaßung und Überheblichkeit in diesen Texten die Hand zu reichen. Bei genauer Lektüre aber und vorausgesetzter ernsthafter Kenntnis des kompletten Hauptwerkes "Der Untergang des Abendlandes" (1918/1922) erscheinen die vorliegenden Fragmente nicht als Partitur von unterschiedlichen Seufzern und Klagelauten, wie moniert wurde, sondern vielmehr als das ernstzunehmende subjektive Phänomen eines Menschen in seiner Zeit, das über einen einmaligen Weitblick verfügte und sich dessen in tragischer Selbstreflexion auch bewußt war: "Dieser Blick ist die eigentlich philosophische Gabe. Philosophische Fachwissenschaft ist philosophischer Unsinn." (11)

Der aufrechte und Spenglers Schriften wirklich kennende Leser bemerkt nun auch sofort, womit er es wirklich zu tun hat: Vorliegende Fragmente bilden den psychischen Hintergrund Spenglers als Lehrer des heroischen Realismus, der zugleich gepeinigt von Angst und Ekel eine zutiefst subjektive Philosophie schuf. Mehr noch, es gibt sogar im "Untergang des Abendlandes" direkt präsente Versatzstücke von Spenglers emotioneller Lage, so wenn in diesem Hauptwerk von "Weltangst" und "Weltsehnsucht" als Urgefühle einer jeden Kultur die Rede ist. Und sind wir ehrlich, so ist jedes menschliche Werk Destillation subjektiver Motivationen und Eindrücke, auf deren Ebene man ihm begegnen sollte. Eine solche Haltung setzt sich dann wohltuend von jener über Spenglers "Wikipedia"-Eintrag referierenden Haltung des Journalisten-Laien ab, der meistens sich als feiner "Kritiker" hervortun möchte, bis auf den Titel das Buch Spenglers aber niemals in Gänze las.

Dennoch führt nichts an den Fakten vorbei: Wir haben Fragmente eines geistigen Machtmenschen vorliegen, der aus Schwächen besteht, aus Ekel und Phobien, Gegenwartsverachtung und Menschenscheu, Verzagtheit und Wirklichkeitsflucht: "Die Einsamkeit in meiner Zeit, dieser ekelerregenden Zeit, hat das Opfer verlangt." (66) "Wie leide ich an allem Schlechten meiner Zeit." (70) "Ich habe oft, wenn ich tagelang mit niemand gesprochen habe, oder wenn die Kopfschmerzen kommen, das Gefühl, daß nur noch ein kleiner Ruck am Irrsinn fehlt." (72) Anderseits trifft man aber auch auf energische Sentenzen der Hoffnung: "Ich habe schon als Kind immer die Idee in mir getragen, ich müsste eine Art Messias werden. Eine neue Sonnenreligion stiften, ein neues Weltreich, ein Zauberland, ein neues Deutschland, eine neue Weltanschauung. Das war zu 9/10 der Inhalt meiner Träume." (78)

Spengler gelingt es immer wieder, seine tragische Größe in Szene zu setzen, Zerrissenheit und zielstrebige Einheit zu synthetisieren und damit die eigenen Symptome als zu lösende Symptome der Krise seiner Zeit zu verstehen, an denen man stets auch zu zerbrechen droht. Davon zeugt auch das einzige überlieferte Gedicht Spenglers (52), welches sich im vorliegenden Buch befindet. Das Zusammenspiel von Selbstverachtung und Selbsterhebung, der Prozeß des Aufrichtens eines immer wieder aus subjektivem Verhängnis selbst zu Boden Stürzenden - dies sind die Kernelemente von Spenglers autobiographischen Fragmenten. Verstoßenheit und Angst werden zum Zeichen der Auserlesenheit gegen die geistlose weil (offenbar) nicht leidende Mediokrität der Zeit, gegen das "Literatengeschmeiß". Interessant dabei ist, daß bereits der Geschichtswissenschaftler Ernst Nolte die Angst als Urgefühl zur Jahrhundertwende und in Zeiten des Faschismus, beispielsweise bei Charles Maurras, ausmachte. (Ernst Nolte, Der Faschismus in seiner Epoche, München, 1963)

Spengler hat mit seinem Körper alle Schmerzen, alle Leiden und Leidenschaften der Geschichte nachvollzogen, was man ihm am Ende auch rein physiognomisch ansah. Auch davon zeugen die vorliegenden Notizen. Sein Leiden war der Spiegel seiner Zeit, an dessen Mittelmäßigkeit und Oberflächlichkeit er zerbrach - das bekannte Phänomen Hölderlins also nur einige Jahrzehnte später. Stets dominiert bei Spengler deshalb entgegen einer in konstruierten Grenzen verharrenden Fachphilosophie, die den tausendsten Sekundärband zu Kant veröffentlicht, bei Spengler der große eigene Entwurf, der die Welt in wesenhaften Zügen erkennt. Spenglers Rezeption der Gegenwart spricht gerade für die vielschichtige Aktualität seines Denkens in aller Welt: Wird er in Asien aus der Perspektive einer Relativierung der Dominanz des Abendlandes gelesen oder in USA als Pragmatiker eines außenpolitischen Realismus (Samuel Huntington/ Zbigniew Brzezinski), so liest ihn Südamerika als Vertreter eines autoritär-sozialistischen Modernisierungsweges. Rußland freilich erkennt in Spengler den Propheten einer neuen vitalen russischen Kultur, die der Prophet des Untergangs in der Tat voraussagte.

Das Nachwort von Gilbert Merlio, Autor der Spengler-Monographie "Oswald Spengler - Témoin de son temps" (1982), ist dabei sehr erhellend. Es verdeutlicht die charakterliche Struktur Spenglers anhand seines Werkes und seiner Zeit. Merlio liefert abschließend ein treffliches Stichwort zur methodischen Bezeichnung von Spenglers Tagebucheinträgen. Die "Doppelte Vexation" sei der bezeichnende Terminus für deren Grundcharakter. Treffender ließe sich nicht bilanzieren, denn gemeint ist damit das wohl im charakterlichen Durchschnitt der Gegenwart kaum noch findbare Phänomen, geistiger, optimistischer, kämpfender Imperialist und Pragmatiker zu sein, der zugleich sensibler, leidender und sein Leiden gezielt sublimierender Kulturpessimist ist.
Fazit
"Ich bin nie zufrieden gewesen mit dem, was ich geschrieben habe." (9) - So dachte Spengler über sich. Der Leser seiner fragmentarischen Autobiographie kann angesichts wesentlicher Erkenntnisse hinsichtlich der Verflechtung von Kulturpessimismus und pangermanischem Machtoptimismus mit diesem Buch zufrieden sein. Er läßt damit lediglich einem leidenden Schriftsteller, wie es sie auch heute immer wieder gibt, Gerechtigkeit widerfahren.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne
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Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 18. Dezember 2007

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