Holger Kalweit: Platons Totenbuch. Eros, Seelenenergie und Leben nach dem Leben

Platons Totenbuch. Eros, Seelenenergie und Leben nach dem Leben

Verlag: Eminent-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Philosophie
ISBN-13 978-80-7281-213-4

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"Man brachte ihn nach Hause, und als er am zwölften Tage bestattet werden sollte (...), wurde er wieder lebendig. Da erzählte er, was er im Jenseits gesehen hatte. - Nachdem meine Seele entflohen, wanderte sie mit vielen anderen gemeinsam nach einem den Menschen nicht zugänglichen Orte." So beginnt die Beschreibung der wohl ältesten Todeserfahrung, die sich im 10. Buch von Platons "Der Staat" befindet. Zwar gilt Platon als Wiege der westlichen Zivilisation und spätere Philosophien lediglich als Fußnote zu ihm, trotzdem ist sein Vermächtnis und dasjenige der antiken Griechen oftmals rätselhaft. Daß wir damit auf wesentliche Erkenntnisse und Einsichten verzichten, zeigt der Psychotherapeut Holger Kalweit, der bereits 2001 das "Totenbuch der Germanen" - eine umfassende Deutung der "Edda" - herausgab.

Kalweit stellt nunmehr in "Platons Totenbuch" fest, daß Todeserfahrung immer transkulturell ist, da viele Kulturen auf der Welt Todeserfahrungen von erstaunlicher Ähnlichkeit zu berichten haben. Doch was ist der Tod? Da die von Sokrates herrührende Psychologie Platons als Eudaimonie gilt, als "Friede der Seele", besteht bei den Griechen mit dem Tod des Körpers schließlich nur noch reiner Geist und Plasma "in Symbiose". Im Plasma, der Sphäre des Übergangs vom Leben in den Tod, ist das wahr, was der Mensch individuell geistig ist, was er intuitiv und emotionell für sich als wahr erkennt. Wir erkennen in ihr als Sterbende was wir fühlen und denken - schlichtweg erkennen wir uns selber.

Unser Denken beeinflußt das Leben nach dem Tod. Das besondere dabei ist, daß mit dieser Perspektive, deren Beschreibung eine besondere Leistung Kalweits ist, Sokrates’ freiwilliges Trinken des Giftbechers um 399 v. Chr. in ganzer Tragweite erkennbar wird: Weil Philosophen um die gedankliche Beeinflussung der Todeserfahrung intuitiv wissen, ist der Tod für sie nicht schrecklich, wie er es für andere Menschen ist, zu denen Sokrates sagen würde, daß sie sich ein Wissen über die vermeintliche Schrecklichkeit des Tod anmaßen, welches sie gar nicht haben können.

Platons "Übe zu sterben" als Quintessenz des Lebens besagt also nur: Erkenne deine Macht bei der Loslösung (lysis) der Seele vom Körper. Hier hätte Kalweit auch die Bestätigung bei Platon selbst finden können, die er leider in seinem Buch nicht zitiert. So befindet sich auch im 10. Buch von Platons "Der Staat" die Aussage: "Daß die Seele unsterblich ist ergibt sich mit Notwendigkeit aus der eben gegebenen Darlegung, (...). Will man aber ihr eigentliches Wesen erkennen, so darf man sie nicht in ihrem jetzigen Zustande der Befleckung durch die Gemeinschaft mit dem Körper und durch andere Gebrechen studieren. Man muß sie sich mit Hilfe der Denkkraft in ihrer ursprünglichen Reinheit vor Augen stellen. Dann wird man sie weit herrlicher finden (...)."

Die Seelenunabhängigkeit von der materiellen Welt steht also als großartige Leistung des denkenden Philosophen im Mittelpunkt, wobei Sokrates die in diesem Sinne geistreichste und personifizierte Abweichung von der durchschnittlichen weil denkfaulen Norm ist und dafür - wie so oft in der Geschichte - büßen mußte. So werden zwar Philosophen als Sonderlinge fehlgedeutet, ihr göttlicher Wahnsinn aber ist nur höchste Weisheit, welche mit terminologischen Versuchen seitens derjenigen, die diese Weisheit nicht erreichen können, dennoch nicht erfassbar wird.

Es ist dem Autor zu danken, daß damit auch die Philosophen-Schicksale Nietzsches und Hölderlins verständlich werden: Die Kraft des Werkes und des Geistes dieser Denker galt für Außenstehende als Irrsinn, da diese den welttranszendierenden Schritt als gleichsames Heraustreten aus der unmündigen Schülerhaftigkeit des Geistes nicht zu vollziehen befähigt waren, wie es Nietzsche und Hölderlin gegenüber der Masse aber taten. So erscheint beim Durchschauen dieser Dialektik von Genie und Wahnsinn die vermeintliche "Gemütsverwirrung" des Genies - ein auch heute leider noch aktueller Vorwurf an Selbstdenker - als eigentlich nahezu göttliche und gewollte Äußerungsform des Künstlers, des Philosophen oder Poeten. Der schier unüberwindliche Trübsinn derartig veranlagter Menschen hat seine Ursache lediglich in einem Zustand unbefriedigten Ehrgeizes innerhalb einer Welt der Mittelmäßigkeit, die ein Gespür für die Kraft des Sinnlichen nicht zu entwickeln in der Lage ist.

Edgar Jung, deutscher Rechtsanwalt und Publizist in der Weimarer Republik, faßte für die Ebene des Politischen diese Erkenntnis folgendermaßen zusammen: "Es kann sonach eine Kultur nur bei Verwurzelung des Menschen im Übersinnlichen entstehen, während in einer individualistischen Zeit (...) dessen gesamte Bevölkerung in ihrer Masse vertiert. (...)"

Hingegen kann bei metaphysischer Verwurzelung der Tod "nicht mehr das Ende allen Seelentums bedeuten, sondern nur den Abschnitt, nach dem das Leben wieder in ein höheres einmündet." (Edgar J. Jung: Die Herrschaft der Minderwertigen. Ihr Zerfall und ihre Ablösung, Berlin, 1927, S. 26/33) Solche Erkenntnisse sind umso wichtiger, als daß am 3. Mai 2007 das 200-jährige Jubiläum der Einlieferung Hölderlins in den Tübinger Turm bisher kaum Erwähnung fand und ein großes deutsches Schicksal somit trotz seiner Beispielhaftigkeit für viele andere Menschen nahezu unerwähnt blieb.

Auch läßt sich der Ruf des Jesuiten und Widerständlers gegen den Nationalsozialismus Alfred Delp 1945 vor seiner Hinrichtung in Berlin-Plötzensee verstehen, als er rief: "In wenigen Sekunden bin ich klüger als Sie." Leibesloslösung durch Tod allein führt also zur direkten Erkenntnis. Auch die Verwirklichung des besten Staates bleibt bei wahrlich oberflächlichen Menschen unmöglich, womit sich Sokrates’ Abneigung gegenüber der Demokratie erklärt.

Kalweit stellt dem gegenüber bilanzierend Standesmerkmale des echten Philosophen, des Erlesenen und von höherer Reflexionskultur geprägten Menschen heraus: Das Staunen, in der Welt zu sein und der Wille, nötigenfalls den Sterbenden nachzufolgen. Sein Buch eröffnet die Perspektive, daß der Tod für den geneigten Menschen als "Wanderer zwischen beiden Welten" (Walter Flex) in Gedanken abschafft und trotz irdischen Leidens die individuelle Todeserfahrung erhellt werden kann. Also: Sterben will gelernt sein. Dieses Buch verleiht Kraft dafür, denn die Antwort steht am Ende.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 23. September 2007

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