Henning Scherf: Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist

Grau ist bunt. Was im Alter möglich ist

Verlag: Verlag Herder [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-451-28593-6

Preis: 0,67 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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"Wir haben unseren Job an den Nagel gehängt, nicht unser Leben." Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf ist einer der wenigen Politiker, die einen partnerschaftlichen Generationswechsel in ihrem politischen Amt vollzogen haben und nun ihre Erfahrungen ehrenamtlich zugunsten der Gesellschaft einbringen. Scherf musste lange mit Parteifreunden ringen, ehe sie sich überzeugen ließen, dass es dem Ansehen eines Amtes nutzt, wenn der Amtsinhaber auf dem Höhepunkt seiner Leistungskraft abtritt und nicht mit den Füßen voran aus dem Parlament getragen werden muss. Scherf, der vor seinem Bürgermeisteramt bereits Bremer Finanzsenator und Senator für Jugend und Soziales war, nahm nach einem kurzen Pensions-Praxisschock Interessen wieder auf, zu denen ihm zuvor meist die Zeit gefehlt hatte. Er paddelt, segelt, radelt, singt im Chor, lernt, hält Vorträge und stellt das Modell seiner persönlichen Senioren-Wohngemeinschaft auf allen denkbaren Fernsehkanälen vor. Die Beschreibung der eigenen Lebenssituation in einer Wohngemeinschaft bildet den Kern des Buches, um den Scherf Berichte über weitere Wohnformen im Alter, ein Integrationsprojekt per Kleingarten und jene Nachbarschafts-Projekte Bremer Wohnungsbaugesellschaften rankt, die eine Überalterung einzelner Stadtteile vermeiden sollen.

Scherfs erwachsene Kinder hatten ihre Eltern schon immer für pubertäre Romantiker gehalten. Wer so viele soziale Projekte unterstützt wie das Ehepaar Scherf, muss tatsächlich einen kräftigen Hang zum Sozialromantiker haben. Nicht nur gegenüber seinen Enkeln hat Scherf im Alter deutlich an Gelassenheit gewonnen. Der Pensionär kann wenig mit Autoren wie Schirrmacher anfangen, die polarisierend einen grundlegenden Interessengegensatz zwischen den Generationen konstruieren. Für einen drohenden "Clash of Generations" sieht Scherf zur Zeit keinen Anlaß. Der Autor betrachtet aus seiner Perspektive als leidlich gesunder, gebildeter, wohlhabender Mittelschichtangehöriger die soziale Situation in Deutschland sehr optimistisch. Enkel, die bei Opa im Altenheim ihre Hausaufgaben erledigen, sind bisher noch Utopie. Auch die praktische Umsetzung generationenübergreifender Projekte wie die Bremer Bürgerhäuser und das Ziel der selbstgesuchten Wahlfamilie für Alleinstehende stecken zur Zeit leider noch in den Kinderschuhen. Scherf setzt sich engagiert mit dem auf dem deutschen Arbeitsmarkt herrschenden Jugendkult auseinander. Seine Hoffnung, dass zukünftig mehr ältere Menschen ihre Kompetenzen in der ehemaligen Firma oder ehrenamtlich für das Gemeinwohl einbringen werden, relativiert Scherf selbst mit seinem Bericht über die häufig komplizierte Übergabe mittelständischer Betriebe an die nächste Generation. Bevor die "Erfahrung älterer Arbeitnehmer" stärker als bisher genutzt werden kann, muss sich viel ändern - und dazu ist noch rege Talkshow-Tätigkeit des Autors nötig. Scherf fordert, dass wie die Vereinbarkeit von Beruf und Familie auch die Vereinbarkeit von Pflege und Beruf dringend geregelt werden müsse.
Fazit
Henning Scherf vermittelt seinen Lesern am eigenen geglückten Beispiel, wie man offen mit dem Altern und der Pensionierung umgehen und "geschenkte" Lebensjahre zum Wohle der Gesellschaft sinnvoll nutzen kann. Sein Blick in die Zukunft der deutschen Gesellschaft wirkt stets optimistisch. Beeindruckt hat mich die selbstkritische Sicht des Autors auf die eigene Lebenssituation und wie soziales Engagement sich als roter Faden durch sein Leben zieht.

Das in großem Schrifttyp gedruckte Buch entstand in Zusammenarbeit mit einer weiteren Autorin - auch schriftlich nimmt der "lange Oma-Knuddler aus dem Norden" kein Blatt vor den Mund.
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Vorgeschlagen von Helga Buss [Profil]
veröffentlicht am 12. Juli 2007

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