Domenico Conte: Oswald Spengler. Eine Einführung

Oswald Spengler. Eine Einführung

Verlag: Leipziger Universitätsverlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Politik
ISBN-13 978-3-936522-35-8

Preis: 14,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 28. Juli 2014]
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Was ist vom Denken eines Philosophen zu halten, der gerade den preußischen Staatssozialismus als Ethik eines jeden im Volke für Stabilität und Sicherheit eines Staates und nicht das ausschließliche Ringen um Macht und Kompromisse forderte? Was von einer Haltung, welche aus der fortschreitenden Erosion des Vertrauens in alle Parteien eine grundlegende Kulturkritik hervorgehen läßt, die das System "Alle für alle" entgegen dem marxistischen Klassenantagonismus oder entgegen einseitiger Parteiendogmatik aus integraler Tradition und Motivation heraus für wichtig erachtet? Spengler - der Philosoph dieser Ideen - sieht die Theorie Marx’ als reines Klasseninteresse, das sich nur auf den Gegensatz von reich und arm bezieht. Das Leben beinhaltet aber mehr als jene materiellen Kategorien. Ihnen stellt Spengler z.B. zusammen mit dem verstehenden Teil der deutschen Arbeiterschaft in Verbindung mit den besten Trägern des altdeutschen Staatsgefühls eine "Demokratisierung im preußischen Sinne, beide zusammengeschmiedet durch eine Einheit des Pflichtgefühls, durch das Bewußtsein einer großen Aufgabe" entgegen. Er schließt sein zweites Werk "Preußentum und Sozialismus" (1919) deshalb mit folgendem Satz: "Wir sind Sozialisten. Wir wollen es nicht umsonst gewesen sein." (Ebd., S. 103)

Nun, es gilt, neben dem Kulturphilosophen also auch den Politik-Denker Oswald Spengler (1880-1936) neu zu reflektieren. Die Spengler-Rezeption der heutigen Zeit hat eine Wende erfahren. Zahlreiche Schriften, die sich, wenn nicht gleich apologetisch so doch sachlich-nüchtern mit der Theorie Spenglers auseinandersetzen, sind in den vergangenen Jahren erschienen. Neben der umfangreichen Dissertation von Frits Boterman (Oswald Spengler und sein "Untergang des Abendlandes", 2000) und der kleinen Studie von Frank Lisson (Oswald Spengler. Philosoph des Schicksals, 2005) ist zeitlich zwischen beiden Büchern im Leipziger Universitätsverlag noch eine weitere Schrift des Italieners und Spengler-Kenners Domenico Conte erschienen, der sich erfreulich übersichtlich mit Oswald Spengler auseinandersetzt und dem Leser zurecht eine "umsichtige Einführung" (7) verspricht.

Conte, als Italiener von heutiger deutscher Engstirnigkeit und verweigerter Würdigung bei der Betrachtung eigener geistiger Traditionen jenseits des "herrschaftsfreien" aber dennoch herrschenden Diskurs-Monopols eines Habermas weit entfernt, stellt direkt zu Beginn seines gut leserlichen Buches fest, daß man zum Zwecke der Wissenschaft und des freien Denkens endgültig von der "an Naivität schwer zu schlagende[n] Behauptung, dass Oswald Spengler den deutschen Nationalsozialismus herbeigeschrieben habe" (5), endgültig Abstand nehmen sollte. Die Fronten des Autors, zugleich die Fronten einer neuen Epoche der Spengler-Rezeption, sind damit gesetzt.

So ist es inzwischen auch als naiv einzustufen, sich ignorant gegenüber der Idee einer tugendbezogenen und pflichtbewußten, d.h. schlichtweg auf das Ganze des Staates und seiner Bürger bezogenen Konzeption von Politik zu zeigen, egal welche Nachteile sie aus heutiger Sicht haben möge. Denn wieder herrscht in Deutschland das Gefühl der Hoffnungslosigkeit, der Resignation und in gewissen gesellschaftlichen Kreisen die fortschreitende Weigerung zur Übernahme jeglicher Verantwortung und Dienstbereitschaft. Die Folgen dessen sind greifbar: Politikverdrossenheit, Korruption als zunehmende Seele des Systems, Verfassungsbruch, mangelhafte Selbstidentität, Ämterpatronage, Verschleierung von Wahrheiten, Bürgerferne, politische Inszenierungen anstelle von ernsten Sachthemen. Die Politik war für Spengler kein Spiel, zu dem sie heute aber immer mehr degeneriert und damit zugleich den Bedarf an ernstzunehmenden, sachlichen Menschen, die die Lage nüchtern überblicken, ansteigen läßt.

Conte, der bewußt herausstellt, warum und auf welchem Wege Spengler als einsamer Autodidakt mit seinem Buch vom "Untergang des Abendlandes" großen Anklang hatte und zudem den Inhalt des Buches in Kürze verständlich macht (19-43), bietet deshalb auch ein Kapitel zur politischen Einordnung Spenglers. Spengler als politischer Autor bedarf eines umfassenden Verständnisses seiner Zeit, seiner politischen Ambitionen und vor allen Dingen dafür, was den Menschen nach dem 1. Weltkrieg motivational am Herzen lag. Schlichtweg ist dafür ein Sprung in die Mikrodimension menschlichen Fühlens nötig, die von pseudoerhabener normativer Voreingenommenheit, die historische Konfigurationen an Maßstäben mißt, die dem historischen Ereignis selbst nicht zueigen sind, Abstand nimmt. Conte beschreitet merklich genau diesen Weg. So kommt erfreulicherweise allein schon in der gezielten Wahl von Zitaten Spenglers zum Ausdruck, daß der Autor den Philosophen verstanden hat, sich dem Phänomen desselben gleichsam genähert hat und Teil des Phänomens ist - ohne ihm verständnislos Irrationalismus, "Extremismus" oder Dilettantismus vorzuwerfen.

Das wunderschöne Zitat aus dem "Untergang des Abendlandes" zur Problematik der Rückkehr der menschlichen Einzelseele in die ruhende Allseele, aus der die Kulturen anfänglich emporsteigen, ist beispielsweise von Seiten der Vertreter philologischer Oberflächlichkeit sowohl sprachlich als auch inhaltlich oft mißverstanden worden. Conte aber benutzt es in seiner Schrift ganz bewußt und verdeutlicht damit, daß es Spengler ähnlich wie heute zwischen propagiertem Wellness-Wahn, verweigertem Opfer und progressivem Sinnverlust lediglich um die intuitive Gewißheit einer wohlgefühlten Ordnung im Ganzen ging. Diese Ansicht, dargestellt und kombiniert mit einer Theorie von der Morphologie der Weltgeschichte, ist eine Leistung. Sie liest sich so: "Eine Pflanze ist nur eine Pflanze, ein Tier ist Pflanze und noch etwas außerdem. Eine Herde, die sich zitternd vor einer Gefahr zusammendrängt, ein Kind, das weinend seine Mutter umklammert, ein verzweifelter Mensch, der sich in seinen Gott hineindrängen möchte, sie wollen alle aus dem Dasein in Freiheit zurück in jenes verbundene, pflanzenhafte, aus dem sie zur Einsamkeit entlassen sind." (UdA 557)

Durch diese bewußte Phänomenalität der Betrachtungsweise gelangt Conte dann auch zu einer sachgerechten Beurteilung der "Konservativen Revolution", zu deren geistigen Vertretern er Spengler seit Armin Mohlers (1920-2003) gleichnamiger Schrift zählt. Und so ist es verzeihbar, wenn Conte auf Seite 63 in der Fußnote 33 versehentlich auch "Hans Bühler" als Vertreter der "Konservativen Revolution" benennt, wobei dem Kenner klar ist, daß es sich eigentlich nur um den Schriftsteller und Philosophen Hans Blüher (1888-1955) handeln kann, der sich mit der Homoerotik befaßte und in seinem Spätwerk "Die Achse der Natur" (1949) auf vielen Seiten den modernen Subjektivismus philosophisch zu überwinden trachtete. Erstaunlich ist, daß Blühers Arbeiten früherer Zeit von Köpfen wie Gottfried Benn, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke oder Franz Werfel zum Teil enthusiastisch rezipiert wurden. Das Buch Armin Mohlers "Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1933. Ein Handbuch" (2005) ist - bearbeitet von Karlheinz Weißmann - inzwischen neu erschienen und betont zum Ziel dieser geistigen deutschen Strömung in seinem Vorwort auch im Sinne des Politik-Philosophen Spengler: "Was heute vielleicht noch stärker als in der unmittelbaren Nachkriegszeit erkennbar wird, ist das Moment der Einheit aller ihr zugerechneten Bestrebungen, die Deutschen bei sich selbst zu halten, zu sich selbst zurückzuführen oder zu sich selbst zu machen." (Ebd., S. XXV)

Spengler war und ist immer noch Teil dieser Einheit, die es sich zum Ziel machte, eine politische, philosophische und gleichsam auch spirituelle Dimension des deutschen Denkens für die Praxis fruchtbar zu machen. Werden beispielsweise die Ergebnisse der marxistischen Staatsanalyse unmittelbar zu Momenten des ideologischen Klassenkampfes und der proletarischen Revolution als Zeichen der menschlichen Emanzipation, so entwirft Spengler eine Typologie der abendländischen Revolutionen. Er benutzt diese Typologie, um zu zeigen, daß die Deutschen neben England und Frankreich einen denkerischen Sonderweg darstellen. Das bekräftigt auch sein Modell des preußischen Staatssozialismus.

Bedeutend und erwähnenswert ist in der Schrift Contes wiederum ihr umfassender Exkurs sowohl zu den geistigen Vordenkern Spenglers (44ff.) als auch die Leistung des Autors, eine bisher kaum so gebotene übersichtliche Geschichte der Rezeption der Spengler-Schriften durch andere Wissenschaftler vorgenommen zu haben. Der Autor füllt damit eine Lücke und absolviert diese Füllung anhand von drei Etappen: Beginnend mit dem Spengler-Streit in den 20er Jahren verläuft der Bogen seiner Betrachtung zu Büchern über und nicht von Spengler weiter hinein in die Zeit des Nationalsozialismus und in die frühe Bundesrepublik. Und so trifft der Leser auf Namen aus Wissenschaft, Politik, Theologie und Philologie, deren Meinung zu Spengler aus heutiger Sicht sehr interessant zu wissen ist: Thomas Mann, Alfred Rosenberg. Theodor Adorno, George Lukács, Arnold Toynbee.

Auf diese Weise erschließen sich dem Leser Gemeinsamkeiten und Unterschiede, Ablehnung und Zuneigung zu Spengler, was vor allem bei Toynbee sehr interessant ist, wird doch beiden nachgesagt, sich mit dem Untergang von Kulturen befaßt zu haben. Der Unterschied zwischen beiden jedoch ist existent und wurde einst auch in einer Spengler-Studie von 1965 dargestellt: "Bei Toynbee ist eine solche Gefahr des endgültigen Aussterbens jedes Kulturgeschehens auf Erden gerade durch die große Anzahl der von ihm beschriebenen Zivilisationen, (...), als so gut wie ausgeschlossen zu betrachten. Denn sie sind keinem Gesetz des notwendigen Untergangs unterworfen (...). Gerade weil ihm aber die Kategorie der Herausforderung keine aufbauende historische Komponente bedeutet, neigt Spengler dazu, den Vormarsch der Zerstörung und des Sieges über die weiße Rasse, über das ohnmächtig gewordene Abendland als unvermeidlich anzusehen." (Georgi Schischkoff: Spengler und Toynbee, in: Spengler-Studien. Festgabe für Manfred Schröter zum 85 Geburtstag, 1965, S. 73/74)

Es gibt also bei und über Spengler noch viel Wissenswertes zu entdecken. Contes Buch kann diesbezüglich als schätzenswerte Einführung dienen, die genau aufzeigt, in welche Richtung es sich lohnt, weiterzulesen. Sie bietet jenseits der oft in strengen Grenzen verharrenden Schulphilosophie einen leserfreundlichen Pfad dazu an, die eigentliche und umfassende Philosophie, das eigentliche Denken über Politik, Kultur, Mensch und Erde neu in Angriff zu nehmen.
Fazit
Innerhalb der Sekundärliteratur zum Phänomen Oswald Spengler kommt diesem Buch eine bedeutende Rolle zu.

Vorgeschlagen von Daniel Bigalke [Profil]
veröffentlicht am 09. Juni 2007

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