Anton Pawlowitsch Tschechow ist einer der bedeutensten Schriftsteller des zu
Ende gehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts. Wolfgang Kasack hat ihn
völlig zu recht als Schriftsteller "einer Umbruchsphase der russischen
Literatur" bezeichnet. Inhaltlich spiegeln sich in seinen Kurzgeschichten
und Dramen der Zustand der russischen Gesellschaft wider, ähnlich wie bei seinem
Freund Iwan Bunin. Besonders deutlich wird dies an dem Drama: "Der
Kirschgarten", der in Tschechows Todesjahr, 1904, entstanden ist. Die
drohende Versteigerung des Kirschgartens steht für das Ende einer Epoche und
dieser symbolisiert die russische Gesellschaft vor der Revolution. Wolfgang
Kasack hat zu recht betont, dass Tschechows vier große Theaterstücke, die in der
vorliegenden Ausgabe zum 100. Todestages Tschechows erstmals als Gesamtausgabe
vorliegen, beinahe impressionistischen Charakter haben. Die Leute deuten
Ereignisse nur an und reden buchstäblich aneinander vorbei. Tschechow
"veranschaulicht die Unfähigkeit adliger Kreise, sich neuen ökonomischen
Bedingungen anzupassen" (sieben Jahre nach Tschechows Tod, 1911, wurde der
letzte Reformer vor der russischen Revolution, Stolypin, mit Billigung des
Zarenhofes ermordet, weil von ihm geplante Reformen als zu weitgehend abgelehnt
wurden. Diese notwendige Reformen wurden unter dem Zarismus nicht mehr
durchgeführt. Die Reformunfähigkeit des Systems war mitentscheidend für den
Erfolg der russischen Revolution 1917). Ich konnte dies selber jetzt in einer
Aufführung des "Kirschgartens" im Staatstheater Darmstadt erleben.
Umso verdienstvoller ist es, dass Thomas Brasch Tschechows große Dramen bearbeitet und übersetzt hat. Leider hat er manche Dramen auch bearbeitet und meines Erachtens Tschechows Intentionen damit nicht immer getroffen. Derartige Bearbeitungen lassen sich im "Kirschgarten" und in den "Drei Schwestern" feststellen. Man mag diese Interpetationen Braschs loben, sie ist aber nicht immer das Original. Dies muss man wissen, erfährt die wichtigsten Bearbeitungen jedoch eher nebenbei aus dem Nachwort. Dieses Nachwort ist allerdings mehr als unbefriedigend. Es geht lediglich auf die Bearbeitungen Braschs, nicht aber auf Tschechows Bedeutung als Schriftsteller des untergehenden zaristischen Rußland und seine Bedeutung in der russischen Literatur ein. Auch fehlt ein Lebenslauf Tschechows. Fazit
Ansonsten aber: Wer die Dramen Tschechows in einer günstigen Gesamtausgabe
besitzen möchte und wem die oben geschilderten Mängel nichts ausmachen, der ist
mit dieser Ausgabe gut bedient.
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