Ronald Syme: Die römische Revolution. Machtkämpfe im antiken Rom

Die römische Revolution. Machtkämpfe im antiken Rom

Verlag: Klett-Cotta Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Sachbuch
ISBN-13 978-3-608-94029-9

Preis: 35,00 Euro bei Amazon.de [Stand: 25. September 2016]
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Im Sommer 1939, kurz vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, bereiste ein aus Neuseeland stammender Historiker Deutschland. Im Gepäck hatte er einige Vorabexemplare seines neuesten Werks namens "The Roman Revolution", in welchem der Autor extensiv auf das Hilfsmittel der Prosopographie zurückgegriffen hatte - einer wissenschaftlichen Methode der systematische Erforschung eines bestimmten Personenkreises, in diesem Falle der spätrepublikanischen Eliten Roms; eine Methode, die vor allem in der deutschen Geschichtswissenschaft gebraucht wurde. Dieser Historiker hieß Ronald Syme, und ihm dürfte bei seinem Besuch die drückende Vorkriegsstimmung in Deutschland nicht entgangen sein. Sir Ronald Syme (er wurde Jahre später zum Ritter geschlagen) war nicht nur ein bemerkenswerter Althistoriker - so gilt er nicht zu Unrecht als einer der einflussreichsten Althistoriker überhaupt - sondern auch ein durchaus politischer Mensch. Persönlich eher ein Konservativer, hatte er mit erheblichen Missfallen den Aufstieg des Faschismus in Europa beobachtet. In seiner "Roman Revolution" fanden sich denn auch einige Parallelen zwischen dem spätrepublikanischen Rom und dem Europa der Dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, in welchem in zahlreichen Ländern die Bevölkerung vermeintliche Sicherheit in einem starken Staat suchte, der dabei Stück für Stück die bürgerlichen Freiheiten beseitige und sich in eine Diktatur verwandelte - wie in Italien, Deutschland und Spanien.

Das Rom der späten Republik hatte sich längst selbst überlebt: Nach Jahrhunderten der Expansion war das römische Reich gegen Ende des 2. Jahrhundert v.Chr. in eine tiefe innenpolitische Krise geraten, die symbolisch personifiziert wurden durch zwei locker organisierten politische Gruppierungen innerhalb des Senats: Die "Optimaten" standen für eine konservative Senatspolitik, während die "Popularen" sich nicht zu schade dazu waren, das einfachen Volk und die Volksversammlungen für ihre Pläne einzuspannen. Hinzu kam, dass zahlreiche weitreichende militärische Kommandos die Macht einzelner Generäle derart gestärkt hatten, dass deren Soldaten sich eher diesen als dem Senat verpflichtet sahen und die Militärs somit immer mehr zu einer Gefahr wurden, wobei der Senat jedoch oft genug die Lage unnötig verschärft hatte und erfolgreiche Generäle vor den Kopf gestoßen und ihnen die Versorgung ihrer Soldaten verweigert hatte.

Symes Darstellung setzte um das Jahr 60 v. Chr. ein und endete mit dem Tod des Gaius Octavius Thurinus, besser bekannt unter seinem Ehrennamen Augustus, im Jahre 14 n. Chr. Er behandelte damit eine bewegte Zeit, in der sich die "res publica libera" in eine Monarchie mit republikanischer Fassade verwandelte. Syme Hauptaugenmerk galt dabei dem Handeln des Augustus, des ersten römischen Kaisers, der es schaffte, der zerbröckelnden und von Bürgerkriegen zerrissenen Republik wieder Ruhe und Sicherheit zu schenken, der eine neue und stabile staatliche Ordnung herstellte und der die längste Friendensperiode einleitete, die der Mittelmeerraum bis heute erlebt hat. Augustus gilt nicht zu Unrecht als einer der größten Staatsmänner der Geschichte, der noch dazu von einer ungleich schlechten Ausgangsposition begann. Den Respekt versagt ihm auch Syme nicht, doch sieht er in Augustus auch gleichzeitig den Totengräber der letzten republikanischen Freiheiten und einen Mann, der, wenigstens in den ersten Jahren, bedenkenlos über Leichen ging, um sein Ziel zu erreichen.

Damit folgt Syme seinem historischen Vorbild Tacitus, dem großen römischen Historiker, der sich im 1. nachchristlichen Jahrhundert keiner Illusion darüber hingab, dass die Republik mit Augustus endgültig zu Grabe getragen wurde und dass die Sicherheit der neuen Ordnung mit dem Verlust der (allerdings auch in der Zeit der Republik nur eingeschränkt vorhandenen) Freiheit bezahlt wurde. Syme zeigt deutlich auf, dass die Römer der endlosen Krise müde waren, dass viele der großen Familien nur auf den eigenen Vorteil bedacht waren und ihre Interessen über die des Gemeinwesens, der "res publica" stellten. Syme deckte in seinem Werk die Familiennetzwerke der Oligarchie auf und erklärte damit auch in weiten Teilen das Versagen des römischen Staates in der Zeit seiner größten Gefahr, die ironischerweise nicht von außen, sondern vom Inneren ausging. Aus dem Kampf um die Macht ging schließlich der siegreich hervor, der die Verhältnisse am geschicktesten zu manipulieren wusste und dabei vor allem die Armee gewann, auch wenn Augustus kein großer General war; man mag sogar sagen: ihm ging diese Befähigung gänzlich ab, wofür er sich aber sich mit hervorragenden Generälen (wie seinem Jugendfreund Agrippa) zu umgeben wusste. Schließlich beschreibt Syme auch die Verhältnisse im augusteischen Staat, dem "Prinzipat". Die Revolution des Augustus war eine konservative, in der er die Eliten mit einbezog und gleichzeitig das Heer demobilisierte und an den Grenzen stationierte.

Symes Darstellung war und ist ein literarisches Meisterwerk und, besonders was die prosopographischen Details angeht, eine wahre Fundgrube an historischen Informationen. Symes Stil ist sehr eindringlich; nie nahm er sich völlig zurück und oft sind Passagen durchtränkt von Ironie. Das Werk ist eines der meistgelesensten zur römischen Geschichte und gilt noch heute als ein Standardwerk. Allerdings wurde es in Deutschland weniger stark rezipiert, wobei sicherlich die insgesamt negative Charakterisierung des Augustus eine Rolle spielte, die so in der deutschen Geschichtswissenschaft von der Mehrheit nicht geteilt wurde.

Besonders erwähnt werden muss aber auch die deutsche Neuausgabe: Die Übersetzung wurde gründlich überholt, auch alle Anmerkungen des Originaltextes sind enthalten. Sowohl das Nachwort von Werner Dahlheim (noch aus einer älteren Ausgabe übernommen) als auch der Essay von Uwe Walter sind sehr nützlich zur Orientierung für die Leser, die von Hause aus vielleicht weniger Wissen über diese faszinierende Zeit mitbringen. Zudem ist diese Ausgabe höchst geschmackvoll gestaltet und mit zahlreichen Abbildungen versehen, die den Text etwas auflockern.
Fazit
Wer sich auch nur einen Funken für das alte Rom, die Zeit des Augustus oder generell für Geschichte interessiert, kann bedenkenlos auf dieses Schmuckstück der Historiographie zurückgreifen. Aber auch für den politisch interessierten Leser dürfte dieses Buch nicht ohne Reiz sein, wird doch auch beschrieben, wie eine staatliche Ordnung auf völlig neue Grundlagen gestellt wird und eine Bevölkerung, die Freiheit gegen Sicherheit tauscht, dies auch ohne besonders großen Widerspruch akzeptiert.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von B. Kiemerer [Profil]
veröffentlicht am 16. Oktober 2005

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