Uwe Timm: Am Beispiel meines Bruders

Am Beispiel meines Bruders

Verlag: Kiepenheuer & Witsch [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-462-03320-5

Preis: 16,90 Euro bei Amazon.de [Stand: 29. September 2016]
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Uwe Timm hat einen eindringlichen und eindrucksvollen autobiographischen Roman über seinen toten Bruder geschrieben. Karl-Heinz Timm, geboren 1924, gestorben 1943 in einem Lazarett in der Ukraine, hat sich der SS-Totenkopf-Division angeschlossen. Warum hat er dies getan? Diese Frage stellt sich Uwe Timm immer dringender, als er einen wichtigen Tagebucheintrag seines Bruders entdeckt, der zu einem Schlüsselerlebnis für ihn wird: "März 21. Brückenkopf über den Donez. 75 m raucht Iwan Zigaretten, ein Fressen für mein M.G. (S. 19). Hier schreibt Timm: "Das war die Stelle, bei der ich...nicht weiterlas, sondern das Heft wegschloß. Und erst mit dem Entschluß, über den Bruder, also auch über mich, zu schreiben, das Erinnern zuzulassen, war ich bereit, dem dort Festgeschriebenen nachzugehen." Erst nachdem alle seine Familienangehörigen - Mutter, Vater und Schwester - gestorben sind, bringt Uwe Timm den Mut auf, dieses Buch zu schreiben: "Solange sie [die Mutter, B.N.] lebte, war es mir nicht möglich, über den Bruder zu schreiben. Ich hätte im voraus gewußt, was sie auf meine Frage geantwortet hätte. Tote soll man ruhen lassen. Erst als auch die Schwester gestorben war, die letzte, die ihn kannte, war ich frei, über ihn zu schreiben, und frei meint, alle Fragen stellen zu können, auf nichts, auf niemanden Rücksicht nehmen zu müssen." (S. 11/12). Wieso ist das Leben des Bruders so schrecklich falsch verlaufen, warum stieg er zum Idol der Familie auf? Diese Fragen stellt sich Timm - und stellt eine enorme Ähnlichkeit mit dem 1899 geborenen Vater fest, der sich im ersten Weltkrieg freiwillig gemeldet hat und zum Militär eingerückt war. Der Impuls, über den Bruder zu schreiben, ist auch der, sich über eigene - evtl. autoritäre - Prägungen klarzuwerden: "Der Bruder und ich. Über den Bruder schreiben, heißt, auf über ihn schreiben, den Vater. Die Ähnlichkeit zu ihm, meine, ist zu erkennen über die Ähnlichkeit, meine, zum Bruder. Sich ihnen schreibend anzunähern, ist der Versuch, das bloß Behaltene in Erinnerung aufzulösen, sich neu zu finden."
Fazit
Uwe Timm ist ein intensiver Erzähler. Er zeigt beispielhaft, dass die Erinnerung nicht tot ist, dass der Schrecken des Dritten Reiches Familien spaltet und bis heute fortlebt. Sein Buch spürt dem Nationalsozialismus mit ungewöhnlichem Blick nach - betroffen und reflektierend zugleich. Dies schrieb - völlig zu recht - die Rezensentin Gudrun Norbisrath. Dem kann ich mich nach der Lektüre des ungewöhnlich eindringlichen Buches nur anschließen; ich habe selten ein Buch gelesen, welches mich so sehr beeindruckt hat. Unbedingt lesenswert.
10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne10 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 14. Januar 2005

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