Was ein paar Sekunden Sauerstoffmangel bei der Geburt ausmachen können, weiß in
der Theorie jeder. In der Praxis verändern diese paar Sekunden das Leben eines
Kindes und das seiner Familie völlig. Und noch immer rufen behinderte Menschen
Befremden, Ablehnung und Feindseligkeit hervor, und nur wenige haben im
täglichen Leben Kontakt mit Behinderten. Wie es ist, ein behindertes Kind zu
haben, erzählt uns Guiseppe Pontiggia. In seinem Roman "Zwei Leben",
im Erscheinungsjahr 2001 mit dem renommierten italienischen Literaturpreis
Campiello ausgezeichnet, leiht er seine Stimme dem Signor Frigerio,
Gymnasiallehrer von Beruf. Streiflichtartig, in zwanglos aneinander gereihten,
meist sehr kurzen Kapiteln schildert Frigerio bezeichnende Situationen und
Gegebenheiten, in denen die Behinderung des Sohnes zum deutlichen Spiegel
gesellschaftlicher oder persönlicher Verhaltensmuster wird. Ob es der
Grundschuldirektor ist, der adequate Lernmöglichkeiten für Paolo nur im Gegenzug
gegen gewisse Gefälligkeiten schaffen will, oder der Vater selber, der mit den
Unzulänglichkeiten des Sohnes und seinen eigenen Enttäuschungen zu leben lernen
muß, gefragt sind immer wieder kritische An- und Einsichten. "Es gibt
schlimmere Kränkungen als eine Ohrfeige. Da reicht schon ein Blick, da reicht
eine Verärgerung", beschreibt Frigerio das manchmal sehr schwierige
Verhältnis zu seinem Kind, und lässt dabei in und zwischen den Zeilen seine
ganze Liebe für Paolo durchklingen. Liebe und Verständnis sind die Stützpfeiler
dieser zwei Leben, und diese Liebe und dieses Verständnis verschmelzen manchmal
gar zu Weisheit - ob dabei der Vater oder der Sohn der Weise ist, mag der Leser
selbst entscheiden.
Fazit
Ein literarischer Leckerbissen, der unter die Haut geht, der zugleich Wut
entfacht, zum Schmunzeln bringt, Verständnis weckt und Mut macht. In
herausragender Weise werden die schmerzhaften Konflikte eines schwierigen Themas
ebenso einfühlsam wie ausdrucksstark zur Sprache gebracht.
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