Ingrid Mittenzwei: Friedrich II. von Preußen: Eine Biographie

Friedrich II. von Preußen: Eine Biographie

Verlag: Pahl-Rugenstein-Verlag [mehr Bücher von diesem Verlag zeigen]
Sparte: Biografie
ISBN-13 978-3-7609-0780-2

Preis: 2,51 Euro bei Amazon.de [Stand: 01. Januar 1970]
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Ingrid Mittenzwei hat diese Biographie erstmals 1979 in der DDR veröffentlicht. 1982 erschien sie in erweiterter Ausgabe als Taschenbuch.
Diese Lebensbeschreibung war zu ihrer Zeit eine Sensation. Die DDR entdeckte Persönlichkeiten in der Geschichte und wich von ihrem bisherigen Standpunkt ab, die Geschichte bestimme sich aus Klassenkampf und sei daher entpersonalisiert darzustellen. Große weitere Biographien, etwa Ernst Engelbrechts "Bismarck"-Biographie, erschien erst unter Gorbatschow.

Wie heikel die Erstveröffentlichung gewesen ist, wird daran deutlich, dass in der Taschenbuch-Ausgabe des Kölner Pahl-Rugenstein-Verlages, die im Oktober 1982 erschien, ein Zitat von Leonid Breschnjew erscheint, der drei Wochen nach Erscheinen des Buches starb. Widerstände gegen diese Biographie muss es also an höchster Stelle in der damaligen DDR-Führung gegeben haben; doch wenn Breschnjew zitiert wird....

Diese Biographie nähert sich Friedrich II., dem das Prädikat "Der Große" systematisch aberkannt wird, auf erfrischend unbefangene Art und Weise. Die Taschenbuchausgabe wurde erweitert. Verstärkt hat Ingrid Mittenzwei die Passagen, die sich mit der geistigen Entwicklung Friedrichs II. befassten, dagegen wurde auf viel "Privates" verzichtet.

War Friedrich "groß"? Ein marxistischer Dogmatiker würde diese Frage verneinen. Nicht so Ingrid Mittenzwei, die den Begriff der Größe folgendermaßen definiert: "Größe ist ein relativer Begriff; sie ist nur meßbar im Vergleich. Überhaupt sollte hier Friedrich II. nicht Größe abgesprochen werden. Ob der Preußenkönig aber eine Persönlichkeit war, die mit Recht groß genannt werden kann, weil sie -mit außerordentlichen Fähigkeiten ausgestattet - das Rad der Weltgeschichte ein Stückchen weitergedreht hat, darüber kann der Historiker nicht urteilen...Ob Friedrich "der Große" oder Friedrich II., so viel jedenfalls muß gesagt werden, daß die Politik des Preußenkönigs - wenn auch unbeabsichtigt - weit über die eigene Zeit hinaus wirkte." (S. 82/83 der Ausgabe des Pahl-Rugenstein-Verlages von 1982).

Dabei beurteilt Frau Mittenzwei, die 1986 auch Briefe Friedrichs herausgegeben hat, die Politik des Preußenkönigs sehr kritisch. Die schlesischen Kriege und die Annexion Sachsens zeige ihn als Aggressor, von einer "Doppelnatur" des Königs könne nicht die Rede sein - hier stellt sie sich in Gegensatz zur bekannten Friedrich-Biographie von Wolfgang Venohr. Innen- und Justizpolitik werden als im Vergleich zu anderen Ländern zwar fortschrittlich angesehen, seien aber inkonsequent. So wurde die vielgerühmte 1740 mit Regierungsantritt eingeführte Pressefreiheit bereits 1742 wieder abgeschafft, In der Justizreform habe Friedrich zwar die Tortur abgeschafft und den Anwendungsbereich der Todesstrafe eingeschränkt, aber andererseits habe Friedrich II. mit seinen Ansichten nicht in allen Justizstellen durchgedrungen. Auch der Entwurf des Allgemeinen Landrechts, Mittelpunkt der zweiten Justizreform, sei ein widersprüchliches Dokument gewesen, die einerseits auf dem Naturrecht basierten und Vorstellungen der Aufklärung in sich bargen, andererseits jedoch nur zu genau die in Preußen herrschenden sozialen und politischen Verhältnisse widerspiegelten.

Fazit: Nie habe Friedrich II. unter dem Einfluß der Aufklärung das Wesen der feudalen Klassenherrschaft angetastet. Das Preußen Friedrichs II., der am Vorabend revolutionärer Umwälzungen 1786 starb, sei ein hoffnungslos überaltetes Staatswesen gewesen. Friedrichs Verhältnis zur Aufklärung sei daher auch zwiespältig gewesen: zwar habe sich Friedrich als "erster Diener des Staates" verstanden, was in der Tat für einen absolutistischen Herrscher neue Töne gewesen seien, die Friedrich II. auch ernst gemeint habe (S. 36). "Um diese These jedoch richtig zu verstehen, muß man jedoch berücksichtigen, daß sie von einem unmündigen Volk ausging, das über sein Schicksal nicht selbst entscheiden konnte. Wie den Untertanen zu "dienen" war, wußte allein der selbst regierende Fürst. Sein Volk "glücklich" zu machen, darin gipfelte die ganz in diesem Sinne zu verstehende Forderung des jungen Fürsten. "Ein zufriedenes Volk wird niemals an Aufruhr denken, ein glückliches Volks bangt vor dem Verlust seines Herrschers."...Aus Friedrichs Worten sprach - wenn auch unbewußt - ein Gefühl schwindender Sicherheit, noch ehe der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg und die Französische Revolution den Monarchen Europas die Gefahr ihres eigenen Untergangs vor Augen führten." (S. 36).

Eine sehr interessante Sicht, wie ich finde. Gut gefallen hat mir, dass die Arbeit den Alltag der Bevölkerung in Preußen und ihr Elend plastisch beleuchtet. Auch die Auswirkungen der Kriege auf die Bevölkerung, also die sozialgeschichtliche Sicht der Dinge, wird ausreichend geschildert. Die aggressive Außenpolitik Friedrichs II. wird verurteilt, der seinem Expansionsdrang nie Zügel angelegt habe (S. 54).

Mir hat gut gefallen, dass die private Geschichte Friedrichs, die wir aus zahlreichen anderen Biographien (Schieder, Venohr, Krockow) gut kennen, zurückgedrängt wird und das politische Wirken des Königs in den Mittelpunkt dieser wissenschaftlichen und nicht leicht zu lesenden Biographie gestellt wird. Dennoch ist sie - und dies hat mich überrascht - dem Preußenkönig weniger kritisch eingestellt - die obigen Ausführungen über historische Größe dürften dies zeigen - als etwa Augsteins 1968 geschriebene Friedrich-Biographie "Preußens Friedrich und die Deutschen". Vielleicht war es genau dieser Grund, dass diese von Frau Mittenzwei verfasste Biographie zum Zeitpunkt ihres Erscheinens 1979 eine Sensation darstellte und bis heute als Standardwerk der Forschung gilt, die auch im Westen gelobt worden ist und seitdem in jeder weiteren Friedrich-Biographie zitiert wird. Meines Erachtens zu recht.
Fazit
Man erfährt auf 253 Seiten alles Wesentliche über Friedrich und hat nicht das Gefühl, dass man wichtige Aspekte vermissen würde. Eine solide Biographie und für mich bis heute die informativste politische Lebensbeschreibung Friedrichs II.
9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne9 Sterne

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Vorgeschlagen von Bernhard Nowak [Profil]
veröffentlicht am 10. Juni 2004

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