Interview mit Thomas Thiemeyer

Es war, als würde sich ein Traum erfüllen


Mit Wissenschaftsthrillern wie "Magma" oder "Nebra" hat sich Thomas Thiemeyer eine breite Leserschaft erschrieben. Jetzt hat der Autor auf der Frankfurter Buchmesse 2009 den ersten Band seiner Jugendbuchserie "Chroniken der Weltensucher", "Die Stadt der Regenfresser", vorgestellt. Buchtips.net hatte die Möglichkeit mit Thomas Thiemeyer über dieses neue Projekt zu sprechen.

Michael Krause: Wie ist die Idee zu den Chroniken der Weltensucher entstanden?
Thomas Thiemeyer: Ich hatte schon lange den Wunsch, mal ein Jugendbuch zu schreiben. Es ergab sich, dass eine Lektorin des Loewe-Verlags meinen Roman "Magma las und meinen Agenten fragte, ob ich mir vorstellen könnte, ein Jugendbuch zu schreiben. Es war, als würde sich ein Traum für mich erfüllen.

MK: Wie ist die Idee entstanden, riesige Steinkugeln für seismologische Schwingungen verantwortlich zu machen?
TT: Ich habe vor längerer Zeit einen Artikel über Steinkugeln gefunden, die überall auf der Welt verstreut herumliegen und über deren Herkunft man sich völlig uneinig ist. Diese Artefakte habe ich dann für eine Geschichte verwendet, die mir schon lange am Herzen lag. Die Geschichte einer groß angelegten Prüfung, die die Frage aufwirft, ob wir Menschen überhaupt als intelligente Spezies gelten dürfen. Einige Exemplare unserer Gattung können bekanntlich recht schlau werden, als Gemeinschaft verhalten wir uns aber oft dümmer als die Polizei erlaubt. Gute Beispiele dafür sind die Überbevölkerung, Raubbau an der Natur, Umweltverschmutzung oder die Verschwendung von Ressourcen. Und die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.

MK: An welchen Geschichten haben Sie sich orientiert?
TT: Mich haben besonders die Werke von Jules Verne, H.G. Wells und Arthur Conan Doyle begeistert, wobei ich Jules Verne als Kind nur in komprimierter, "kindgerechter" Form gelesen habe. Die ungekürzte Neuauflage kam mir erst vor ein paar Jahren in die Finger. Mehr noch als die Bücher haben mich aber die Filme dazu geprägt. "Zwanzigtausend Meilen unter dem Meer" mit Kirk Douglas, "Reise zum Mittelpunkt der Erde" mit James Mason. Toller Stoff! Sehe ich heute noch gerne.
Was mich an einer Neuinterpretation der Klassiker reizte, war, einen Bezug zu Deutschland herzustellen und ihnen einen aktuellen Touch zu geben. So etwas wie Kapitän Nemo meets James Bond.

MK: Daher ein Stiefsohn von Alexander Humboldt?
TT: Genau. Humboldt ist für mich eine der schillerndsten Figuren der Geschichte. Er repräsentiert eine Art von Forscher, wie es sie heute kaum noch gibt. Ein Allroundtalent. Er war Biologe, Botaniker und vieles mehr. Jemand, der in der Lage war, über seinen eigenen Tellerrand zu blicken und vernetzt zu denken. Jedoch fand ich ihn als Hauptperson für ein Jugendbuch nicht optimal geeignet, so dass ich mich kurzerhand entschlossen habe, einen fiktiven Stiefsohn Humboldts zu erschaffen.

MK: Was hat Sie gereizt, die Handlung in den letzten Jahren des vorletzten Jahrhunderts anzusiedeln?
TT: Das 19. Jahrhundert war eine Zeit des Aufbruchs. Die Weltmeere waren noch nicht erforscht und die Weltkarte hatte noch zahlreiche weiße Flecken. Ein Umstand, der wie geschaffen war für meine Forscher.

MK: Unterscheidet sich die Arbeit für einen Jugendroman von der für erwachsene Leser? Zunächst einmal gar nicht. Zu Beginn stand der Wunsch nach einer spannenden, mitreißenden Geschichte mit all den Elementen, die eine solche Story verlangt: Exotische Orte, interessante Figuren, überraschende Wendungen. Auch sprachlich gibt es zunächst mal kaum Unterschiede. (Was vielleicht damit zusammenhängt, dass ich in erster Linie für mich schreibe und nicht für eine imaginäre Leserschaft.)
Die Unterschiede offenbarten sich später im Detail. Während ich mir im Thriller oftmals längere Einführungen erlaube, besteht im Jugendbuch der Wunsch nach einem unmittelbaren Eintauchen in die Geschichte. Keine langen Einstiegsszenen, sondern der direkte Kontakt mit den Hauptfiguren. Szenen mit Dichte und Atmosphäre. Die Personen müssen direkt fassbar sein, sich vom Papier lösen und ein Eigenleben erlangen. Nicht wie im Erwachsenenbereich, wo ich mir für die Entwicklung mitunter mehrere Kapitel Zeit lasse und widersprüchliche, psychologisch komplexe Charaktere erschaffen kann. Jugendbuchprotagonisten definieren sich im wesentlichen über ihre Handlung, was natürlich einen unmittelbaren Einfluss auf die Geschichte hat. Das Tempo ist tendenziell höher und die Struktur straffer. Alles Dinge, die ich gelernt habe, während ich die Bücher schrieb.

MK: Wie lange hat die Arbeit an "Die Stadt der Regenfresser" gedauert?
TT: Erstaunlicherweise ging es schneller als bei meinen bisherigen Romanen. Insgesamt habe ich für die Erstfassung gut viereinhalb Monate gebraucht, während ich bei meinen anderen Thrillern rund ein viertel Jahr benötige.

MK: Sie arbeiten auch als Illustrator. Waren Sie bei der Entstehung des Titelbildes beteiligt?
TT: Anfangs wollte ich diese Aufgabe komplett in die Hände des Verlages geben. Und so kamen von Dirk Steinhöfel und Christian Keller auch ausgezeichnete Entwürfe. Lediglich das Innenmotiv gestaltete sich etwas schwierig. Letztlich habe ich den Innenteil dann selbst gemalt und bin mit dem Ergebnis unser drei kreativen Köpfe mehr als zufrieden.

MK: Wie wird es mit den Weltensuchern weitergehen?
TT: Geplant sind zunächst drei weitere Bände. Was dann folgt, liegt in den Händen der Leser.

MK: Ist das nächste Buch bereits in Arbeit?
TT: Mehr als das, es ist fertig. Hier werden sich Oskar und Humboldt hinab auf den Meeresgrund begeben, wo sie haarsträubende Abenteuer erleben. Was das genau sein wird, kann man im Herbst des nächsten Jahres erfahren.

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