Interview mit Markus Stromiedel


Ich finde es erschreckend, wie es gelingen kann, Menschen zu manipulieren.


Deutsche Thrillerautoren liegen immer mehr im Trend. Frank Schätzing, Andreas Eschbach oder Sebastian Fitzek haben sich eine große Fangemeine erschrieben. Markus Stromiedel ist mit seinem hervorragenden Debütroman "Zwillingsspiel" dabei, sich in diese Riege einzureihen. In Berlin stellte der Autor seinen Thriller vor und erzählte uns, wie er den internationalen Terrorismus nach Deutschland gebracht hat.

Michael Krause:Wann hatten Sie die Idee zu Zwillingsspiel?
Markus Stromiedel: Der Roman ist entstanden, weil mir ein fest zugesagtes Drehbuchprojekt abgesagt worden war. Ich hatte sehr an diesem Projekt gehangen, es war der zweite Teil einer Krimireihe, die ich seinerzeit – das war im Herbst 2005 – entworfen hatte. Aus Frust über die Situation habe ich mich kurzerhand hingesetzt und etwas getan, was ich immer schon tun wollte: einen Roman entwerfen. Ich saß damals in Cuxhaven in einem Ferienhaus, es war sehr idyllisch – und in meiner Phantasie sprengte ich den S-Bahnhof Savignyplatz in die Luft. Sehr bizarr! In gut 14 Tagen entstanden damals der Plot und die ersten 30 Seiten des Buches.

MK: Zwillingsspiel bringt den Terrorismus nach Deutschland. Stand von Anfang an fest, dass der Roman in Deutschland spielen würde?
MS: Ja. Schon während meiner Zeit als Drehbuchautor hatte es mich gereizt, einen Thriller im politischen Berlin spielen zu lassen. Wenige Monate, bevor ich mit dem Entwerfen und Schreiben meiner Geschichte begann, waren zudem in der Londoner U-Bahn die Bomben der islamistischen Terroristen explodiert, ein Ereignis, das mich sehr bewegt hatte. Die Frage lag also nahe, einmal durchzuspielen, was wäre, wenn ein solches Attentat in Deutschland geschehen würde. Dabei reizte mich weniger die Tat als solche, sondern vielmehr, was sich aus einer solchen Tat entwickelt, was eine solche Tat in der Gesellschaft und beim Einzelnen auslöst.

MK: Paul Selig entspricht nicht unbedingt dem genre-typischen Kommissar. Wie ist die Figur entstanden?
MS: Ursprünglich war Kommissar Paul Selig nicht die Hauptfigur der Geschichte. Die sollte ein anderer sein, der Spin-Doktor Alexander Kaskan. Spin-Doktoren sind Imageberater, die Politiker bei ihren Wahlkämpfen betreuen und ihnen sagen, wie sie reden, gehen, denken sollen, damit sie gewählt werden. Kaskan als Hauptfigur hat beim Entwurf des Romans noch gut geklappt. Beim Schreiben aber hat sich gezeigt, dass die Figur und das Thema zwar faszinierend, aber emotional kalt sind. Damit sollte ich mich sechs Monate lang beschäftigen? Und wenn es mich schon nicht reizte, was würden dann erst die Leser sagen? Ich habe alles hingeworfen, bin wochenlang wie Falschgeld durch die Gegend gelaufen und habe versucht, meine Geschichte zu greifen. Dabei drängte sich nach und nach eine kleine Nebenfigur in den Vordergrund, die ich – den Genreregeln des Krimis folgend – in den Entwurf hineingeschrieben hatte: ein stotternder Kommissar. Diese Figur begann mich zu interessieren. Aber wie die Polit-Szene, die ich nicht aufgeben wollte, mit dem unsicheren Kommissar zusammenbringen? Es gab in dem Entwurf eine Frau, die als Beraterin des Innenministers ihre Strippen zieht, eine kühle und berechnende Taktikerin – könnte der Kommissar sich in die verlieben? Eine schlechte Idee, tausendmal schon gelesen oder gesehen – ich war ehrlich verzweifelt! Meine Frau hatte dann die so einfache wie geniale Idee, die beiden Geschwister sein zu lassen, zweieiige Zwillinge. Ich war wie elektrisiert: Diese beiden Figuren nebeneinander, das war spannend! Wieso haben sich die beiden so unterschiedlich entwickelt? Was ist in deren Vergangenheit passiert? Mit diesen Fragen im Kopf, und ohne die Antwort zu kennen, habe ich das Buch begonnen und, was diesen Aspekt angeht, intuitiv geschrieben. So ist "Zwillingsspiel" schließlich ein Geschwisterdrama geworden im Gewand eines spannenden Thrillers.

MK: Paul Seligs Schwester Lisa entspricht dem Klischee der Frau, die alles für ihre Karriere tut. Trotzdem gelingt es Ihnen, Ihrer Figur mehr zu geben, als das typische Klischee. Worin, glauben Sie, liegt der Reiz einer solchen Figur?
MS: Frauen mit Selbstbewusstsein haben schon immer die Phantasie von Männern angeregt. Da bin ich kein Stück anders als meine Geschlechtsgenossen. Wenn diese Frauen auch noch gut aussehen und ihr Aussehen berechnend einsetzen, dann kommt zu der Faszination, die diese Frauen ausstrahlen, noch etwas anderes hinzu: Gefährlichkeit. Man ist also angezogen und abgestoßen zugleich. Wirklich spannend wird es allerdings, wenn man bei einer solchen Romanfigur hinter die Fassade sieht und die Frage nach dem "Warum" stellt, ohne dabei zu urteilen oder gar zu verurteilen. Das fordert vom Leser eine eigene Position, gibt der Figur Dimension und bricht das Klischee, ohne die Faszination zu schmälern.

MK: Ihr Roman ist Familiendrama, Politthriller und Kriminalroman in einem. Welcher Part liegt Ihnen besonders am Herzen?
MS: Der Politthriller gibt die Farbe, der Kriminalroman die Spannung. Aber das Herz des Buches ist das Familiendrama. Mir persönlich ist dieser Aspekt des Buches am nächsten. Allerdings bin ich niemandem böse, wenn er das für sich anders entscheidet. Das Buch ist bewusst so geschrieben, dass die drei Erzählebenen des Buches nahezu gleichberechtigt nebeneinander stehen. Mal ist der eine Aspekt der Geschichte stärker gewichtet, mal der andere. Interessanterweise bekomme ich daher von Lesern immer wieder unterschiedliche Abschnitte des Buches genannt, die sie besonders spannend fanden. So finden zum Beispiel viele Frauen den ersten Teil des Buches, in dem der Kommissar Selig mit sich selbst und seinem Körper ringt, faszinierend, während Männer eher den plotorientierten zweiten Teil als spannend bezeichnen. Zum Glück wollen aber alle wissen, wohin die Geschichte geht – das eint Männer und Frauen.

MK: In Zwillingsspiel zeichnen Sie ein eher düsteres Bild der deutschen Politiker. Wie nah sind Sie der Realität gekommen?
MS: Die Politiker, die in meiner Geschichte auftreten, sind ja eher grob gezeichnet, quasi als Archetypen der Macht. In der Realität ist das sicherlich sehr viel ausdifferenzierter. Aber ich fürchte, dass die Menschen, denen es gelungen ist, den Weg durch die Niederungen der Partei hindurch nach ganz oben zu schaffen, viel von dem haben müssen, was ich meinen Figuren mitgebe. Ohne Machtbewusstsein und dem Willen, seine Macht auch durchzusetzen, kann niemand dort oben bestehen. Die Welt verändern wollen allein reicht nicht: Man muss auch zubeißen können – oder wissen, wann man besser abwartet und es mit kleinen und manchmal fiesen Tricks durch die Hintertür schafft.

MK: Eine der interessantesten Figuren ist der ehemalige Spindoktor Alexander Kaskan. Was hat Sie gereizt, gerade einer solchen Figur eine Hauptrolle zu geben?
MS: Ich finde es erschreckend und faszinierend zugleich, wie es gelingen kann, Menschen zu manipulieren. Wahlen werden nicht mit dem Kopf entschieden, sondern mit dem Bauch. Wenn ein Spindoktor entscheidet, dass ein ganzer Flugzeugträger einen Tag lang vor der Küste Amerikas kreuzt, damit das perfekte Abendlicht für die Pressekonferenz des amerikanischen Präsidenten herrscht, wenn das ganze hunderttausende von Dollar kostet und alle das auch noch in Ordnung finden – das ist so verrückt, dass ich wissen wollte, wie diese Welt tickt. Der Roman und die Figur Kaskan war daher für mich auch so etwas wie eine Entdeckungsreise. So verrückt es klingt: Mir ist dieser Spin-Doktor ans Herz gewachsen, mit seiner Verzweiflung, seiner Entschlossenheit. Es hat mir leid getan, ihn an seine Grenzen zu führen.

MK: Sie haben sehr erfolgreich als Drehbuchautor gearbeitet. Wie unterscheidet sich die Tätigkeit des Drehbuchautoren von der des Romanautoren?
MS: Als Drehbuchautor hat man eine ganz klar abgegrenzte Welt, in der man sich bewegt. Diese Welt ist häufig sehr eng: Man muss sehr genau wissen, was technisch geht, welche Szenen und Situationen gedreht werden können und welche nicht. Auch muss man sich – zumindest beim Fernsehen – nicht selten in ein starres Format einfügen. Die Kunst besteht hier, innerhalb dieser Grenzen das Maximale auszuloten. Beim Schreiben eines Romans ist es genau andersherum: Man hat die grenzenlose Freiheit, steht also quasi in einem unendlich großen Raum und muss sich in diesen Raum seine Welt hineinbauen. Auch keine leichte Situation. Beides hat seinen Reiz.

MK: Welche Arbeitstechniken des Drehbuchautoren haben Ihnen bei der Arbeit an Zwillingsspiel geholfen?
MS: Das Wichtigste ist sicherlich das strukturierte Denken, das man als Drehbuchautor wieder und wieder trainiert. Der Plot und die Backstory von "Zwillingsspiel" sind sehr komplex, und es hat viel mit der Struktur des Buches zu tun, dass der Leser in der Geschichte nicht die Orientierung verliert. Bei einem Film nehme ich den Zuschauer an die Hand und führe ihn durch die Geschichte – und das ist auch bei einem Roman nicht schlecht, zumindest bei einem spannenden Roman. Wichtig war auch das bildliche Schreiben, das ja beim Drehbuchschreiben besonders bedeutsam ist: Denn nur wenn es gelingt, eine Situation mit wenigen Worten möglichst plastisch darzustellen, kann sie der Regisseur auch zu entsprechenden Bildern umsetzen. Außerdem hat mir das jahrelange Schreibtraining geholfen. Und wichtig war die Erfahrung, dass man durch beharrliches Weiterarbeiten und Umschreiben auch tatsächlich weiterkommt. Ich weiß nicht, ob ich ohne dieses Wissen durch die Krisen des Projekts gekommen wäre.

MK: Wie sind Sie bei der Arbeit vorgegangen? Haben Sie den Plot im Vorfeld sehr genau geplant oder sich von der Handlung treiben lassen?
MS: Das Grundgerüst stand von Beginn an fest. Ich wusste, der Anschlag am Savignyplatz würde am Anfang der Geschichte stehen, und ich wusste, welche Konsequenzen in der politischen Welt aus diesem Anschlag gezogen werden würden. Aber da ich erst nach Beginn des Schreibens quasi eine Familienzusammenführung zweier Figuren meines Romans beschlossen hatte und diese Figuren die neuen Hauptfiguren waren, habe ich während des Schreibens meine Geschichte entlang der bestehenden Struktur neu entwickelt. Das war sehr aufregend und manchmal auch nervenaufreibend. Ist aber zum Glück gut gegangen. Ob das die perfekte Form des Schreibens ist, wage ich zu bezweifeln. Allerdings merke ich, dass ich jetzt bei meinem nächsten Buch, das ich gerade schreibe, genauso vorgehe.

MK: Wenn man den Roman liest, hat man das Gefühl einen Film zu erleben. Ist eine Verfilmung von Zwillingsspiel geplant?
MS: Es gibt erste Anfragen von Filmproduktionen, aber noch habe ich keine Entscheidung darüber getroffen. Grundsätzlich würde ich natürlich gerne meine Geschichte als Film sehen, dafür bin ich zu gerne Drehbuchautor und Film-Junkie. Aber erst einmal muss sich jetzt der Roman durchsetzen, bevor man an diesen nächsten Schritt geht.

MK: Wen könnten Sie sich als Paul Selig vorstellen?
MS: Das ist eine Frage, die ich nicht beantworten möchte. Ich möchte den Lesern nicht die Chance nehmen, sich beim Lesen in der Phantasie eine eigene Figur zu schaffen und dann vielleicht eigene Besetzungsideen zu entwickeln. Außerdem habe ich als Drehbuchautor gelernt, dass es immer mehrere Möglichkeiten gibt, eine Figur zu besetzen, und jede ist anders gut. Warten wir es ab.

MK: Sie haben Kunst und Musik studiert. Wie hat sich die Kreativität bei Ihnen bemerkbar gemacht?
MS: Die Entscheidung, Kunst und Musik zu studieren, hatte nichts mit Kreativität zu tun. Ich hatte nach dem Abitur bei meiner Heimatzeitung in Bremerhaven volontiert und war danach als Redakteur im Feuilleton eingestellt worden. Nach drei Jahren fand ich es nicht verkehrt, der Erfahrung ein wenig Fachwissen hinzuzufügen, deshalb habe ich gekündigt und mich als Student eingeschrieben. Nicht geplant war allerdings, dass ich während meines Studiums mit dem Film in Kontakt kam... Ich bin nie wieder in meine Zeitungsredaktion zurückgekehrt, sondern habe gleich nach dem Studium bei der Bavaria Film als Dramaturg begonnen. Wenn sich Kreativität bei mir bemerkbar gemacht hat, dann immer schon über das Wort, schon seit meiner Schulzeit. An einen Roman hatte ich in all den Jahren aber nie gedacht – das hatte ich mir nie zugetraut. Wer weiß, wenn mir seinerzeit der Drehbuchauftrag nicht abgesagt worden wäre, vielleicht würde es "Zwillingsspiel" heute nicht geben.

MK: Gab es Autoren die Sie beeinflusst haben?
MS: Besonders beeindruckt haben mich die Bücher von Friedrich Dürrenmatt, insbesondere seine Krimis, die ich wegen ihrer pfiffigen Plots und einer sehr klaren Sprache liebe. Sehr große Hochachtung!

MK: Sie wohnen im beschaulichen Bonn. Wie wichtig ist Ihnen Ruhe zum Schreiben?
MS: Sehr wichtig. Wenn ich in meine Bücher abtauche – und das bedeutet ja ein Abtauchen in eine aufregende, manchmal unheimliche Welt –, dann ist das eine sehr anstrengende Zeit. Anstrengend zum einen, weil das Strukturieren der Geschichte sehr viel Konzentration und Gedankenschmalz braucht, und zum anderen, weil ich die Gefühle der Figuren, die sich in meinem Roman bewegen, wirklich nachzufühlen versuche, um sie so klar und nachvollziehbar wie möglich zu formulieren. Wenn jetzt auch noch um mich herum das wilde Leben toben würde, dann würde mich das schlicht überfordern. Eine sanft rauschende Kastanie vor dem Haus ist daher das Aufregendste, was ich beim Schreiben sehe. Wird mir die Ruhe zuviel, dann mache ich mich auf nach Berlin, um wieder Atmosphäre und Inspiration zu tanken. Von Bonn aus bin ich mit einem der Politikertaxis schnell nach Berlin geflogen – man glaubt es nicht, aber unsere Politiker fliegen tatsächlich so wie alle möglichst mit Günstig-Airlines! Finde ich gut. Ist übrigens durchaus inspirierend, hinter Minister Schäuble und seinen Bodyguards zu sitzen. Nicht dass Herr Schäuble interessanter ist als andere Menschen. Aber es ist faszinierend, wie die Menschen, die ihn kennen und für ihn arbeiten, ihm begegnen – da ist wirklich Macht zu spüren.

MK: Wird es weitere Paul-Selig-Romane geben?
MS: Ja. Gerade sitze ich an einem zweiten Roman mit Kommissar Selig als Hauptfigur. Das wird zwar eine eigenständige neue Geschichte, aber der Roman wird auch erzählen, wie es mit Paul Selig und seinem Sohn weitergeht. Und mit den anderen Figuren, die mir und hoffentlich auch den Lesern mit "Zwillingsspiel" ans Herz gewachsen sind.

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